Eiserner Vorhang der Staatsoper: Anselm Kiefer schuf "Solaris"-Motiv

Deutscher Künstler ließ sich von Stanislaw Lems Roman inspirieren – Staatsoperndirektor Roščić: "Künstler, der in der Kunstwelt der vergangenen 50 Jahre besonders tiefe Spuren gegraben hat"

„Solaris“: Diesen Titel trägt der neue Eiserne Vorhang der Wiener Staatsoper, den der deutsche Künstler Anselm Kiefer für die neue Saison geschaffen hat. Darin nimmt er auf 176 Quadratmetern Bezug auf Stanislaw Lems gleichnamigen Roman, wie er am heutigen Mittwoch bei der Präsentation in der Staatsoper erläuterte. Somit finden sich die Zuschauer künftig auf einem Tausende Lichtjahre entfernten Exoplaneten wieder, oder besser gesagt: in dessen Ozean, den Kiefer in Szene setzt.

„Die Liste jener Künstlerinnen und Künstler, die den Eisernen Vorhang bisher bespielt haben, ist eine Bemerkenswerte“, erinnerte Staatsoperndirektor Bogdan Roščić u.a. an John Baldessari, David Hockney oder Maria Lassnig. „Heute kommt ein Künstler hinzu, der in der Kunstwelt der vergangenen 50 Jahre besonders tiefe Spuren gegraben hat“, so Roščić über den 78-jährigen Anselm Kiefer, der auch die österreichische Staatsbürgerschaft besitzt.

Der dazugehörige Text zu Kiefers Eisernem Vorhang mit dem Titel „Die eiserne Zeit“ stammt von Christoph Ransmayr: „Eisen… Eisen! Was wurde diesem chemischen Element, dem vierthäufigsten Urstoff der Erdkruste mit der bescheidenen Atomzahl 26, nicht schon alles zugeschrieben: Dauerhaftigkeit, Unzerstörbarkeit, der Zauber der Unbesiegbarkeit und in der Hand von Helden Macht und Herrlichkeit“, zitierte Kaspar Mühlemann Hartl, Geschäftsführer von museum in progress, aus dem Text des Autors.

Seit 1998 wird im Rahmen einer von museum in progress konzipierten Ausstellungsreihe der originale Eiserne Vorhang von Rudolf Eisenmenger (1902-1994) von einer mit Magneten angebrachten, jährlich wechselnden Arbeit verdeckt. Das NSDAP-Mitglied Rudolf Eisenmenger ist umstritten. Zu den Fans seiner Kunst soll auch Adolf Hitler gezählt haben. Er bekam aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg Aufträge (etwa für den Wandbehang im Kinosaal des Künstlerhauses) und Ehrungen wie das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst. „Eisenmenger ist ein geeigneter Kandidat für Aberkennung von Ehrentiteln, wie sie ab 2024 möglich wird“, so Mühlemann Hartl.

Hans-Ulrich Obrist, der als Vertreter der Jury sprach, erinnerte an ein Gespräch, das er 1999 mit Stanislaw Lem führte. Dort habe er über die Zukunftsforschung gesagt, dass diese ein „Zusammenspiel zwischen den verschiedenen Disziplinen“ sei. „Das gilt auch für das Werk von Anselm Kiefer“, so Obrist in Bezug auf frühere Opern-Arbeiten von Kiefer. Auf diese nahm Kiefer schließlich auch selbst Bezug und gab Anekdoten von Arbeiten – unter anderem am Burgtheater, wo er 2003 das Bühnenbild für Klaus Michael Grübers „Ödipus von Kolonos“-Inszenierung schuf – zum Besten. „Oper ist für mich nicht ganz neu“, so Kiefer. Ob er nun Lust bekommen habe, auch ein Bühnenbild für die Staatsoper zu entwerfen? „Da müssen sie den Direktor fragen, ich habe noch kein Angebot …“, lachte Kiefer auf eine entsprechende Frage der APA. Das Original, dem der Eiserne Vorhang nachempfunden wurde, hängt übrigens noch bei Kiefer im Atelier. „Mein Bild male ich immer weiter.“ Werde es einst in einem Museum hängen? „Ja, wenn das Museum groß genug ist!“

Unterdessen erfreut es aber bis zum Ende der Saison das Publikum der Staatsoper. Für Ransmayr rollt „dieser Welten verschlingende und wieder ausspeiende Ozean, der in seiner Ungeheuerlichkeit und Allwissenheit die Gesamtheit der menschlichen Möglichkeit nachzuäffen und sich an alles zu erinnern vermag“, nun allabendlich „auf das in dunklen Reihen ein bloßes Singspiel erwartende Publikum zu“.

(S E R V I C E – https://www.mip.at/projekte/eiserner-vorhang/)

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