Kulturhauptstadt SKG 2024 – Ticketstart im September

Programmlinien umbenannt – Tourismus registriert Interesse von Fachpublikum – Kulturarbeiter: "In den Herzen der Bevölkerung vor Ort noch nicht angekommen"

Im September beginnt der Ticketverkauf für die Kulturhauptstadt Europas Bad Ischl – Salzkammergut 2024 (SKG 2024). Erstmals hat Brüssel den Titel an eine ländliche Region vergeben. Die vier Programmlinien aus dem Bidbook – als Typisierung des Salzkammerguts – wurden teils aus aktuellem Anlass umbenannt. Zwei Drittel der im Bewerbungsbuch enthaltenen Projekte dürften realisiert werden, zudem gibt es „assoziierte Projekte“, die unter dem Dach von Salzkammergut 2024 stattfinden.

Die Coronapandemie, die nach dem Zuschlag an die Kulturhauptstadt Salzkammergut 2024 ausgebrochen war, führte wohl zur Umbenennung einzelner Programmlinien. So wurde aus „Kraft der Gegenkultur“ ein „Kultur im Fluss“ – der Begriff „Gegenkultur“ ist mittlerweile stark in den Protesten der Coronamaßnahmengegner verankert. Ein Einbruch im Tourismus durch die Reisebeschränkungen in den Pandemiejahren ließ auch den Titel „Die Auswirkungen des (Hyper)Tourismus“ als überholt erscheinen, entsprechende Projekte werden adaptiert. „Sharing Salzkammergut – die Kunst zu reisen“ geht nun den Fragen des sanften Tourismus nach. Aus der Linie „Macht der Tradition“ wurde „Macht und Tradition“ und „Durst auf Rückzug“ heißt nun „Globallokal – Building the New“.

Seitdem das Salzkammergut – eher überraschend – den Titel der Kulturhauptstadt errungen hat, zogen nicht nur eine Pandemie, sondern auch ein Wechsel in der künstlerischen Leitung ins Land, was bremste und auch inhaltliche Korrekturen nach sich zog. Mit 27 Millionen Euro hat die Kulturhauptstadt, an der 23 Salzkammergut-Gemeinden in Oberösterreich und der Steiermark beteiligt sind, nicht einmal die Hälfte des Budgets von Linz09. Wegen des finanziell engen Spielraums wurden etwa Kooperationen mit dem ebenfalls 2024 stattfindenden Brucknerjahr und den Salzkammergut Festwochen eingegangen.

Zudem gibt es assoziierte Projekte, die inhaltlich zu den Programmlinien der Kulturhauptstadt Salzkammergut 2024 passen, aber eigenständig von Externen auf die Beine gestellt werden. So hat der Musicalfrühling Gmunden bereits im März mit „Briefe von Ruth“ eine überregional beachtete Musicaluraufführung auf die Bühne gebracht. Die Vorabpremiere für das eigentliche Hauptstadtjahr trug auch dem von der Künstlerischen Leiterin der Kulturhauptstadt, Elisabeth Schweeger, hinein reklamierten Thema des jüdischen Lebens im Salzkammergut Rechnung. Der Tourismusverband Traunsee-Almtal wird kommendes Jahr mit dem assoziierten Projekt „Industriekultur“ in das allgemeine Programmschema aufgenommen und damit unter die „Dachmarke Kulturhauptstadt Salzkammergut 2024“ gestellt, wie es Direktor Andreas Murray formuliert.

Schon derzeit kämen Gäste wegen der Kulturhauptstadt in die Traunseeregion. Da sie im eigentlichen Veranstaltungsjahr mit zu viel Trubel rechnen würden, wollten sie heuer Proben besuchen, so Murrays Eindruck. Von „etlichen Anfragen von Journalisten, TV-Stationen und Fachpublikum – Insider, die die Region und das Programm im Vorfeld kennenlernen wollen“, spricht der Geschäftsführer der Salzkammergut Tourismus-Marketing GmbH, Michael Spechtenhauser.

Die vermeintliche Reduktion auf einen „Projektreigen“, der für das Publikum sicherlich „Spannendes“ bringe, habe jedoch die ursprüngliche Intention, „nachhaltig Prozesse in Gang zu bringen“ verdrängt, gibt Mario Friedwagner, seit 25 Jahren Kulturmanager in der Region, den Eindruck der dortigen Kulturszene wieder. Die Europäische Kulturhauptstadt „ist in den Herzen der Bevölkerung vor Ort noch nicht angekommen“, er bemerke „fehlende Begeisterung“ und „Enttäuschung“.

Als Beispiel nennt er das Projekt „Offenes Kulturhaus“ in Bad Ischl. Seit zwei Jahren habe er davon nichts mehr gehört. Das ehemalige Sudhaus der Saline soll mit einem Ausstellungsraum, einer Bühne und einem Proberaum Künstlern eine Infrastruktur bieten. Nun werde es wohl erst „2027 fertig“. Friedwagner befürchtet, es wird „ein Verschieben auf den Sankt Nimmerleinstag“, zumal der Besitzer des Sudhauses, Hannes Androsch, aus dem Komitee für die Kulturhauptstadt ausgetreten ist. „Eine nachhaltige, strukturelle Verbesserung der kulturellen Produktionsbedingungen“ in der Region sei noch nicht in Sicht. Diese fehlende Perspektive über das Jahr 2024 hinaus, führe auch „in der Zivilgesellschaft zu Skepsis“ gegenüber der Europäischen Kulturhauptstadt. Obwohl etwa das Thema Leerstände von der Kulturhauptstadt groß thematisiert wird, ist die Befürchtung, dass die kleinen Vereine nicht nachhaltig davon profitieren werden, in der Region öfter zu hören. Hier liegt vieles bei den Gemeinden, die letztlich die Kosten tragen müssen.

Julia Müllegger, Geschäftsführerin des Freien Radio Salzkammergut und selbst an drei Projekten der Kulturhauptstadt beteiligt, befürchtet, dass man bei den einzelnen Vorhaben weitere Sponsoren suchen oder Abstriche machen müsse, weil die Inflation nicht eingerechnet war. Hier wäre es gut gewesen, auf eine Reserve zurückgreifen zu können. Nun treffen die Mehrkosten die einzelnen Projektbetreiber. Insgesamt ist sie mit der Zusammenarbeit mit der Kulturhauptstadt aber zufrieden. Auch ein APA-Rundmail bei Bürgermeistern der Region ergab ein weitgehend positives Stimmungsbild.

Keine gute Idee sei allerdings der Open Call gewesen, der noch unter dem abgelösten Intendanten Stephan Rabl gemacht wurde, findet Müllegger. Dem pflichtet auch der Touristiker Murray bei, der von einem „Fehler“ spricht. Es seien 1.000 Einreichungen zusammengekommen, die abgearbeitet werden mussten – obwohl auf der anderen Seite ohnehin genügend Projekte aus der Region auf dem Tisch gelegen seien und klar sei, dass auch die Intendanz einer Kulturhauptstadt selbst weitere einbringe, konkretisiert Müllegger. Dass lokale Initiativen klagten, zu wenig beteiligt zu werden, sieht man bei der Kulturhauptstadt gelassen, das sei bisher bei jeder Kulturhauptstadt so gewesen.

(S E R V I C E – www.salzkammergut-2024.at/)

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.