Nahost – Tote bei Israels Luftangriffen im Westjordanland und Gaza

Israel: Militante griffen in Jenin Polizei an – Israelische Polizistin und Zivilist getötet – Zwei palästinensische Journalisten getötet – Dreijährige starb durch Polizeischüsse

Bei einem israelischen Luftangriff auf Jenin im Westjordanland sind nach Angaben des dortigen Gesundheitsministeriums sechs Palästinenser getötet worden. Der Angriff habe sich gegen eine Bürgerversammlung gerichtet, hieß es am Sonntag. Das israelische Militär sprach von einem Angriff auf militante Palästinenser. Bei einem Luftangriff im Süden des Gazastreifens kamen zwei palästinensische Journalisten ums Leben. Außerdem gab es Gefechte im Grenzgebiet zum Libanon.

Nach Angaben des Senders Al Jazeera wurden am Sonntag zwei palästinensische Journalisten bei einem israelischen Angriff getötet. Der auch für die Nachrichtenagentur AFP tätige Videojournalist Mustafa Thuria und der Al-Jazeera-Journalist Hamsa Wael Dahduh seien bei einem „gezielten Angriff“ auf ihr Auto ums Leben gekommen. Auch das von der Hamas kontrollierte Gesundheitsministerium im Gazastreifen machte Israel für den Angriff verantwortlich. Die Terrororganisation sprach von einem „abscheulichen Verbrechen“. Der Sender teilte mit, das Auto des Sohnes des in der arabischen Welt bekannten Korrespondenten Wael al-Dahduh sei im Westen der Stadt Khan Younis unterwegs gewesen, als eine Rakete einschlug. Im vergangenen Monat war Al-Dahduh selbst bei einem Raketenangriff verletzt worden. Er verlor nach seiner Frau, zwei Kindern und einem Enkel nun auch seinen ältesten Sohn.

Israels Armee teilte unterdessen mit mehr als 100 Ziele palästinensischer Terroristen in der heftig umkämpften Stadt Khan Younis im Süden des Gazastreifens zerstört zu haben. Dutzende Terroristen seien dort zudem getötet worden, teilte das Militär am Sonntag mit. Soldaten zerstörten demnach etwa Tunnel, Beobachtungsposten sowie ein Hauptquartier der Hamas. Dieses habe die Islamistenorganisation auch für die Planung ihres Massakers am 7. Oktober in israelischen Grenzorten genutzt.

Im Grenzgebiet zwischen Israel und dem Libanon gab es wieder gegenseitige Angriffe zwischen der israelischen Armee und der Hisbollah. Die Angriffe richteten sich gegen Terroristen und mehrere Ziele der vom Iran unterstützten Miliz im Nachbarland, teilte das israelische Militär am Sonntag mit. Zudem sei in der Nacht auf Sonntag ein „feindliches Fluggerät“ aus dem Libanon über Nordisrael abgefangen worden. Die Hisbollah teilte mit, sie habe israelische Soldaten nahe der Grenze mit Raketen angegriffen. Nach Angaben der staatlichen libanesischen Nachrichtenagentur NNA wurden mehrere Grenzorte von israelischem Artilleriebeschuss getroffen. Es gab zunächst keine Berichte über Opfer.

Die in Jenin getöteten Palästinenser seien zwischen 18 und 29 Jahre alt, teilte die Gesundheitsbehörde in Ramallah mit. Unter den Toten seien vier Brüder, berichteten Familienangehörige. Israelischen Angaben zufolge handelte es sich bei den Getöteten um Terroristen, die zuvor Sicherheitskräfte attackiert hätten. Ein Drohnenangriff galt nach Darstellung der israelischen Armee einem Palästinenser, der bei einer Razzia in Jenin Sprengsätze auf Einsatzkräfte geschleudert habe.

An einem Kontrollpunkt nahe der israelischen Siedlung Givat Seev zwischen Jerusalem und Ramallah kam am Sonntag ein dreijähriges Mädchen durch Kugeln israelischer Polizisten ums Leben. Sie wurde getroffen, als die Polizisten auf zwei Lieferwagen schossen, die einen Anschlag verüben wollten. Das Kind saß in einem anderen Auto.

Bei dem Anti-Terror-Einsatz in der Stadt im Norden des von Israel besetzten Westjordanlands wurde Armeeangaben zufolge auch eine israelische Grenzpolizistin getötet. Ein Wagen der Polizei sei über einen Sprengsatz gefahren. Weitere Einsatzkräfte wurden demnach dabei verletzt. Israelischen Medien zufolge war die getötete Polizistin 19 Jahre alt. Laut den Berichten wurden insgesamt drei Sicherheitskräfte bei der Explosion verletzt.

Im Westjordanland wurde nach Angaben der Armee außerdem ein israelischer Zivilist erschossen. Soldaten suchten nach den Tätern, teilte die israelische Armee am Sonntag mit. Bei dem Getöteten soll es sich israelischen Medienberichten zufolge um einen 33 Jahre alten arabischen Israeli handeln. Der Mann und seine Begleiterin seien am Sonntag in ihrem Auto in der Nähe einer israelischen Siedlung nördlich der Stadt Ramallah angegriffen worden. Den Berichten zufolge wurde die Frau, eine arabische Israelin, verletzt. Ein Palästinenser habe sie mit seinem Wagen in ein Krankenhaus in Ramallah gebracht. Der Rettungsdienst Magen David Adom teilte mit, der getötete Mann habe Schusswunden an seinem Körper gehabt.

Seit Beginn des Krieges im Gazastreifen Anfang Oktober wird die bereits zuvor angespannte Lage im von Israel besetzten Westjordanland immer kritischer. Laut der Palästinensischen Autonomiebehörde wurden im Westjordanland seit dem Überfall der Hamas auf Israel mindestens 327 Palästinenser von israelischen Soldaten oder Siedlern getötet. Im Gazastreifen wurden nach Angaben der dortigen Gesundheitsbehörde binnen 24 Stunden mindestens 113 Palästinenser getötet. Rund 250 Menschen seien verletzt worden. Insgesamt seien damit seit Beginn der israelischen Angriffe Anfang Oktober 22.835 Menschen getötet worden. Seit Freitag hält sich US-Außenminister Antony Blinken in der Region auf und bemüht sich um eine Deeskalation der Lage. Neben mehreren arabischen Staaten und Israel wollte er auch das Westjordanland besuchen.

Es wird befürchtet, dass sich der Konflikt im Gazastreifen auf das Westjordanland und darüber hinaus ausweitet. Auch im Grenzgebiet zwischen Israel und dem Libanon kommt es immer wieder zu Scharmützeln zwischen dem israelischen Militär und der libanesischen Hisbollah-Miliz.

Hamas-Kämpfer waren am 07. Oktober in israelisches Gebiet eingedrungen und hatten rund 1.200 Menschen getötet, zumeist Zivilisten. Zudem ließ die radikalislamische Organisation etwa 240 Menschen als Geiseln in den Gazastreifen verschleppen. Israel reagierte mit der Bombardierung des palästinensischen Küstenstreifens und startete eine Bodenoffensive, die nach wie vor andauert.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu pochte am Sonntag auf die Fortsetzung des Militäreinsatzes im Gazastreifen. „Der Krieg darf nicht beendet werden, bevor wir unsere Ziele erreicht haben“, sagte Netanyahu zu Beginn der wöchentlichen Sitzung seines Kabinetts. Als Ziele nannte er die Beseitigung der im Gazastreifen herrschenden Hamas, die Rückkehr aller Geiseln und die Sicherstellung, dass der Gazastreifen keine Gefahr mehr für Israel darstellt. „Ich sage das sowohl unseren Feinden als auch unseren Freunden“, fügte er hinzu.

Außerdem drohte er der Hisbollah-Miliz im Libanon. „Ich schlage vor, dass die Hisbollah lernt, was die Hamas in den letzten Monaten bereits gelernt hat: Kein Terrorist ist immun“, sagte Netanyahu nach Angaben seines Büros am Sonntag bei einer Kabinettssitzung. Neuerlich gab es gegenseitige Angriffe Israels und der Hisbollah, die am Sonntag insgesamt zehn Angriffe für sich reklamierte. Mehrere libanesische Grenzorte wurden von israelischem Artilleriebeschuss getroffen.

Unterdessen bemühten sich westliche Politiker bei Treffen in der Region um Deeskalation. US-Außenminister Antony Blinken sprach bei einem Besuch in Katar von einem „Moment erheblicher Spannungen“ für die gesamte Region. Der Konflikt könnte schnell metastasieren, was noch mehr Leid in der Region verursachen würde“, sagte er auf seiner bereits vierten Nahost-Reise seit Kriegsbeginn. Blinken forderte Israel eindringlich auf, mehr zum Schutz von Zivilisten zu tun. „Es sind schon viel zu viele unschuldige Palästinenser getötet worden“, sagte er. Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock begann eine Nahost-Reise in Jerusalem, wo sie Präsident Yitzhak (Isaac) Herzog und ihren neuen Amtskollegen Israel Katz. Dieser dankte Baerbock nach Angaben seines Büros für die deutsche Unterstützung, etwa auch das Betätigungsverbot für die Terrororganisation Hamas. „Als Sohn von Holocaust-Überlebenden sehe ich es als besonders wichtig an, dass Deutschland uns unterstützt und uns in allen Bemühungen zur Seite steht“, so Katz. Baerbock warb im Vorfeld des Treffens für eine Umsetzung der Zwei-Staaten-Lösung. „Das Drehbuch des Terrors darf nicht noch weiter aufgehen“, sagte sie.

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.