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Lehrer sollen künftig „Turnus“ machen

Nach den Vorstellungen der Experten erfolgt die Erstausbildung im Rahmen eines Bachelor-Studiums, das an Pädagogischen Hochschulen (PH) und Unis gemeinsam absolviert wird. Die genaue Aufgabenteilung ist noch nicht klar, im Großen und Ganzen erfolgen die fachwissenschaftlichen Teile an der Uni, die allgemein-didaktischen an der PH. Am Beginn der Ausbildung steht ein Aufnahmeverfahren, das ein „verbindliches Angebot zum Self-Assessment“ enthält: Dabei soll es zu einer „Interessenabklärung in Eigenverantwortung der Studenten“ kommen, so der Leiter der Expertengruppe, Peter Härtel (Geschäftsführer der Steirischen Volkswirtschaftlichen Gesellschaft) – sie entscheiden also selbst, ob das Fach für sie geeignet ist. Zudem müssen sich die angehenden Lehrer in einer Studieneingangsphase bewähren.

Bachelor-Ausbildung geplant

Derzeit werden Pflichtschullehrer an PH (Abschluss: Bachelor) und AHS-Lehrer an Unis (Abschluss: Magister) ausgebildet. Künftig müssen alle einmal eine Bachelor-Ausbildung absolvieren. Diese umfasst dann Kernkompetenzen für alle pädagogischen Berufe vom Kindergarten bis zur Sekundarstufe sowie die jeweilige fachwissenschaftliche und -didaktische Grundbildung für die unterschiedlichen Schultypen (etwa Volksschule oder Sekundarstufe), für die sich ein Student entschieden hat. Anschließend gehen die Bachelors als „Turnuslehrer“ an die Schulen, wo sie sich während einer rund zweijährigen „Induktionsphase“ bewähren müssen. Wollen sie im Beruf verbleiben, müssen sie diese erfolgreich absolvieren. Während dieser Phase gibt es auch berufsbegleitende Angebote, die zu einem Master-Titel führen können.

Nach dieser Bewährungsphase stehen die Pädagogen voll im Beruf, gleich ob an Pflichtschulen oder höheren Schulen – für bestimmte Funktionen und Aufgaben ist aber ein Master-Titel nötig: Für Volksschullehrer etwa, um in der Abschlussklasse Noten vergeben zu dürfen, so Härtel. Sekundarstufenlehrer, die eine Matura abnehmen, müssen ebenfalls Master sein. Wer schließlich Direktor oder Fachbereichsleiter werden will, benötigt weiters einen postgradualen Abschluss in Form eines „Master of Advanced Studies“.

Neu ist auch die Einbeziehung der Kindergarten-Pädagogen: Zwar genügt für den Berufseinstieg weiter der Abschluss einer Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik (BAKIP) auf Maturaniveau. Auch sie müssen aber einen „Turnus“ machen. Für bestimmte Funktionen im Kindergarten ist außerdem ein Bachelor bzw. Master nötig, für die aber etwa das fünfte BAKIP-Jahr angerechnet wird.

Hahn und Schmied: „Titanenprojekt“

Für Claudia Schmied und Johannes Hahn ist die Reform der Lehrerausbildung ein „Titanenprojekt“. Der erste Jahrgang der neuen Ausbildung soll noch in dieser Legislaturperiode starten. Davor steht allerdings noch die Diskussion mit den unterschiedlichen Interessengruppen. Schmied betonte auch, dass die Reform ein „Prozess“ sei, der „nicht top-down verordnet werden kann“, so die Ministerin bei einer Pressekonferenz.

Hahn meinte, dass mit dem neuen System auch eine verstärkte Durchlässigkeit zwischen den einzelnen Schultypen geschaffen werden soll. Der Vorschlag der Experten müsse nun in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Inhaltlich wollte er ihn nicht kommentieren.

Auch Quereinsteigern soll der Beruf stärker schmackhaft gemacht werden. Dafür soll eine Art Akkreditierungsstelle für relevante Kompetenzen eingerichtet werden, so Peter Härtel. Parallel dazu werden berufsbegleitende Ausbildungen angeboten.

Fragen der künftigen Schulstruktur lässt der Bericht offen – also ob etwa für Hauptschule und AHS-Unterstufe getrennt oder gemeinsam ausgebildet wird. Auch dienstrechtliche Aspekte bleiben darin unberührt. Demnächst sollen die Verhandlungen mit der Gewerkschaft über ein neues Dienstrecht starten.

Neben Härtel waren in der Expertengruppe unter anderem die PH-Rektorinnen Ulrike Greiner (Private PH Wien/Krems) und Marlies Krainz-Dürr (PH Kärnten), die Bildungswissenschafter Stefan Hopmann und Michael Schratz sowie die beiden Uni-Vizerektoren Arthur Mettinger (Uni Wien) und Martin Polaschek (Uni Graz).

Grüne kritisch, für Rektoren „Fortschritt“

Kritik üben die Grünen nach der Präsentation des Expertenpapiers zur neuen Lehrerausbildung am Umstand, dass künftig ein Bachelor-Abschluss als Lehrberechtigung ausreichen soll. „Einer solchen Schmalspurausbildung kann und werde ich nicht zustimmen“, so der Grüne Bildungssprecher Harald Walser in einer Aussendung. Ansonsten seien viele Dinge unklar geblieben, gezeigt habe sich nur eines: „Die Regierung ist uneins, wohin der Bildungsdampfer fahren soll“, so Walser.

„Interessant und innovativ“ nannte dagegen SPÖ-Bildungssprecher Elmar Mayer die Empfehlungen. Allerdings seien noch nicht alle Fragen geklärt – etwa, „was man künftig mit einem Bachelorabschluss arbeiten könne“. Trotzdem sei das Papier eine „sehr gute Grundlage für einen Beschluss im Parlament noch vor dem Sommer 2010“.

Auch die Universitätenkonferenz (uniko) stimmt den Empfehlungen weitgehend zu. „Das Papier enthält eine Reihe interessanter Anregungen, deckt allerdings auftragsgemäß nur die Ausbildung ab und spart die offenen Fragen der Schulorganisation und des Dienst- und Besoldungsrechts aus“, so Arthur Mettinger, sowohl Mitglied der uniko als auch der Expertengruppe, in einer Aussendung.

Positiv sei vor allem, dass auch für die Lehrer-Ausbildung an den Unis Aufnahmeverfahren vorgesehen sind und eine einheitliche Ausbildung von Lehrern der Sekundarstufe möglich sei. „Mit Genugtuung“ stellte Mettinger fest, dass „der ursprüngliche Vorschlag von Bundesminister Hahn, die Fachausbildung an die Universitäten und die pädagogische Ausbildung an die Pädagogischen Hochschulen (PH) aufzuteilen, nicht in dem Papier der Arbeitsgruppe enthalten ist“.

Riegler: Mit Sattel, aber ohne Pferd

Nicht sinnvoll findet der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Lehrer in der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst, Walter Riegler, Vorschläge zu einer Reform der Lehrer-Ausbildung noch vor der Erstellung eines neuen Dienstrechts. „Das ist als ob jemand mit einem Sattel durch die Gegend rennt, aber ohne Pferd“, so Riegler zur APA.

Beim Thema „Turnus“ befürchtet Riegler eine Art Vorziehung des derzeitigen Probejahrs von AHS-Lehrern. Dies nehme auf die Situation der angehenden Pflichtschullehrer aber keine Rücksicht, die schon jetzt während der Ausbildung an Schulen tätig seien: „Von dem würde ich nicht gerne wegkommen wollen.“ Auch die Vorstellung, dass Lehrer mit Bachelor neben dem Beruf einen Master absolvieren, findet er „nicht schlau“. Dies werde zwar dem einen oder anderen gelingen, sei aber für den Großteil eine „große Belastung“. Realistischer wäre es, dass Lehrer nach dem Bachelor zunächst einmal an einer Schule arbeiten und dann anschließend ohne parallele Unterrichtsbelastung einen Master absolvieren.

„Nicht vorstellen“ kann sich Riegler in der Praxis, wie ein System funktionieren soll, in dem für bestimmte Funktionen und Aufgaben an der Schule ein Master-Titel erforderlich ist. Als Beispiel nennt er den von der Expertengruppe formulierten Fall, dass nur ein Master in der vierten Klasse Volksschule Noten vergeben darf. Konsequenz sei dann nämlich, dass das derzeitige Prinzip, wonach es in der Volksschule von der ersten bis zur vierten Klasse für die Kinder eine durchgehende Bezugsperson gibt, aufgegeben wird. Alternative wäre nur, dass dem Bachelor dann ein „Oberlehrer mit Master-Ausbildung“ zur Seite gestellt wird.

AHS-Lehrer gegen „Schnellsiedeausbildung“

Gegen eine „Schnellsiedeausbildung“ für angehende Lehrer spricht sich die Vorsitzende der AHS-Lehrergewerkschaft, Eva Scholik, aus. Eine Verkürzung der Ausbildung sei „inakzeptabel“, so Scholik gegenüber der APA. Ein Bachelor dürfe nicht für den Berufsantritt ausreichen – wer an einer AHS unterrichte, müsse einen Master-Abschluss haben.

Das Papier der Expertengruppe enthalte zwar positive Ansätze wie etwa eine Förderung der Durchlässigkeit des Lehrberufs, so Scholik. Allerdings sei es noch viel zu unausgegoren und unkonkret.

Gegen einen Turnus hat Scholik nichts einzuwenden – dieser entspreche in etwa den derzeitigen Praktika. Allerdings halte sie nichts davon, dass „halbfertige“ Lehrer mit einem Schnellsiedeabschluss den Turnus antreten. Bei den Ärzten sei dies ja auch nicht so. Dies sei „vom Ansatz her grundfalsch“. Die „Induktionsphase“ solle daher erst nach dem Master und getrennt von der Fortbildung erfolgen. „Wir streben einen Master-Abschluss für alle an.“

Die Österreichische HochschülerInnenschaft (ÖH) monierte in einer Aussendung, als „wahre ExpertInnen“ der Lehrer-Ausbildung nicht in die Expertengruppe eingebunden gewesen zu sein. Außerdem dürfe es zu keinen Zugangsbeschränkungen kommen: „Wir sind durchaus zu haben für frühzeitige Praxiserfahrungen und ein Beratungsgespräch zu Beginn des Studiums, mit Regelungen des Ausschlusses werden jedoch wieder nur junge Menschen vom Studieren abgehalten.“

(APA)