Schön politisch: Jermolaewa zeigt Ballett und Blumen auf der Biennale

"Schwanensee" als Code des Umbruchs – Live-Auftritte von Oksana Serheieva – Blumen für die Revolution – Telefonzellen aus Traiskirchen – Musik auf Röntgenbildern – Eröffnung am Donnerstag

Es ist nicht die Tanz-, sondern die Kunstbiennale, doch Dienstagmittag war der Österreich-Pavillon in den Giardini von Venedig von „Schwanensee“-Klavierklängen erfüllt, zu denen die ukrainischen Balletttänzerin und Choreografin Oksana Serheieva live tanzte. „Rehearsal for Swan Lake“ heißt die zentrale Arbeit des heuer von Anna Jermolaewa gestalteten Länderauftritts – politisch und betörend zugleich. Drei Live-Auftritte täglich absolviert Serheieva während der Eröffnungstage.

Der heuer von Gabriele Spindler kuratierte Österreich-Auftritt ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Die in Russland geborene und seit 1989 in Wien lebenden Künstlerin ist bei ihrer aktiven Flüchtlingshilfe für nach dem russischen Angriffskrieg Geflüchtete der jungen Ukrainerin begegnet, die in Tscherkassy eine Ballettschule leitete und 2022 mit ihrer Familie nach Österreich flüchtete. Dass sie in dieser heiklen politischen Situation nun gemeinsame Sache machen, ist für Serheieva völlig natürlich: „Wir sind beide gegen diesen Krieg. Das ist es, was zählt, nicht aus welchem Land wir kommen“, versichert die Tänzerin im Gespräch mit der APA. Und gleichzeitig ist das, was so harmlos aussieht, in Wirklichkeit hoch brisant.

Das Ballett „Schwanensee“, das auch in zweistündigem Videomaterial zu sehen ist, aufgenommen bei Proben mit sechs Tänzerinnen in einem angemieteten Ballettstudio in Wien, ist ein Code, den jeder, der die Sowjetzeit miterlebt hat, sofort dechiffrieren kann, erklärt Anna Jermolaewa: „Das ist Teil eines kollektiven kulturellen Gedächtnisses: Wenn Tschaikowskys ‚Schwanensee‘ im Loop im sowjetische Fernsehen zu sehen war, wussten alle: Jetzt ist etwas Bedeutendes im Gange.“ Das sei beim Tod von Parteiführern wie Breschnew oder Andropow ebenso der Fall gewesen wie 1991 beim Augustputsch in Moskau. Heute „Schwanensee“ zu proben heißt also, sich für den Tag X bereit machen, der den nächsten Umbruch bedeute: weg von Putin.

Im via-a-vis gelegenen Raum des Hoffmann-Pavillons scheint kein Ballettstudio, sondern ein Blumengeschäft aufgebaut. Nicht nur vor Ballett, sondern auch vor Blumen fürchteten sich die Diktatoren, erläutert Jermolaewa beim Rundgang ihre „The Penultimate“ genannte Serie aus Pflanzenarrangements, die sie 2017 erstmals zeigte. Sie erinnern daran, wie viele Aufstände und Revolutionen Farben und Pflanzen als Symbol hatten – von der Nelkenrevolution 1974 in Portugal bis zur Lotusrevolution 2011 in Ägypten.

In einem kleineren Raum ist Jermolaewas Videoarbeit „Research for Sleeping Positions“, für die sie 2006 auf einer Sitzbank auf dem Wiener Westbahnhof, wo sie 17 Jahre zuvor als Neuankömmling ihre Nächte verbrachte, zu schlafen versuchte (in der Zwischenzeit hatte man die Bänke jedoch bewusst besonders unbequem gemacht). „Ribs“ hingegen zeigt eine Auswahl gebrauchter Röntgenfolienaufnahmen, die in der Sowjetzeit als Tonträger für verbotene Musik dienten. Einmal täglich wird eine Aufnahme dieser „Musik auf Knochen“ tatsächlich auf einem Plattenspieler abgespielt. Die dazu passende Playlist ist an der Wand zu sehen.

Im Hof schließlich sind sechs ausrangierte österreichische Telefonzellen aufgestellt. „Das sind jene Münzapparate, von denen die meisten Ferngespräche geführt werden“, erklärt Jermolaewa. Sie selbst hat von einer dieser Zellen 1989 ihre Verwandten in Sankt Petersburg angerufen, um ihnen zu sagen, dass sie gut in Wien angekommen ist. Diese Telefonzellen wurden nämlich 1988 im Flüchtlingslager Traiskirchen aufgestellt und erst kürzlich abgebaut, da sie infolge der hohen Handy-Verbreitung nicht mehr genutzt wurden. „Wir haben genau im richtigen Moment zugeschlagen“, freut sich die Künstlerin, die daran erinnert, dass im Film man der „Matrix“ nur mittels solcher altmodischen Telefonapparate entkommen konnte. Der Clou: Zwei der hier aufgestellten Apparate sollen funktionstüchtig seien.

„Es waren viele Arbeiten in Diskussion“, erläutert Kuratorin Spindler den Auswahlprozess für den Biennale-Auftritt Jermolaewas, der ideal auch zu dem Generalthema der Hauptausstellung der Kunstbiennale 2024 zu passen scheint: „Stranieri Ovunque – Foreigners Everywhere“. „Am Ende war uns wichtig, dass sich ein Kreis schließt: Vom Persönlichen ins Allgemeine und wieder zurück.“

Der Österreich-Pavillon wird am Donnerstag offiziell eröffnet. Auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat sich angesagt.

(S E R V I C E – 60. Biennale Venedig, 20. April bis 24. November; https://biennalearte.at/de/)

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