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In Nord-Norwegen durch den Tiefschnee zum Strand

Kilometerlange Gletscherzungen ergießen zudem ihre tonnenschwere Eisfracht ins Wasser der Fjorde. Die Lyngen-Alps liegen gut 300 Kilometer nördlich des Polarkreises und zwei Flugstunden von Oslo entfernt. Bei Skisportlern ist die Gegend um die Hafenstadt Tromsö zuletzt immer beliebter geworden. Hier eine Skitour zu unternehmen, ist etwas wirklich Außergewöhnliches.

Christian Donner, Bergführer aus der Fränkischen Schweiz, ist mit seiner Bergsportschule ProAlpin schon zum dritten Mal hier. „Die großartigste Landschaft zum Skitourengehen in Europa“, lautet sein Urteil. 20 Bergverrückte haben Donner und seine Kollegen Franz und Jochen diesmal im Schlepptau. Meist sind es gute Skifahrer, das nötige Mindestmaß an Kondition haben sie sich im Sommer antrainiert. Das ehemalige Reparaturschiff „Polargirl“ ist für sechs Tage ihr Stützpunkt. Es ist der kuriose Gegensatz von Meer und Bergen, vom Leben auf dem Schiff und der Abfahrt durch den Tiefschnee zum Strand.

Für Donner und seine Kollegen von der Lenggrieser Bergschule Hydroalpin ist das Führen in Norwegen Schwerarbeit: Anders als in den Alpen gibt es keinen brauchbaren Lawinenlagebericht. Während die Mitreisenden an Deck im Warmwasser-Bottich ein heißes Bad in eisiger Luft nehmen, zieht sich das Bergführer-Trio ins Kapitänskasino zurück. „Wir müssen uns jeden Tag unser Bild machen, die nächste Tour akribisch planen“, sagt Franz Perchtold. Ein Berg exakter Karten, der aktuelle Wetterbericht und jede Menge Erfahrung helfen ihnen dabei.

„Vor zwei Jahren hatten wir im Winter noch vier Schiffe im Monat“, sagt Merethe Jacobsen. Sie führt den Dorfladen in Havnnes, einem Dorf auf der Insel Uloya. „Jetzt sind es über 20.“ Der Tante-Emma-Laden, der zugleich Poststelle und Museum ist, floriert wie selten zuvor. Denn Havnnes hat für Wintertouristen zwei Vorteile: Der erste ist ein Bootsanleger, der den Schiffen auch bei rauerer See eine sichere Übernachtung bietet. Der zweite ist die Nähe zum 1.064 Meter hohen Gipfel Kjevagtinden, der als ein Paradeziel für Skitourengeher gilt.

Am frühen Morgen scheucht Christian Donner seine Gäste aus den Kojen. Die Skifahrer-Routine Nord-Norwegens beginnt: Frühstück mit viel Lachs, warm anziehen, Skistiefel an – und los geht’s. Auf den Rücken kommt der Rucksack mit Lawinenairbag, an den Körper das Verschütteten-Suchgerät – sicher ist sicher. Dann geht es über hellblau glitzernde Gletscher und felsige Grate. Vorne liegt das Gebirge, die Schneekristalle glitzern. Hinten das Meer, tiefblau schimmernd. Nach mehr als 1.000 Höhenmetern ist der Gipfel erreicht.

Wie ein Spielzeugschiff dümpelt unten die „Polargirl“. Sie hat die Insel umrundet und wartet auf der anderen Seite des Bergmassivs. „Da müssen wir hin“, sagt Bergführer Christian Donner. Die Skifahrer stellen ihre Tourenbindungen auf Abfahrt um. Leicht gehen die Schwünge, die Spuren werden zu langen Zöpfen. Das Meer rückt näher, die „Polargirl“ wächst wieder zu realer Größe. Die Freude über das Schwingen lässt selbst das Brennen der Oberschenkel vergessen. „Da musst Du ja nur mit dem Arsch wackeln“, sagt Franz aus Berchtesgaden – eine große Anerkennung für die Qualität des norwegischen Schnees.

(APA)