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Herzschlagauftakt und Theaternovela bei Wiener Festwochen

Die Wiener Festwochen beginnen nach der traditionellen Eröffnung am Rathausplatz (10. Mai) ihr Programm am 11. und 12. Mai mit einem Wochenende in Wien-Donaustadt. In der sonst als Eishalle genutzten Erste Bank Arena gab es am Donnerstag mit Intendant Christophe Slagmuylder für Journalisten „keine Pressekonferenz, sondern eine Begegnung mit Künstlern“.

Für seine ersten Festwochen versprach der Belgier, der kurzfristig auf Tomas Zierhofer-Kin gefolgt war, einmal mehr „ein komplexes Programm, ein ambitioniertes Programm, eine erste und aufregende Erfahrung, die ein Probelauf für die kommenden Ausgaben sein wird“. Programmatischer Auftakt des ganz der Gegenwart gewidmeten Programms ist die „Festwoche in der Donaustadt“, bei der öffentliche Plätze und öffentliches Leben miteinbezogen und Schwellenängste abgebaut werden sollen.

„Die meisten Events können gratis besucht werden. Wir hoffen auf starke Partizipation der Anrainer“, sagte Slagmuylder. Neben Theater- und Kunstprojekten, die etwa in Marrakesch („Coirbeaux“) oder Rio de Janeiro („aCORdo“) entwickelt wurden, gebe es vor Ort extra konzipierte Programmpunkte, „aber auch eine Eisdisco und eine große Party“. Ungewöhnlich zu werden verspricht etwa das „Beat House Donaustadt“ der in Wien lebenden Anna Witt (Jahrgang 1981) am 11. Mai um 16 Uhr im Alfred-Klinkan-Hof. Es handle sich dabei um „eine kollektive Sound-Performance“, erklärte die 2018 mit dem Otto Mauer Preis ausgezeichnete Künstlerin. In der 1973-75 errichteten Wohnhausanlage gibt es 533 Wohnungen, in denen über 1.000 Menschen leben. „Die Bewohner werden ihre Fenster aufmachen und 20 Minuten lang über ihre Stereoanlagen ihren eigenen Herzschlag nach außen übertragen. Ich bin gerade unterwegs, möglichst viele zu finden, die dabei mitmachen wollen. Es ist ein spannender Prozess.“

Für Witt ist der Herzschlag ein sehr komplexes Symbol: „Er ist positiv, Symbol einer Existenz, hat aber gleichzeitig etwas Tiefgründiges, Intimes, etwas Gruseliges, auch etwas von Überwachung und Selbstoptimierung.“ Durch das Verstärken und die Übertragung in den öffentlichen Raum entstehe „eine Form von hörbarem Porträt“ der Bewohner. Der nach der Performance gestaltete Essayfilm wird am 15. Juni in den Gösserhallen Premiere haben.

Das Zentralstück im Donaustadt-Programm wird jedoch „Diamante“ sein, ein „meisterhafter Theatermarathon, eine Theaternovela, die in fünfeinhalb Stunden dringende zeitgenössische Fragen aufwirft“, sagte Slagmuylder. Der argentinische Theatermacher Mariano Pensotti (Jahrgang 1973) hatte das Projekt im vergangenen Jahr für die Ruhrtriennale entwickelt „und wohl nicht erwartet, dass das Stück ein zweites Leben bekommen wird und schon gar nicht in der Peripherie in Wien“. Im Spätherbst wird die komplexe Produktion auch im Haus der Berliner Festspiele in der deutschen Hauptstadt zu sehen sein.

Pensotti hat sich für seine aus zehn Häusern, einer Bühne und einem Auto bestehende begehbare Installation am Konzept der „Company Towns“, also der Firmenstädte und Werksiedlungen, in denen der Arbeitgeber Einfluss auf das ganze Leben nimmt, orientiert. „Diese Idee scheint wieder im Trend zu liegen“, erinnerte der Theatermacher an Hipster-Städte von Apple oder Google im Silicon Valley, die hart mit Städten in Asien oder Afrika kontrastierten, in denen Arbeiter von denselben Firmen unter widrigsten Bedingungen ausgebeutet werden. Seine fiktive Stadt „Diamante“ ist im Dschungel im Norden Argentiniens angesiedelt und wurde vor 100 Jahren von der Öl- und Bergbaugesellschaft Goodwind gegründet. Der deutsche Gründer Emil Hügel ist als Porträtbüste inmitten der durch Kunstrasenflächen und Wege verbundenen Siedlung präsent. Er benutze an dem Abend auch filmische Techniken wie Voice Over, sagte Pensotti. „Die Besucher fühlen sich insgesamt wie eine Kamera in einem großen Filmset.“ Durch große Fenster kann das Publikum in die kleinen Häuser schauen und bekommt zusätzlich zu den nach außen übertragenen Dialogen Texte über die Stadt Diamante und ihre Bewohner projiziert. „Wir erzählen das Leben von elf Bewohnern im Verlauf eines Jahres“, so der Regisseur, der einen vielschichtigen Abend versprach.

Und schließlich gab der Portugiese Tiago Rodrigues, seit 2015 Direktor des Lissabonner Teatro Nacional D.Maria II, Einblicke in die Produktion „Sopro“, die am 7. und 8. Juni im Theater an der Wien zu sehen sein wird. Für das im Juli 2017 beim Festival d’Avignon uraufgeführte Stück stellte er die langjährige Souffleuse des Nationaltheaters, Cristina Vidal, ins Zentrum. Als er sie das erste Mal kennenlernte, „habe ich mich wie ein Archäologe, wie Indiana Jones gefühlt. Sie ist ein Symbol eines früheren Theaters.“ Ihre Zusage für die Mitwirkung an einem Stück über sie habe er in vielen, vielen Gesprächen mühsam errungen. „Irgendwann war sie einmal so müde, dass sie doch Ja gesagt hat.“