"Le Grand Macabre" an der Staatsoper: Eine zeitlose Endzeitgroteske

Einzige Oper von György Ligeti in der Inszenierung von Jan Lauwers als erfolgreicher Tanz auf dem Vulkan

Das Ende der Zeit ist nahe. Oder eigentlich doch nicht. Denn am Ende von György Ligetis einziger Oper „Le Grand Macabre“ ist es nicht die dekadente Gesellschaft, die untergeht, sondern der Todesbote Nekrotzar. Die Wiener Staatsoper hat am Samstag das Werk im Jahr des 100. Geburtstags des 2006 verstorbenen Ligeti erstmals auf den Spielplan gesetzt – und landet dank dem belgischen Allroundkünstler Jan Lauwers einen Erfolg.

1997 erblickte die Neufassung des ursprünglich 1978 uraufgeführten „Grand Macabre“ in Salzburg das Licht der Welt. Und diese dient nun auch in Wien als Grundlage für die Groteske um das ebenso fiktive wie korrupte, auf Triebbefriedigung ausgerichtete Breughelland, das vom Grand Macabre heimgesucht wird, der zu Mitternacht das Ende dieser Welt verkündet. So groß ist dieser Grand Macabre bei Jan Lauwers allerdings nicht. Georg Nigls Nekrotzar ist mehr ein kleines Würstchen, das am Ende untergeht, während die Gesellschaft unbeschadet fortbesteht. „Le Grand Macabre“ ist gleichsam ein „Jedermann“, bei dem am Ende der Tod verliert.

Die Staatsopern-Premiere ist dabei ein belgischer Abend, setzt der Antwerpener Jan Lauwers doch in der Opernadaption des Romans seines Landsmannes Michel de Ghelderode auf Bilder von Pieter Bruegel im Hintergrund. Und auch das Gewusel auf der Bühne selbst erinnert an die vielbevölkerten Arbeiten des flämischen Meisters.

Lauwers, der bis dato in Österreich eher mit seinen Energieinjektionen von frühbarocken Opern in Erscheinung getreten ist, setzt nun auch bei Ligeti auf starke Tanzelemente. Es ist ein steter Bewegungsfluss, den der Choreograf Lauwers dem Regisseur Lauwers zur Verfügung stellt – und das auf einem Niveau, das sich von den verkrampft-höfischen Tänzeleien meilenweit abhebt, die oftmals von Regisseuren für Tanzeinlagen bei Opern verwendet werden. Hinzu kommen überdimensionale Hängefiguren, die an Jeff Koons gemahnen, oder ein aufblasbares Riesenpferd, dem alsbald die Luft ausgeht. Es ist nicht die Aktualisierung mittels überdeutlicher Parallelen zu unserem gefühlt eschatologischen Zeitalter, die Lauwers sucht, sondern die dezidierte Allgemeingültigkeit.

Dieser Ansatz scheint umso stringenter, als er dem Impetus Ligetis entspricht, der in seinem Lärmorchester aus Autohupen, Klingeln und Papier auch bejahrte Instrumente wie das Cembalo zu Wort kommen und verdrehte Zitate von Offenbach bis Schumann anklingen lässt. Pablo Heras-Casado, der mit Lauwers auch bereits bei Monteverdis „L’Incoronazione di Poppea“ an der Staatsoper zusammenarbeitete, schafft ebenfalls nahtlos den Sprung vom 16. ins 20. Jahrhundert. Der Spanier hält am Pult das Orchester zusammen, überzieht nicht in die Persiflage, sondern setzt den musikalischen Humor Ligetis fein dosiert.

Lauwers indes hält sich auf der Bühne hier weniger zurück und geht teils in die Vollen, wenn der franko-zyprische Sopranshootingstar Sarah Aristidou ihre halsbrecherische Partie auf sicherem Fundament intoniert – nicht nur stimmlich, sondern auch im überdimensionalen Reifrock, während der aus seiner Kooperation mit Olga Neuwirth bekannte Counter Andrew Watts einen kauzigen Fürst Go-Go geben darf und Marina Prudenskaya als herrliche Furie Mescalina ihren Mezzo in wahre Untiefen treibt. Die Bilanz am Ende: Breughelland ist nicht abgebrannt. Im Gegenteil: Es treibt an der Wiener Staatsoper neue Blüten.

(Von Martin Fichter-Wöß/APA)

(S E R V I C E – „Le Grand Macabre“ von György Ligeti an der Staatsoper, Opernring 2, 1010 Wien. Musikalische Leitung: Pablo Heras-Casado, Inszenierung/Bühne/Choreografie: Jan Lauwers, Co-Coreografie: Paul Blackman, Kostüme: Lot Lemm, Licht: Ken Hioco. Mit Nekrotzar – Georg Nigl, Chef der Gepopo/Venus – Sarah Aristidou, Fürst Go-Go – Andrew Watts, Amanda – Maria Nazarova, Amando – Isabel Signoret, Astradamors – Wolfgang Bankl, Mescalina – Marina Prudenskaya, Piet vom Fass – Gerhard Siegel, Weißer Minister – Daniel Jenz, Schwarzer Minister – Hans Peter Kammerer, Ruffiack – Jusung Gabriel Park, Schobiack – Jack Lee, Schabernack – Nikita Ivasechko. Weitere Aufführungen am 14., 17., 19. und 23. November. www.wiener-staatsoper.at)

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