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Die Welt der märchenhaften Pflanzen

Seit jeher fasziniert das Wunder stacheliger Rosentriebe, die im Juni plötzlich mit Blüten überschüttet sind. Für unsere Vorfahren, die mehrfach blühende Rosen noch nicht kannten, wird das noch überwältigender gewesen sein. Sicher haben sie darüber gestaunt, mit welcher Kraft Rosenranken ihr Umfeld erobern. Mauern und hohe Bäume verschwinden unter ihren mehrere Meter langen Ranken.

Die Fantasie der Menschen spann das Gesehene im Märchen „Dornröschen“ weiter und ließ ein ganzes Schloss unter den Ranken verschwinden: „Rings um das Schloss aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die jedes Jahr höher ward und endlich das ganze Schloss umzog und darüber hinaus wuchs, dass gar nichts mehr davon zu sehen war, selbst nicht die Fahne auf dem Dach“, heißt es darin.

Kletter- oder Ramblerrosen wie die dunkelrote ‚Flammentanz‘, die herrliche ‚Kiftsgate‘ mit ihren einfachen Blütendolden oder ‚Bobby James‘ mit kleinen, schneeweißen Schalenblütchen verwandeln das eigene Haus oder einen alten Baum in ein Dornröschen-Schloss. Mühelos erreichen sie Höhen von fünf Metern und mehr. Hüllen sie sich dann im Rosenmonat Juni in Blüten, ist fast anzunehmen, dass hinter dem Blütenschleier eine Prinzessin wohnen muss.

Wer nicht gleich ein Dornröschen-Schloss plant, der hält sich an „Schneeweißchen und Rosenrot“: „Eine arme Witwe lebte einsam in einem Hüttchen und vor dem Hüttchen war ein Garten, darin standen zwei Rosenbäumchen, davon trug das eine weiße, das andere rote Rosen. Sie hatte zwei Kinder, die glichen den beiden Rosenbäumchen, und das eine hieß Schneeweißchen, das andere Rosenrot.“

Für das weiße Bäumchen wäre ein Hochstamm der Rose ‚Schneewittchen‘ ideal. Sie blüht von Juni bis zum ersten Frost mit reinweißen, locker gefüllten Blüten. Als Gegenstück eignet sich die dunkelrote Edelrose ‚Duftzauber‘ oder die ‚Red Eden Rose‘ mit nostalgisch gefüllten Blumen. Sie alle lassen sich gut auf Hochstämmchen veredeln.

Bei „Aschenputtel“ spielt der Haselstrauch eine große Rolle. Denn dank der Nüsse galten Haselsträucher als Sinnbild des Lebens. Unsere Vorfahren glaubten außerdem, Haselruten wehrten Schlangen, Blitze und böse Geister ab und mit ihnen ließen sich vergrabene Schätze aufspüren. Aschenputtel pflanzt das Haselreis auf das Grab ihrer Mutter und bald wirft der Baum goldene Kleider herab.

Schöne Gewänder wirft der Haselstrauch im eigenen Garten nicht ab, aber er bekommt im Herbst selbst goldgelbe Blätter. Die ‚Rotblättrige Lambertsnuss‘ trägt sogar schon früher rötliches Laub. Haselnüsse liefert sie auch, aber nicht so reichlich wie ‚Webbs Preisnuss‘ oder ‚Nottinghams Fruchtbare‘.

Hohle Bäume haben die Fantasie der Menschen schon immer angeregt. „Brüderchen und Schwesterchen“ wohnen in einem, „Allerleirauh“ findet in einem hohlen Baum Unterschlupf. Auch die Bauerstochter Maren muss in eine alte Weide steigen, in deren Innern eine lange gewundene Treppe ins Reich der Regentrude hinabführt.

Hohle Bäume im Garten sind eher die Ausnahme. Aber ein Weidenbäumchen, als Kopfweide gezogen, könnte ein Anfang sein. Die Weißweide (Salix alba ‚Vitellina‘) erfreut im Winter mit gelben Zweigen und Salix caprea ‚Mas‘ im Frühjahr mit silbergoldenen Kätzchen.

Natürlich gehören auch Rapunzeln zu den märchenhaften Pflanzen. Heute werden sie meist als Feldsalat bezeichnet. Die grünen, kleinen Rosetten besitzen einen angenehm nussigen Geschmack. Rapunzeln wachsen sogar noch mitten im Winter. Die kleinen Pflänzchen sind robust. Im Spätsommer ausgesät, liefern sie leckeren Salat und grünen Gartenschmuck, der vielleicht den Boden unter den Rosen von Schneeweißchen und Rosenrot bedeckt.

(APA)