Nahost – Israel befreit 2 Geiseln – Hamas meldet viele Tote in Rafah

US-Zeitung: Planung für Rafah-Bodenoffensive braucht noch Zeit – Spekulationen über künftige Siedlungsräume für Palästinenser aus dem Gazastreifen

Dem israelischen Militär ist bei einem nächtlichen Einsatz in Rafah im Gazastreifen die Befreiung von zwei Geiseln gelungen. Bei der gemeinsamen Operation der israelischen Armee, des Geheimdiensts Shin Bet und der israelischen Polizei seien „zwei israelische Geiseln gerettet worden, Fernando Simon Marman (60) und Louis Har (70)“, hieß es am Montag in einer Erklärung. Die Hamas erklärte indes, bei israelischen Luftangriffen auf Rafah seien rund 100 Menschen getötet worden.

Die Angriffe trafen 14 Häuser und drei Moscheen in verschiedenen Teilen der Stadt, erklärte das Gesundheitsministerium der radikalislamischen Palästinenserorganisation am Montag. Der Sprecher der Hamas-Gesundheitsbehörde Ashraf Al-Qidra sprach später davon, dass die israelischen Angriffe auf Rafah 48 Palästinenser getötet haben. Wie die palästinensische Nachrichtenagentur WAFA am Montag in der Früh unter Berufung auf medizinisches Personal in Rafah meldete, seien unter den Todesopfern auch Kinder und Frauen. Bei den intensiven Angriffen in verschiedenen Teilen der Stadt seien zudem Hunderte weitere Menschen verletzt worden.

Das israelische Militär hatte kurz zuvor bekannt gegeben, dass „eine Serie von Angriffen auf Terrorziele in der Gegend von Shaboura im südlichen Gazastreifen“ durchgeführt worden sei. Shaboura liegt bei der Stadt Rafah, wo Hunderttausende palästinensische Binnenflüchtlinge Schutz gesucht haben. Die Angriffsserie sei beendet worden, hieß es in der kurzen Mitteilung des israelischen Militärs auf Telegram.

Bei der Befreiung der Geiseln seien „drei Terroristen in dem Gebäude, in dem sie festgehalten wurden“, getötet worden, hieß es von der Armee. Die beiden Geiseln waren am 7. Oktober aus dem Kibbuz Nir Yitzhak entführt worden. Nach ihrer Freilassung wurden sie in ein Krankenhaus in Ramat Gan gebracht. Dem Krankenhausleiter zufolge sind sie in guter gesundheitlicher Verfassung.

Beim Überfall der von der EU und der USA als Terrororganisation eingestuften Hamas auf Israel am 7. Oktober waren israelischen Angaben zufolge rund 1.160 Menschen brutal getötet und 250 als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt worden. Vor der Befreiung der beiden Geiseln am Montag schätzte Israel, dass noch 132 Geiseln in Gaza festgehalten wurden, 29 sollen demnach tot sein.

Israel plant eine Militäroffensive auf Rafah auch am Boden. Das sorgt international für deutliche Kritik. Nach Angaben von Augenzeugen hat das israelische Militär bereits mehrfach Ziele in der Stadt aus der Luft angegriffen. Israelische Bodentruppen waren dort bisher aber nicht im Einsatz. Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu hatte der Armee des Landes am Freitag den Befehl erteilt, eine Offensive auf Rafah vorzubereiten. „Es ist unmöglich, das Kriegsziel der Eliminierung der Hamas zu erreichen, wenn vier Hamas-Bataillone in Rafah verbleiben“, ließ er mitteilen. Die Armee soll deshalb die Evakuierung der Zivilisten in Rafah vorbereiten.

Israels Armee hat die Planung einer Bodenoffensive gegen Rafah laut einem Medienbericht aber bisher nicht abgeschlossen. Die Strategie für eine Offensive auf die an Ägypten grenzende Stadt, in der Hunderttausende palästinensische Binnenflüchtlinge Schutz gesucht haben, sei „sehr komplex“ , zitierte die „New York Times“ am Sonntag (Ortszeit) israelische Beamte und Analysten. Netanyahus Vorhaben stößt international auf Kritik, darunter auch aus Österreich und seitens der UNO. US-Präsident Joe Biden forderte ein überzeugendes Konzept für den Schutz der dortigen Zivilbevölkerung. Die USA sind der engste Verbündete Israels.

Avi Dichter von Netanyahus konservativer Likud-Partei habe vorgeschlagen, dass die Bewohner des von Israel abgeriegelten Gazastreifens in ein Gebiet westlich von Rafah entlang der Küste umgesiedelt werden könnten, berichtete die „New York Times“ weiter. Yaakov Amidror, ein ehemaliger General und nationaler Sicherheitsberater, sehe auch noch andere Optionen, darunter einige Gebiete im Zentrum des Küstenstreifens, in die das Militär bisher nicht vorgestoßen sei. Auch die nahe gelegene Stadt Khan Younis könne eine Option sein, sobald Israel den dortigen Militäreinsatz gegen die Hamas beendet habe, hieß es.

Rafah gilt als letzter Zufluchtsort für palästinensische Zivilisten angesichts der israelischen Militäroperation gegen die Terrororganisation Hamas. In dem Ort, der vor dem Krieg rund 300.000 Einwohnerinnen und Einwohner hatte, sollen sich inzwischen weit mehr als eine Million Palästinenserinnen und Palästinenser aufhalten. Kritiker werfen Israel vor, eine ethnische Säuberung des Gazastreifens im Sinn zu haben. Die Hamas hatte am Sonntag gewarnt, eine israelische Offensive „torpediere“ jede Vereinbarung über eine Freilassung der Geiseln, die sie im Gazastreifen noch festhält.

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