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„Idomeneo“ oder die Klimaoper wider Willen in Salzburg

Peter Sellars‘ Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele, so stellte sich einige Stunden später heraus, war nicht nur ein Aufruf zu beherzter Klimapolitik. Sie war auch eine dringend benötigte Erläuterung zur abendlichen Eröffnungsoper. Mozarts „Idomeneo“ feierte gestern Samstag, in seiner Regie in der Felsenreitschule Premiere. Die einzig für sich sprechende Deutung: „Tito“ aus 2017, reloaded.

Vor zwei Jahren gestalteten Sellars und der radikale Mozart-Flüsterer Teodor Currentzis hier die „Clemenza di Tito“. Ein Festspielereignis, kontroversiell, packend, neu. Als für heuer eine Neuauflage der Erfolgskombination angekündigt war, konnte man gewisse Parallelen erwarten. So ist etwa in der Titelrolle erneut der Tenor Russell Thomas engagiert – aber viele Sänger und Regisseure und Dirigenten arbeiten wieder und wieder zusammen und erschaffen doch jedes Mal völlig neue Welten. Stattdessen hat man hier versucht, woran schon viele Filmreihen gescheitert sind: Teil 2. Die Fortsetzung reicht aber nicht an das Original heran. Sie sieht so ähnlich aus, sie setzt auf bewährte Elemente – doch ohne das Neue ergeben sie kaum Sinn.

Dem Klimawandel wollte Sellars mit dem „Idomeneo“ eine künstlerische Intervention widmen. Seine Festspielrede handelte von Plastik im Meer, vom Wissen indigener Völker, vom Miteinander-Verbundensein allen Lebens, vom Aufbegehren der jungen Generation, die erkennt, dass die Eltern ihre Zukunft verspielen. Diese Versatzstücke im Kopf, konnte man abends daran gehen, die Bühne zu enträtseln.

Bei den zahllosen ballonartigen Plastikblasen, manche riesenhaft, und bei den verschmutzten Lichtsäulen – sie feierten ebenfalls ihre Wiederkehr vom „Tito“ – könnte es sich eventuell um maritimen Plastikmüll handeln. Der traditionelle Tanz von der Pazifik-Insel Samoa, der Heimat des Choreografen Lemi Ponifasio, soll wohl das Wissen indigener Völker symbolisieren. Und die Ablöse des unglücklichen Königs Idomeneo durch seinen alle unentwegt umarmenden Sohn Idamante übersetzt sich in FridaysForFuture. Vertreter der Umweltbewegung kommen schließlich gleich eingangs im Programmheft zu Wort.

Mit dem Aufstempeln des hyperkonkreten Gütesiegels „Klimaoper“ hat Sellars jedoch weder dem Werk, noch sich selbst einen Gefallen getan. Seine Musiktheaterwelt ist assoziativ, guttural, mitunter herb, und schöpft aus der Unmittelbarkeit der meist intensiv angeleiteten Darsteller. Darin liegt ihre große Stärke, insbesondere in Kombination mit der hohen Suggestionskraft von Teodor Currentzis‘ Interpretationen. Daher nimmt auch der „Idomeneo“ seine kraftvollen Momente. Vor allem die beiden Sopranistinnen Ying Fang (Ilia) und Nicole Chevalier (Elettra), die gestern beide ihr Festspieldebüt gaben, werden im Gedächtnis bleiben. Die Kontrahentinnen um das Herz des Idamante (erst im zweiten Teil mit Festspielreife: Paula Murrihy) sind als Gegensätze gepolt, die eine in sanfter, zurückgenommener Traurigkeit, die andere nahe am Wahnsinn. Beide beweisen in ihren Arien in der weitgehend leergeräumten, gewaltigen Felsenreitschule die Macht der authentischen Bühnenpräsenz – und die von Mozart.

Der schrieb „Idomeneo“ mit 24. Götterdonner und Sturmwind finden sich darin – und, wie bei Mozart immer viel wichtiger, Musik gewordene Nachsicht mit dem Menschlichen. Currentzis dirigiert diesmal das Freiburger Barockorchester und das ist eine ebenso beglückende und sinnstiftende Sache wie seine hörbar intensive Arbeit mit den Sängern. Alles aus einem Guss, dicht geknüpft, mit wohldosiert ungestüm-rhythmischen Akzenten und in jedem Seitenstrang mit Spannung, Emotion und Detailliebe durchwachsen. Fantastisch wie gewohnt, wenn auch grauenhaft gewandet (Uniformen? Raumanzüge?) der musicAeterna Chor aus Perm: Die sängerische Samt- und Wendigkeit auf der vollgepackten Bühne macht jedes Mal wieder Staunen. Die rituelle Bewegungschoreografie – „Tito“ lässt grüßen – füllt sich bei diesem Durchgang unter den sinnbildlich leeren Luftblasen des Bühnenbilds allerdings nicht mit Gehalt.

In die Partitur hat man auch heuer eingegriffen – die meisten Rezitative sehr zum Wohle einer kompakten Narration gestrichen, dafür einen Chor aus „Thamos“ eingefügt (warum?) – und das Ballett am Ende in voller Länge belassen. Von den – für sich genommen wirkungsvollen, im Kontext aber rätselhaften – polynesischen Tänzern begleitet, entpuppte sich die Ballettmusik als versöhnlicher Schluss, denn Currentzis und die Freiburger ließen sich diese Konzertminiatur als wohlverdientes Dessert auf der Zunge zergehen. Der anschließende Applaus war mehr als freundlich, aber weniger als begeistert und vernehmlich durch Buh-Rufe für die Regie gestört. Für einen Festspieljahrgang, der noch bei zwei weiteren Opernproduktionen auf erfolgreiche Regisseure der 2017er Ausgabe setzt, womöglich kein gutes Eröffnungsomen.