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Deutschpflicht vor Einreise „Unsinn“

APA: Frau Brizic, Sie setzen sich in Ihrer Arbeit intensiv mit den Hintergründen des Spracherwerbs von Kindern auseinander, die faktisch mehrsprachig aufwachsen und zeigen Gründe für Probleme und Chancen für die Zukunft auf. Abseits dieses Themenkomplexes steht nun die Forderung im Raum, gleich zu Beginn der Einwanderung Deutschkenntnisse abzuprüfen. Wie sehen Sie das – auch in Hinblick auf die sozioökonomischen Unterschiede der Migrantengruppen?

Katharina Brizic: Das ist grober Unsinn. Unter anderem schon allein deshalb, weil Deutschkurse nicht überall möglich sind. Auch findet die Migration oft unter wirtschaftlich derart deprivierten Umständen statt, dass ein Kursbesuch außerhalb der Reichweite der Menschen liegt; zudem sind Angehörige von Minderheiten und/oder politisch-sozial benachteiligten Gruppen – gerade jene also, die oft besonders zur Auswanderung tendieren – hier noch einmal zusätzlich benachteiligt: Deutschkurse in der Türkei, um nur ein Beispiel zu nennen, finden auf Türkisch statt; für einen kurdischsprechenden Menschen aus ländlichem Umfeld wird in diesem Deutschkurs also Deutsch nicht die einzige Fremdsprache sein – ob der Kurs so überhaupt schaffbar ist, ist fraglich. Und hier handelt es sich um große Gruppen, nicht nur in der Türkei, sondern international. Auch ist der Unterschied zwischen politischer Verfolgung und wirtschaftlicher Benachteiligung äußerst fließend und die Härte der Umstände wird auch die Möglichkeit des Kursbesuchs bestimmen. Auch Menschen mit wenig Bildungserfahrung werden außen vor bleiben. Dazu gibt es also viel zu sagen; ganz grundsätzlich soll aber das Deutschlernen – wie jedes Lernen – machbar sein, unter guten Bedingungen stattfinden und die Lust zum Weiterlernen fördern. Wenn dieses Lernen hier in Österreich stattfindet, steht den Lernenden noch dazu die deutschsprachige Umgebung zur Verfügung – ein äußerst förderlicher Umstand.

APA: Zurück zu Ihrer Forschungsarbeit, die Sie auch in Buchform veröffentlicht haben. Ein wesentlicher Punkt ist hier das Vorurteil, dass die Kinder deshalb so schlecht Deutsch lernen, weil zu Hause nur die Muttersprache gesprochen wird. Aber: andererseits würden die Kinder so mit einem „schlechten Deutsch“ und ohne Muttersprache aufwachsen, was die Probleme doch verschärfen würde?

Brizic: Die Meinung, dass man besser Deutsch lernt, wenn zu Hause nur Deutsch gesprochen wird, lässt sich sehr leicht widerlegen, nämlich zum Beispiel anhand der Diplomaten- und Ärztekinder aus dem Ausland, die zu Hause in der Regel nie daran denken würden, ihre Muttersprache aufzugeben. Etwa slowakische Diplomaten, die nur zwei Jahre bleiben, würden nie daran denken, nicht mehr slowakisch zu sprechen. Trotzdem lernen deren Kinder innerhalb kürzester Zeit Deutsch. Man unterstellt diesen Gegensatz zwischen Muttersprache-Sprechen und Deutsch-Lernen ja auch nur den ökonomisch schwachen Familien, und nicht etwa in dem Moment, wo es in einem ökonomisch gehobenen Niveau stattfindet oder es sich um Englisch oder Französisch handelt. Kein Mensch würde sagen: Bitte sprecht mit euren Kindern nicht Englisch, das überfordert sie. Dieser Gedanke wird nur geäußert, wenn es um prestigelose Sprachen (Türkisch, Serbisch …) geht, und nicht etwa um Englisch, Italienisch oder Spanisch.

APA: Was raten Sie in Ihren Gesprächen den Eltern? Die Muttersprache – die sie ja am besten beherrschen – durchgehend anzuwenden, damit das Kind bei Schuleintritt zumindest eine Sprache ausreichend beherrscht?

Brizic: Da gibt es ganz viele gemischte Fälle. Und es gibt auch sehr viele Eltern, die keine Zeit haben, sich Gedanken zu machen. In meinen vielen, langen Interviews habe ich jedoch keine Familie getroffen, wo gar kein Deutsch gesprochen wird. Es gibt viele Wörter, die die Eltern gar nicht in ihrer Sprache wissen. Durch die Schule kommt Deutsch ins Haus. Ich versuche Eltern nicht zu Dingen zu raten, die unrealistisch sind. Aber sicher ist: Sie sollen sich überlegen, welche Sprache ihnen emotional nahe ist. Nur in der Sprache wird man sich dem Kind emotional am lockersten öffnen. Und das kann – wohlgemerkt – auch eine gemischte Sprache sein. Was leider auch ein Punkt ist, ist das Aufgeben der Sprache, ein aktuelles Beispiel: Kurdische Familien erleben das Kurdische als so gering geschätzt, dass sie es ganz weglassen. Auch in türkischsprachigen Familien beobachten wir oft Ähnliches. Und dann kommt es dazu, dass wichtige Prozesse – etwa das Märchenerzählen – ebenfalls weggelassen werden, weil es in der neuen Sprache keinen Zugang gibt. Also sage ich zusammenfassend: Die Sprache kann man wechseln oder mischen, aber sobald mit dem Weglassen einer Familiensprache auch wesentliche Sprachlern-Medien (Märchen, Lieder, Geschichten) wegfallen, wird es problematisch.

APA: Wie erleben Sie die Situation in Schulen?

Brizic: In den Schulen, die ich beforscht habe, überlegen sich die Lehrer´ in der Regel sehr viel. Es ist praktisch ein neuer Beruf geworden, sie sind nicht die klassischen Lehrerinnen und Lehrer, sondern arbeiten oft von frühmorgens bis spätabends. Die sind bis zum Abend in der Schule und geben den Kindern am nächsten Tag schon um 7 Uhr wieder Nachhilfe. Sie leisten auch Sozialarbeit.

APA: Wo kann die Politik hier ansetzen, um die Situation zu verbessern?

Brizic: Die Lehrerausbildung gehört verändert und vor allem aufgewertet. Der Beruf gehört adäquat bezahlt, dieser Job ist hoch qualifiziert, obwohl er in unserer Gesellschaft überhaupt nicht das Bild hat. Aber auch das gemeinsame Bildungswesen der Sechs- bis 14-Jährigen muss kommen. Längerfristig fallen die Kinder mit Migrationshintergrund allzu oft durch die Maschen des Bildungssystems. Die Lehrer sagen oft, die Kinder würden noch zwei bis drei Jahre brauchen, um seriös entscheiden zu können, ob sie in ein Gymnasium gehen können oder nicht. Auch die ökonomische Durchmischung ist sehr wichtig. Auch das ist sehr stark selektiert in unserem Schulwesen.

APA: Wie informieren Sie die Lehrkräfte über den Stand der Forschung?

Brizic: Ich halte ganz viel von einem intensiven, direkten Austausch zwischen den Lehrkräften und der Forschung – da wäre noch viel zu verbessern, zum Beispiel wäre ein mobiles Team denkbar, zusammengesetzt aus Angehörigen verschiedener Disziplinen, das jeweils mit neuen Erkenntnissen durch die Schulen fährt. Denn wer liest schon einen 200-Seiten-Bericht? So gäbe es auch die Möglichkeit zur Rückmeldung, eine Art Austausch, wo die Lehrer sagen: Wir brauchen von der Forschung dieses und jenes. Es geht ja, denke ich, immer wieder vor allem um das Aufspüren der vielen Ressourcen, die bei allen Beteiligten unseres Bildungswesens reichlich vorhanden sind: die vielen Sprachen der Kinder ebenso wie die hohen Bildungswünsche der Eltern und das ungeheure Engagement vieler Lehrkräfte.

APA: Wie kann es sein, dass Kinder nach neun Jahren Schule nicht ausreichend Deutsch sprechen?

Brizic: Ein Grund könnte darin liegen, dass mit zunehmender Aussichtslosigkeit am Arbeitsmarkt – auch bei Nicht-Migranten – die Wichtigkeit der Sprache abnimmt. Mein Vater hat es damals schnell geschafft, Lehrer zu werden, die Aussicht auf konkreten Erfolg war damals sehr real. Aber der Arbeitsmarkt hat sich sehr verändert in den vergangenen 30 Jahren, auch für die inländischen Jugendlichen. Es herrscht eine zunehmende Hoffnungslosigkeit. Da bleibt das schriftsprachliche Deutsch oft auf der Strecke. Die Deutschkenntnisse sind derzeit vielleicht sogar schlechter im Vergleich zur ersten Generation. Ein Grund ist auch, dass soziale Unterschiede im Schulsystem hochgradig reproduziert werden. Und diese Trennung nach sozialen Schichten ist nicht der Weg, um Sprache zu lernen. Deshalb ist die Durchmischung so wichtig.

APA: Für wie wichtig halten Sie es, die Muttersprache als Schulfach anzubieten?

Brizic: Die Schwelle zur Schriftsprache ist natürlich kleiner, wenn sie in der eigenen Sprache überschritten werden kann. Außerdem zeigt die Sprachwissenschaft starke Wechselwirkungen zwischen der muttersprachlichen Schriftsprache und der erworbenen Schriftsprache. Offenbar sind sich die Sprachen auf dieser Ebene ähnlicher als in der gesprochenen Sprache. Dieses Potenzial zu nützen, ist eigentlich die Aufgabe des muttersprachlichen Unterrichts. Aber dann müsste man das so lange machen, dass die Kinder wirklich lesen und schreiben können. In der Volksschule sind aber andere Probleme vorherrschend. Die Zeit, dass sie den Kindern die Schriftsprache bis zu einem hohen Niveau beibringen, fehlt. Denn das geht auch nicht mit zwei Stunden pro Woche.

APA: Sie streichen in Ihrer Forschung auch heraus, wie hoch motiviert die Eltern eigentlich sind…

Brizic: Je weiter die Eltern unten sind, desto wichtiger ist ihnen der Schulerfolg ihrer Kinder. Aber sie wissen nicht, wie man dorthin kommt. Wir versuchen in langen Gesprächen rauszufinden, was da schief läuft. Oft werden die Kinder in extra gute Volksschulen geschickt, wo sie dann aber durch einen 3er in Deutsch nicht ins Gymnasium kommen und erst wieder genau in der Kooperativen Mittelschule landen, die die Eltern meiden wollten. Es wird einem bei so einem Forschungsprojekt oft ein bisserl schlecht: Du kommst aus einer bestimmten Schicht und du kommst nur bis zu einem gewissen Punkt und nicht weiter. Dabei ist die Motivation so hoch. Dass die nicht wollen, ist ein Mythos. Wenn wir wollen, dass Migranten reüssieren, müssen wir diese wahnsinnige Motivation nützen.

(APA)