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Vienna Biennale for Change will „Lust auf Zukunft“ machen

Vier Monate, neun Ausstellungen und ein „magisches Dreieck der Zukunftsherausforderung“. Die Vienna Biennale for Change 2019 bespielt bis zum 6. Oktober mehrere Wiener Ausstellungslocations mit Zukunftsfragen. „Klimawandel, Digitalisierung und soziale Nachhaltigkeit“ benannte ihr Leiter und MAK-Direktor Christoph Thun-Hohenstein die Trias der Themen bei der Eröffnungspressekonferenz am Dienstag.

„Wie stellen wir sicher, dass diese neue digitale Moderne eine ökosoziale ist? Wie kann Technologie uns helfen, unseren ökologischen Fußabdruck zu verringern?“, umriss Thun-Hohenstein Fragen, in die sich die Künste, das Design und die Architektur unbedingt rechtzeitig einmischen müssten. Dabei geht es durchaus um Angst-besetzte Themen. „Uncanny Values“ heißt die große Ausstellung im MAK, die sich mit Spielformen künstlicher Intelligenz auseinandersetzt. „These people do not exist“, begrüßt eine Fotoprojektion mit scheinbaren Schnappschüssen unauffällig-sympathischer Gesichter. Daneben errechnet ein Kunstwerk via Algorithmus und Beobachtungen in sozialen Netzen und Kunstdatenbanken laufend seinen eigenen Wert.

„Vor genau 100 Jahren hat Sigmund Freud hier in Wien das Unheimliche als seelische Größe beschrieben“, erklärte Kurator Paul Feigelfeld den Titel, der sich von „Uncanny Valley“ ableitet – ein Prinzip in der Robotik, das den Umstand beschreibt, dass uns künstliche Intelligenz umso unheimlicher wird, je ähnlicher sie uns ist. Dabei nimmt die Schau auch eine historische Perspektive ein – etwa mit dem „Urahn“ der Sprachassistenten, „Eliza“ von Joseph Weizenbaum aus 1964-66. Brandneu ist dagegen eine Installation des Trios Tega Brain, Julian Oliver und Bengt Sjölen namens „Asunder“, für die eine künstliche Intelligenz auf Basis von Landschafts- und Bevölkerungsdaten Live-Berechnungen am Planeten vornimmt, um dann Vorschläge für dessen mitunter durchaus radikale Neugestaltung auszuspucken.

Neben dem Hauptquartier MAK erstrecken sich die Ausstellungen, Workshops, Konferenzen und Theaterarbeiten allerdings auch über die Kunsthalle, die Angewandte, die Ottakringer Brauerei und bis nach Bratislava – stets im Wechselspiel von wachrüttelnder Dystopie und hoffnungsvoller Utopie.

Ein mögliches Szenario für das Jahr 2047 hat man etwa den Angewandten-Räumlichkeiten am Franz-Josefs-Kai als „begehbare Erzählung“ einzurichten versucht, so deren Mitgestalterin Timna Brauer. Eine vom Klimawandel arg mitgenommene Kleinstadt, die man durchschreiten kann. Dabei „Lust auf Zukunft“ zu machen, wie die Gestalter sich vorgenommen haben, wird mit der düsteren Installation aber vermutlich nicht gelingen, zumal die hoffnungsvoll beschworene Beseitigung sozialer Ungleichheiten im Zuge der Klimakatastrophe hier nur schwer sinnlich nachvollziehbar ist.

In der Kunsthalle nimmt „Hysterical Mining“ sich Technologie und Digitalisierung aus feministischer Sicht vor und sieht eine Vielzahl von beherrschenden Algorithmen als geeignet, eine „endlose Reproduktion von Geschlechterklischees“ zu befördern, so Ko-Kuratorin Anne Faucheret. Dennoch versuche man sich an einem „technophilen“ Ansatz. In der Mitte der Ausstellung ist eine „Diskurs-Zone“ für Diskussionen, Workshops und Performances eingerichtet.

Ebenfalls partizipativ gibt sich das mit Anlass der Biennale neu eingerichtete MAK Design Lab: Ziel war es, sich als Labor für Themen der Gegenwart, nicht zuletzt für Schulklassen zu positionieren, so Katharina Mischer vom gestaltenden Studio mischer’traxler. Sechs Räume wurden neu eingerichtet, die Themenpalette reicht vom verantwortungsvollen Umgang mit Daten bis zum Teilen des Arbeitsplatzes mit künstlicher Intelligenz. Im neuen Lab, das als einzige der Ausstellungen über die Biennale hinaus bestehen bleiben wird, spüre man nach dem langen Prozess der Neugestaltung hoffentlich „viel Sturköpfigkeit und Liebe“.