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Frauen im Literaturbetrieb in Überzahl und marginalisiert

Der Literaturbetrieb ist eine Frauen-Branche, jedenfalls was ihren Anteil unter den Autoren, den Lesern, den Buchhändlern und selbst den Verlegern anbetrifft. Die eigentlichen Autoritäten sind dennoch nach wie vor Männer. Ein Podium im Rahmen der Solothurner Literaturtage hat diese Machtstrukturen beleuchtet.

Vor zwei Wochen hat die Martin Bodmer-Stiftung die Träger des diesjährigen renommierten Gottfried Keller-Preises bekannt gegeben: Thomas Hürlimann und Adolf Muschg – womit exemplarisch gezeigt ist, wie es um Frauen im Literaturbetrieb steht. Wenn es um die großen Fragen geht, wird die Autorität von Autoren der von Autorinnen vorgezogen. Und: In der Kanonbildung, also bei der Frage, welche Autoren prägen die Literatur auch noch für Lesende in den kommenden Generationen, bleiben Autorinnen außen vor.

Dabei sind die Autorinnen ihren Kollegen durchaus ebenbürtig, wenn es um die Anzahl der jährlich publizierten Bücher geht; die Leserinnen sind den Lesern zahlenmäßig weit überlegen; im Buchhandel werden die meisten Bücher von Frauen verkauft, und zwar nicht nur von Verkäuferinnen, sondern auch von Inhaberinnen von Buchläden; die Schweizer Literaturhäuser werden allesamt von Frauen geleitet; die Geschäftsführung der Solothurner Literaturtage verantwortet ein Frau; und selbst bei den Verlagshäusern holen die Verlegerinnen gegenüber Verlegern auf.

Trotz dieser zahlenmäßigen Übermacht werden Frauen im Literaturbetrieb marginalisiert. Darin waren sich die drei Persönlichkeiten einig, die am Freitag auf der Bühne des Theatersaals in Solothurn über die Machtstrukturen im Literaturbetrieb diskutiert haben: die Schweizer Autorin Annette Hug, Vorstandsmitglied der Autorinnen und Autoren der Schweiz, Silvia Ricci Lempen, Philosophin, Autorin und Journalistin aus der Waadt sowie Dani Landolf, früher Journalist und heute Geschäftsführer des Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verbands.

Einig waren sich die drei Diskutierenden auch darin, dass im Literaturbetrieb generell zu wenig Geld vorhanden ist, und zwar für alle Akteure. „Reich wird hier niemand“, sagte Landolf und zielte damit gleichermaßen auf die Schreibenden wie die Verlegenden. Hug ergänzte, dass Autorinnen und Autoren nur in den seltensten Fällen vom Schreiben leben können, meist am ehesten von Auftritten wie Lesungen.

Ricci Lempen zog die Analogie vom Literaturmarkt zu weiteren volkswirtschaftlichen Bereichen, wo ein Großteil der Arbeit gratis geleistet wird, etwa die Kleinkinderbetreuung- im Übrigen auch dies eine Frauen-Branche. Um nun den Frauen zu der Autorität zu verhelfen, die ihnen zusteht, propagierten die Drei auf dem Podium im Wesentlichen, dass Bewusstsein für das Problem geschaffen werden müsse. „Alle Beteiligte müssen systematisch und konkret die Aufmerksamkeit auf die Frauen lenken“, sagte Ricci Lempen. „Es braucht Diversität überall“, so Landolf.

Frauen müssten demnach auch in den entsprechenden Gremien und Institutionen vertreten sein, von denen Autorität ausstrahlt: Jurys für Literaturpreise zum Beispiel. Denn auch so mancher Autorin stünde der Gottfried Keller-Preis zu.