32-Stunden-Woche: Babler-Pläne heizen Diskussion an

WKÖ-Präsident Mahrer spricht von "Drama für das ganze Land" – Gewerkschafter für Arbeitszeitreduktion – IHS-Chef Bonin: Branchenspezifika und Tempo beachten

Nachdem SPÖ-Chef Andreas Babler sein Ziel einer 32-Stunden-Woche am Wochenende bekräftigt hat, ist die Debatte um Arbeitszeitverkürzungen wieder neu entbrannt. Wirtschaftskammerpräsident Harald Mahrer sieht mit Blick auf den Arbeitskräftemangel „für das ganze Land ein Drama“. Rückendeckung erhielt Babler dagegen von Gewerkschaftsseite. Für IHS-Chef Holger Bonin muss nach Branchen differenziert werden.

WKÖ-Chef Mahrer rechnet bei einer 32-Stunden-Woche mit einer Verdoppelung der unbesetzten Stellen, wie er im Ö1-Morgenjournal sagte. „Dann bedeutet das auf das Jahr gerechnet 434 Millionen Stunden, die nicht gearbeitet werden würden. Und das sind nochmal 230.000 Stellen, die nicht besetzt werden könnten und das wäre für das ganze Land ein Drama“, warnt Mahrer. Aufgrund der demografischen Entwicklung würde sich das Problem in den kommenden Jahrzehnten noch verschärfen.

Die Menschen müssten mindestens genau so viel arbeiten wie jetzt, wobei viele auch zu mehr Arbeit bereit wären. „Die Leute sind bereit, mehr zu tun, wenn es mehr Netto vom Brutto gibt“, so Mahrer. Um den Arbeitskräftemangel zu bewältigen, müsse die Kinderbetreuung „massiv“ ausgebaut werden und es müsse Menschen, die in Österreich arbeiten wollen, einfacher gemacht werden, ins Land zu kommen.

„Wenn es einen Mangel gibt, hat das andere Ursachen als eine Arbeitszeitverkürzung, die noch nicht mal stattgefunden hat“, widersprach ÖGB-Chef Katzian ebenfalls auf Ö1. Aktuell stünden 310.000 Arbeitslose 110.000 offenen Stellen gegenüber. Es sei an den Arbeitgebern, bessere Bedingungen anzubieten, wenn sie das nötige Personal finden wollen.

In das gleiche Horn blies auch der FSG-Gewerkschafter und SPÖ-Sozialsprecher Josef Muchitsch. „Natürlich passiert das (Arbeitszeitreduktion; Anm.) nicht von heute auf morgen, sondern dauert einige Jahre und passiert branchenspezifisch – das weiß WK-Präsident Mahrer natürlich ganz genau, weshalb seine Zahlen über Arbeitskräftemangel, wenn man sofort die Arbeitszeit reduziert, natürlich reine negative Propaganda sind“, teilte Muchitsch per Aussendung mit.

Für eine „spürbare Arbeitszeitverkürzung“ plädierte zudem die „Katholische Arbeitnehmer:innen Bewegung Österreich“ (KABÖ). Dies ermögliche eine bessere Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit, das „ehrenamtliche Mitgestalten in Kirche und Gesellschaft“ und „insgesamt ein gesünderes Leben“, heißt es in einer Aussendung.

Dass bei einer Arbeitszeitreduktion auf Unterschiede zwischen den Branchen geachtet werden müsse, strich auch der Leiter des Instituts für Höhere Studien (IHS) im Ö1-Mittagsjournal hervor. In der Wissensarbeit oder der IT-Branche sei eine Arbeitszeitverkürzung deutlich einfacher zu implementieren als beispielsweise in der Pflege und im Gesundheitsbereich. Wie gut sich Unternehmen an eine Verkürzung anpassen können, hänge auch vom Tempo ab – also ob die Verkürzung auf einen Schlag eingeführt wird oder über mehrere Jahre in kleinen Schritten.

Das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) hatte jüngst in einer Studie berechnet, dass eine Arbeitszeitreduktion um 3,5 Prozent ohne Lohnausgleich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,9 Prozent senken könnte – bei vollem Lohnausgleich wurde ein Minus von 0,8 Prozent prognostiziert.

Auch das industrienahe Institut EcoAustria stellte dazu Berechnungen an: Bei einer Arbeitszeitverkürzung auf 32-Stunden die Woche ohne Lohnausgleich würde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im ersten Jahr je nach Modellannahmen zwischen 4,7 und 6,5 Prozent geringer ausfallen als in der Prognose ohne Verkürzung. Mit vollem Lohnausgleich liege der prognostizierte Rückstand zwischen 6,8 und 9,6 Prozent.

Babler hatte am Samstag „im Journal zu Gast“ (Ö1) seine Forderung nach einer 32-Stunden-Woche wiederholt, dabei aber bereits betont, dass die Umsetzung nicht auf einen Schlag komme solle. Er orientiere sich an der Arbeitszeitverkürzungsdebatte Anfang der 70er-Jahre, wo man mit den Sozialpartnern branchenspezifisch einen Plan über fünf Jahre verhandelt habe. Flächendeckend, also über alle Branchen hinweg, glaubt Babler, dass es in den kommenden „acht, neun Jahren“ zu „einem großen Schritt der Arbeitszeitverkürzung“ kommen wird.

Zur Einordnung der von Mahrer und Katzian genannten Zahlen: Laut Statistik Austria meldeten Österreichs Unternehmen im zweiten Quartal 2023 214.000 freie Stellen – davon wurden 123.800 dem Arbeitsmarktservice (AMS) zur Personalvermittlung gemeldet. Im Juli waren beim Arbeitsmarktservice (AMS) 310.582 Personen arbeitslos oder in Schulung gemeldet.

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