"Candide" im TaW: Eine grellbunte Party des Pessimismus

Lydia Steier zündet für Bernsteins Genrehybrid ein Feuerwerk inszenatorischer Ideen und stößt damit wohl zum Kern des satirischen Werks vor

Man könnte meinen, Leonard Bernstein gehöre zu den heurigen Jahresregenten, feiert doch das Biopic „Maestro“ derzeit im Kino sowie auf Netflix Erfolge und bringt die Volksoper am 27. Jänner seine „West Side Story“ heraus. Nicht zuletzt hat das MusikTheater an der Wien am Mittwochabend aber die selten gespielte Satire „Candide“ des Komponisten auf den Spielplan gesetzt. Dabei hat man den Genrehybrid in die Hände von Regisseurin Lydia Steier gelegt – und die geht aufs Ganze.

Will man das Zwitterwesen aus Broadwaymusical, Singspiel und komischer Oper, das gleichsam als Schmelzofen europäischer Musikkultur fungiert, bei den Hörnern packen, dann bleibt wohl nicht viel anderes, als dem Affen Zucker zu geben. Und Steier hat einen ganzen Zuckersack zur Verfügung, um die Geschichte des reinen Tors Candide zu erzählen, die Bernstein und seine erste Textdichterin Lillian Hellman aus Voltaires Roman „Candide oder der Optimismus“ herausgeschält haben.

Die Tour de Force des naiven Optimisten rund um die Welt und durch all deren denkbare Unbilden zeigt Steier mit ihrem Bühnenbildner Momme Hinrichs in rasanter Schlagzahl als Puppentheater an der Rampe, in nostalgischer Vaudevilletheaterästhetik, mit grellfarbigen Tanznummern wie aus den 50ern oder in Campästhetik der 2000er. Ein szenischer Einfall jagt den anderen, überall wuselt es, wobei Steier auch nicht vor Trash nicht zurückschreckt und Toreros in lilafarbenen Glitzerhosen mit der aufgenähten Gottesmutter im Schoß tanzen lässt, Butt-Plugs zum Einsatz bringt oder Candides geliebte Cunegonde ihre berühmte „Glitter and be Gay“-Arie singen lässt, während sie ein Freier nach dem anderen von hinten nimmt.

Bernstein selbst haderte Jahrzehnte mit der Adaption seines Stücks. Die ursprüngliche Fassung aus 1956 geriet zum Flop, der sich 1974 eine von anderen zusammengestellte Broadwayfassung anschloss, die ein Erfolg wurde – anders als die von Bernstein selbst initiierte dritte Fassung aus 1988. Letztlich sitzt „Candide“ als Mischling aus Sprechstück, Operette, Musical und Oper zwischen allen theatralen Stühlen. Doch Steier besetzt all diese Sessel, liefert große, satirische Welterklärung ebenso wie kunterbunten Slapstick und stößt damit vielleicht zum stilistischen Kern des Werks vor.

Und wer wäre berufener in Wiener Gefilden als die einstige Bernstein-Schülerin Marin Alsop, dieses Werk mit ihrem RSO im Graben zu gestalten? Alsop überzieht dabei nicht ins Parodistische, sondern legt eine zurückhaltende, temporeiche Deutung vor, über der das Sängerensemble dann variieren kann. Der US-Wahlberliner Matthew Newlin gibt bei seinem Hausdebüt den großäugigen Candide in Satinstrumpfhosen, dem die deutsche Sopranistin Nikola Hillebrand als bildhübsche Cunegonde in Spielfreude in nichts nachsteht und sich für keine inszenatorischen Einfall zu schade ist. Beiden gemein ist das geradlinige Timbre, das stimmlich nicht versucht im bunten Reigen auch noch zu outrieren, sondern stattdessen auf eine saubere Interpretation der Partien sorgt.

So legt das MusikTheater an der Wien viereinhalb Jahre, nachdem man „Candide“ bereits in der Kammeroper-Dependance gezeigt hatte, eine neue, freche Deutung des Werks vor, das den Optimismus zwar als unnütz in katastrophalen Zeiten zeigt, aber anstelle des Lamentos eine Party des Pessimismus setzt. Vielleicht ja der passende Ansatz für das neue Jahr.

(Von Martin Fichter-Wöß/APA)

(S E R V I C E – „Candide“ von Leonard Bernstein im MusikTheater an der Wien im Halle E im Museumsquartier, Museumsplatz 1, 1070 Wien. Musikalische Leitung des RSO: Marin Alsop, Inszenierung: Lydia Steier, Bühne/Video: Momme Hinrichs, Kostüm: Ursula Kudrna. Mit Erzähler – Vincent Glander, Candide – Matthew Newlin, Cunegonde – Nikola Hillebrand, Maximilian/Tsar Ivan – James Newby, Dr. Pangloss/Martin – Ben McAteer, Old Lady – Helene Schneiderman, Grand Inquisitor/Captain/Governor/Vanderdendur/Ragotski – Mark Milhofer, Paquette – Tatiana Kuryatnikova, Baron/Don Issachar/Inquisitor II/Señor I/Charles Edward/Crook – Paul Knights, Señor II/Inquisitor III/Hermann Augustus – Arvid Assarsson, Sultan Achmet – Benjamin Savoie, Archbishop/Stanislaus – Benjamin Heil, Baronesse – Pablo Delgado, Bear-Keeper – Alessio Borsari, Cosmetic Merchant – Takanobu Kawazoe, Doctor – Tomasz Kufta, Junkman – Zacharías Galaviz-Guerra, Alchemist – Carl Kachouh, Croupier – Jörg Espenkott, u.a.. Weitere Aufführungen am 19., 21., 23., 26., 28. und 30. Jänner sowie am 1. und 3. Februar. www.theater-wien.at/de/spielplan/saison2023-24/1232/Candide)

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