Disney und die PKK: 1000 Einfälle für "1000 Eyes" im Schauspielhaus

Sahar Rahimi überfrachtet ihre Inszenierung des politischen Stücks von Mazlum Nergiz mit Figuren aus ihrem "popkulturellen Background" – Zeichentrickfiguren, Kunstfilm und Kurdenmorde

Es beginnt wie eine Kinovorstellung. Auf der Leinwand ist flimmernd bereits der Titel des Schwarz-Weiß-Films eingeblendet: „1000 Eyes“. Doch was wie eine nette Anspielung auf die Vorgeschichte des Wiener Schauspielhauses als „Heimat-Kino“ wirkt, ist der Beginn einer Theateraufführung, für die Regisseurin Sahar Rahimi 1000 Einfälle gehabt hat. Zu viele. „Ich check immer noch immer nix“, sagt ein Disney-Zwerg schon bald. Das wird sich zwei Stunden lang nicht gravierend ändern.

Am Schluss steht wieder ein Film, der 1958 gedrehte Horrorfilm „The Blob“ über einen menschenfressenden Schleimpilz, und der Satz: „Der Trailer des Films endet mit dem Satz: ‚Terror has no shape.'“ Die 1981 in Teheran geborene Regisseurin und Performancekünstlerin Rahimi freilich geht den gegenteiligen Weg: Sie fügt der Geschichte um die kurdische Filmstudentin Asma, die in Paris ihren Abschlussfilm über die Jänner 2013 verübte Ermordung der kurdischen Widerstandskämpferinnen Sakine Cansiz, Fidan Doğan und Leyla Söylemez drehen will und plötzlich verschwindet, eine Vielzahl von Film- und Zeichentrick-Figuren hinzu.

Nachvollziehbar wird das nur durch die Lektüre ihrer konzeptionellen Anmerkungen im Programmblatt: Weil sie die kurdische Familiengeschichte, die das Stück erzählt, „berührt und mich empathisch sein lässt“, habe sie sich „an Figuren aus meinem popkulturellen Background, mit denen ich Empathie empfunden habe“, erinnert. Also spielt Frankenstein Asmas Mutter, erklären vier der sieben Disney-Zwerge, was die als Terrororganisation eingestufte PKK ist, spielt Cowboy Woody aus „Toy Story“ Asmas Filmprofessor und verkaufen Zeichentrick-Tiere in der „Pause“ des Films Snacks an die Besucher. Sehr bunt, sehr verwirrend.

Der Autor und Dramaturg Mazlum Nergiz, 1991 in Diyarbakır (Türkei) geboren und seit Beginn der Saison Mitglied im neuen Leitungsteam des Schauspielhauses, hat „1000 Eyes“ 2021 für die franko-argentinische Theaterkompanie El Vaïvén und das Pariser Regiefestival „Prix T13“ geschrieben. Die Wiener Inszenierung, in der auch ein Teil des Publikums die Seiten wechseln muss, rückt den politischen Hintergrund des Stückes, in dem auch der französische Komponist Jacques Besse eine unklare Nebenrolle spielt, ganz weit weg – was u.a. deshalb schade ist, weil auch die Wiener Kurdenmorde von 1989 und die schmähliche Rolle der Wiener Regierung dabei zur Sprache kommen. „In meiner Praxis reflektiere ich die Erfahrung von Abwesenheit“, erklärt der Autor. Anwesend waren dafür Daisy Duck und Minnie Maus. Sie sahen nicht danach aus, als wüssten sie, wozu man sie engagiert hatte.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E – „1000 Eyes“ von Mazlum Nergiz, Regie: Sahar Rahimi, Bühne und Kostüme: Evi Bauer, Musik: Niki Neecke. Mit Iris Becher, Tina Keserović, Kaspar Locher, Sophia Löffler, Romy Nagl/Ela Paul, Sissi Reich, Maximilian Thienen. Schauspielhaus Wien, Wien 9, Porzellangasse 19. Tel.: 01 / 317 01 01. Nächste Vorstellungen: 16.-19.1., 26.-28.1., www.schauspielhaus.at)

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