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Silvester mit Bernhard an der Burg

Man nehme das Knorpelmesser und führe es langsam in diverse Organe ein. Schritt für Schritt, Membran für Membran. Genaue Anleitungen haben etwas Beruhigendes. Und die Sektion einer Leiche als Silvesterprogramm hat ohnehin ihren ganz eigenen Charme. So geschehen bei der erstmaligen Aufführung von Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ am Wiener Burgtheater.

Das Trio Joachim Meyerhoff, Peter Simonischek und Sunnyi Melles lud in der Regie von Jan Bosse zu einem lustvollen, durchtriebenen Wörterfestschmaus, womit das Haus am Ring am Silversterabend einen höchst feiertagstauglichen Coup landete.

Der blinde, trinkende Vater wartet in der Garderobe seiner Tochter, einer bekannten Koloratursopranistin, auf ihr Erscheinen zum Auftritt als „Königin der Nacht“. Ihm zur Seite steht der Arzt und Bewunderer der Sängerin, der zur Überbrückung der Wartezeit genüsslich Anleitungen zum Sezieren verschiedener Leichenteile vorträgt. Doch nicht nur der Körper wird obduziert, auf Krankheiten, anormale Beschaffenheit und Todesursachen geprüft, auch die Kunst, das Theater und vor allem die Oper liegt unter dem Knorpelmesser, wird diagnostiziert, referiert und für unheilbar erklärt.

Die Fachsprachentextmasse ist in den Händen von Virtuosen, allen voran Joachim Meyerhoff als zwänglerischer Mediziner mit Seitenscheitel und Sezierfetisch, der sich durch Unmengen nervöser Sitztechniken choreografiert und aus der puren Mechanik der Organsektion viele winzige Dramolette zu schälen vermag. Sein Gegenüber ist Peter Simonischek als schweigsamer, cholerischer Säufer, wütend auf die geliebte Tochter, die mit ihm in einem zerstörerischen Abhängigkeitsverhältnis lebt. An seiner stillen, ausweglosen Präsenz zu ersticken droht Sunnyi Melles als „Königin der Nacht“, hassliebende Tochter und pures, unfreiwilliges „Geschöpf der Kunst“.

Nach der Vorstellung versammelt man sich bei den „Drei Husaren“ zum Abendmahl, isst Beef Tartare in Hirnform und lässt die Silvesterkorken knallen. Die Einsilbigkeit des Verzagens in diesem frühen Bernhard-Stück ist längst vom Witzigen ins Beißende, vom Beißenden ins Tragische, vom Tragischen ins Unerträgliche und von dort zurück ins Witzige gekippt. Das Publikum kudert, während Arzt und Vater rund um die tödlich hustende Sängerin am Ess- und OP-Tisch Schritt für Schritt die Penissektion durchgehen.

In der Sängergarderobe war das Auditorium durch einen Spiegel selbst Bühnenbild (Stephane Laimé), am Ende geben die hochgezogenen Kulissen den Blick auf die Hinterbühne frei und unterstreichen somit den Text: Der Künstlichkeit muss am Theater stets genüge getan werden.

Für Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann, der für seinen bereits Tradition gewordenen Silvesterwitz vor der Vorstellung warm empfangen und für eine gut sitzende Pointe zur Wirtschaftskrise mit fröhlichem Gelächter bedacht wurde, ergab sich auch die Gelegenheit zum Dank, dass die Besucher „so eifrig und schön zu uns kommen“. So eifrig und so schön, dass man ihnen zum Jahreswechsel ruhig ein wenig Trost in der Nekrophilie bieten darf. Während also Peter Simonischek in die Staatsoper, zu seinem Auftritt als „Frosch“ in der „Fledermaus“ weitereilte, wurde das begeistert applaudierende Publikum zum Festtagsschmaus entlassen. Er dürfte trotzdem geschmeckt haben.

(APA)