Private Nachhilfe gehört für viele Familien in Österreich inzwischen zum Schulalltag, sie belastet Budgets und kostet Eltern Zeit. Neue Daten zeigen, dass die Nachfrage nach zusätzlicher Lernunterstützung hoch bleibt und überraschend früh einsetzt.
Doch wenn schulischer Erfolg teilweise davon abhängt, was sich eine Familie leisten kann, wer bleibt dann zurück? Die Ergebnisse werfen diese Frage auf und erhöhen den Druck in der Debatte über Bildungspolitik in Österreich.
Wann Nachhilfe beginnt
Die Studie 2026 wurde von IFES im Auftrag der Arbeiterkammer Wien zwischen März und Mai durchgeführt, befragt wurden 3.208 Eltern, die 4.728 Schulkinder bundesweit repräsentieren. Demnach erhalten 32 Prozent der Schülerinnen und Schüler, rund 338.000 Kinder und Jugendliche, Nachhilfe. Bereits 23 Prozent der Volksschulkinder brauchen zusätzliche Unterstützung.
Mathematik ist mit Abstand das häufigste Nachhilfefach, es steht in 66 Prozent der Fälle im Fokus. Es folgen Deutsch mit 33 Prozent und Fremdsprachen mit 18 Prozent. Mehr als die Hälfte der Kinder mit Nachhilfe will damit die Noten verbessern, 28 Prozent brauchen die Unterstützung, um eine negative Note oder eine Nachprüfung zu vermeiden.
Geht es bei Nachhilfe immer nur darum, dass Kinder mehr Übung brauchen? Eltern sehen das nicht so eindeutig. Sie führen 28 Prozent der bezahlten Nachhilfefälle auf wahrgenommene Defizite im Unterricht zurück, etwa weil der Stoff nicht ausreichend behandelt wird oder Stunden ausfallen.
Was Nachhilfe Familien abverlangt
Bezahlte Nachhilfe kostet im Schnitt 720 Euro pro Kind und Jahr, nach 800 Euro im Vorjahr. Der Rückgang spiegelt teilweise einen Wechsel von ganzjähriger Nachhilfe hin zu gezielter Unterstützung vor Tests und Schularbeiten wider. Insgesamt geben österreichische Haushalte jährlich 144 Millionen Euro aus. Die AK schätzt, dass davon rund 40 Millionen Euro für Unterstützung aufgewendet werden, die ihrer Ansicht nach in der Schule verfügbar sein sollte.
Das erhöht den Druck auf die Bildungspolitik, zumal der Zugang zu zusätzlicher Hilfe oft davon abhängt, was Eltern bezahlen können. Und was ist mit jenen, die einfach keine weiteren 700 Euro aufbringen können? Ihre Kinder brauchen womöglich dieselbe Hilfe, haben aber nicht denselben Zugang dazu.
Geld erzählt allerdings nur einen Teil der Geschichte. Rund 68 Prozent der Eltern unterstützen ihre Kinder mehrmals pro Woche beim Lernen, Eltern ohne Matura tun sich damit deutlich schwerer. Das Ungleichgewicht ist ihnen offenbar bewusst.
Nur 19 Prozent glauben, dass allein die Fähigkeiten der Kinder ihre Bildungschancen bestimmen. Drei von fünf sehen auch das Einkommen der Eltern als entscheidenden Faktor, und jede fünfte befragte Person hält es sogar für wichtiger als die Fähigkeiten des Kindes.
Die Volkshilfe hat hervorgehoben, was das für armutsgefährdete Kinder bedeuten kann. Schwierige Lernbedingungen können den Bedarf an zusätzlicher Unterstützung erhöhen, während begrenzte Haushaltsbudgets private Nachhilfe erschweren. In diesem Sinn reichen wirtschaftliche Entwicklungen in Österreich über die Finanzen der Haushalte hinaus bis in die Bildungschancen von Kindern.
Warum die AK auf Schulreformen drängt
Die AK argumentiert, dass mehr dieser Unterstützung in der Schule stattfinden sollte. Sie fordert höhere Investitionen, den Ausbau des Chancenindex und der Ganztagsbildung, bessere Unterrichtsqualität und geringere schulbezogene Kosten.
Gezielte Hilfe für armutsgefährdete Familien und Alleinerziehende gehört ebenfalls zu den Forderungen. Auch die grüne Bildungssprecherin Sigrid Maurer drängt auf einen schnelleren Ausbau der Ganztagsschulen und betont, dass die Chancen von Kindern nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen dürfen.
Die Chancen eines Kindes dürfen nicht von der finanziellen Situation der Eltern abhängen.
Sigrid Maurer
Heißt das, dass Nachhilfe selbst das Problem ist? Die Zahlen sprechen dagegen. In 71 Prozent der Fälle berichten Eltern vom gewünschten Lernerfolg. Die größere Frage ist, warum so viele Familien überhaupt externe Hilfe brauchen. Wenn fast ein Drittel der Schülerinnen und Schüler Nachhilfe erhält, droht zusätzliche Unterstützung weniger eine Frage des Bedarfs des Kindes zu sein als eine Frage dessen, was sich eine Familie leisten kann.
Offene Diskussion
Diskussion starten
Teilen Sie Kontext, Korrekturen und durchdachte Perspektiven. Bleiben Sie hilfreich, konkret und respektvoll.