Ukraine will Getreidekorridor ohne russische Garantien betreiben

Guterres schwer enttäuscht von Russlands Ausstieg aus Getreideabkommen – US-Außenminister nennt Stopp des Getreideabkommens "skrupellos"

Nach dem Ausstieg Moskaus aus dem Getreidedeal hat Kiew trotz fehlender Sicherheitsgarantien eine alleinige Fortsetzung angekündigt. „Sogar ohne Russland muss man alles tun, damit wir diesen Schwarzmeerkorridor nutzen können“, sagte Präsident Wolodymyr Selenskyj am Montag afrikanischen Journalisten gemäß einer Mitteilung seines Pressesprechers Serhij Nykyforow auf Facebook. Selenskyj zufolge seien Schiffseigner bereit, ukrainische Häfen für Getreidelieferungen anzulaufen.

Das Abkommen zwischen der Ukraine, der Türkei und der UNO sei auch ohne Moskau weiter in Kraft. Lediglich das davon getrennte zwischen Russland, der Türkei und der UNO sei aufgekündigt worden. Wie die Schiffe und deren Güter in dem Kriegsgebiet versichert werden sollen, sagte Selenskyj nicht.

In einem Brief an den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und UNO-Generalsekretär António Guterres plädierte Selenskyj für eine Fortsetzung der Getreidelieferungen. Das Abkommen könne auch ohne Russland weiterlaufen. Die Welt habe eine Gelegenheit zu zeigen, dass keine Erpressung geduldet werde bei der Frage, wer genug Essen auf dem Tisch habe. Benötigt werde Schutz vor dem „Wahnsinn Russlands“.

Guterres zeigte sich zutiefst enttäuscht über den Ausstieg Moskaus. Das Abkommen sei eine „Rettungsleine für die globale Ernährungssicherheit und ein Leuchtturm der Hoffnung in einer aufgewühlten Welt“ gewesen, sagte Guterres am Montag vor Journalisten in New York. „Man hat die Wahl, an solchen Abkommen teilzunehmen. Aber leidende Menschen überall und Entwicklungsländer haben keine Wahl. Hunderte Millionen Menschen sind vom Hunger bedroht und Konsumenten von einer globalen Krise der Lebenshaltungskosten.“

Guterres hatte Russlands Präsidenten Wladimir Putin in der vergangenen Woche noch einen Brief mit Vorschlägen geschrieben, um das Abkommen zu retten. „Ich bin zutiefst enttäuscht, dass meine Vorschläge unbeachtet blieben“, meinte er dazu. Trotzdem würden sich die Vereinten Nationen weiter in dieser Hinsicht einsetzen, sagte Guterres weiter. „Unser Ziel muss es bleiben, die Ernährungssicherheit und die globale Preisstabilität voranzutreiben.“ Der Kreml hatte zuvor das Abkommen zum Export von ukrainischem Getreide über das Schwarze Meer gestoppt. Sobald alle Forderungen für die Ausfuhr russischen Getreides erfüllt seien, kehre Moskau wieder zur Erfüllung der Vereinbarung zurück, erklärte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Montag.

US-Außenminister Antony Blinken bezeichnete Russlands Handeln als „skrupellos“. Damit würden Lebensmittel als Waffe eingesetzt, kritisierte Blinken am Montag in Washington. Dies werde dazu führen, dass Lebensmittel an Orten, an denen sie dringend benötigt werden, schwerer zu bekommen sein und teurer würden. Schon jetzt reagiere der Markt. „Das ist skrupellos. Das darf nicht passieren.“ Russland müsse die Entscheidung wieder rückgängig machen.

Auch Österreich verurteilte die Entscheidung Russlands, das Getreideabkommen nicht zu verlängern. „Das bedeutet, dass Millionen von Tonnen von lebenswichtigem Getreide und Nahrungsmittel für Entwicklungsländer blockiert werden. Moskau missbraucht damit zynisch Nahrung als Waffe und verschärft die durch den Angriffskrieg auf die Ukraine ausgelöste weltweite Nahrungsmittelkrise zunehmend“, hieß es in einer Mitteilung des Außenministeriums vom Montag.

Das Ministerium forderte Russland „dringend auf, diese Entscheidung zu überdenken und einer weiteren Fortsetzung des Getreideabkommens zuzustimmen“. Weiters plädierte es für eine langfristige Lösung für die Implementierung des Getreideabkommens. „Wir unterstützen die Bemühungen seitens der Vereinten Nationen und der Türkei voll und ganz.“

In der Nacht auf Dienstag läuft nach knapp einem Jahr ein Abkommen über den Export von Getreide und Düngemitteln aus drei Häfen um das südukrainische Odessa aus. Mehr als 1.000 Schiffe exportierten in dieser Zeit fast 33 Millionen Tonnen an landwirtschaftlichen Gütern aus der Ukraine. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine vor knapp 17 Monaten war der Seeexport zunächst aus Sicherheitsgründen eingestellt worden. Die Wiederaufnahme der Getreideausfuhr über den Seekorridor half dabei, die Preise für Lebensmittel weltweit zu senken.

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