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Eugen Russ: "Zeitungen nicht in der Krise"

30.07.2010 - 11:34
"Zeitungslandschaft nicht mit den USA vergleichbar"© APA"Zeitungslandschaft nicht mit den USA vergleichbar"

Der Vorarlberger Verleger Eugen Russ sieht die Zeitungsbranche nicht in der Krise, auch wenn die Werbeerlöse wirtschaftsbedingt zurückgegangen sind und immer stärkere Konkurrenz im Internet lauert. Mit der desaströsen Situation der USA sei die Zeitungslandschaft hierzulande nicht vergleichbar, sagte Russ im APA-Interview.

"Junge Menschen lesen Zeitungen und zwar mit hoher Reichweite. Wir haben eine fast identische Reichweite über alle Altersschichten hinweg. Das ist ein Asset, das alle Zeitungen im deutschsprachigen Raum haben, in Österreich aber ganz besonders."

Nach den Erlöseinbrüchen durch die Finanz- und Wirtschaftskrise gehe es heuer für die Medienhäuser außerdem wieder bergauf, glaubt Russ. Er hielt sich zu eigenen Unternehmenszahlen bedeckt, allerdings: "Wir dürften im Jahr 2010 ein ziemliches Rekordjahr haben, ich glaube das gilt auch für andere Zeitungsverlage."

Ausbaufähig ist nach Russ' Ansicht nach wie vor das Onlinegeschäft in Österreich. In Skandinavien würden die Medienhäuser bereits ein Viertel im Internet erwirtschaften, hierzulande seien es erst fünf Prozent. "Offensichtlich ist es den Skandinaviern besser gelungen, die Marktposition der klassischen Medien auch im Onlinebereich in die Werbewirtschaft zu transferieren."

Auch wenn die Printerzeugnisse Bestand haben, stehen den Zeitungen Veränderungen ins Haus, sagt Russ: "Wir werden schlanker werden müssen. Das bleibt uns nicht erspart, so wie wir auch schlanker geworden sind als das Fernsehen kam." Wegfallen werde etwa der Rubrikenmarkt, der gänzlich ins Internet abwandern wird, wie der Verleger glaubt. "Wir haben in den 1960er Jahren aber auch gelernt, damit zu leben, dass die Markenartikelwerbung ins Fernsehen gegangen und dort auch geblieben ist." Zeitungen könnten immer noch hohe Reichweiten für die Werbewirtschaft bringen. "Und sie tun das auch nachhaltig und für viele Jahre, die da kommen."

Das Modell Zeitung werde es aber auch gedruckt noch lange geben, mit dem iPad komme ein digitaler Vertriebsweg hinzu. Auch dem Paid Content prophezeit Russ eine Zukunft. Binnen eines Jahres habe in der ganzen Industrie ein Umdenken eingesetzt, "dass nicht alles gratis sein kann und dass wir uns im Wettbewerb gegenüber User Generated Content unterscheiden müssen".

Die Kraft der eigenen Zeitung sieht Russ in der Funktion als "Überblicksmedium": "Die Zeitung liefert 800 bis 1.200 Artikeleinheiten, die ich in 20 Minuten durchscannen kann." Diese Möglichkeit böten weder Internet noch TV. "Ich kann mich als Leser drauf verlassen, dass ich nichts übersehen kann."

Als mittelfristiges Projekt hat Russ die "Hyperlokalität" im Auge. "Wir graben uns tief ins Land ein", kündigte er an. "Wir wollen bis hin zum letzten Schlagloch alles berichtet haben", strebt Russ eine Verdoppelung der Anzahl der lokalen Berichte an.

Relaunch der "VN" unumstritten

Die Reichweite der "Vorarlberger Nachrichten" habe seit Dezember abgenommen, bestätigte Verleger Eugen Russ. Mit dem damals vorgenommenen Relaunch habe das aber nichts zu tun, betonte er. "Ich würde meinen, das ist ein Ausreißer in der Statistik." Man sei außerdem weiter mit Abstand die stärkste Regionalzeitung im Hauptverbreitungsgebiet. "Einzelne Kritikpunkte wie zu kleine Schriften sind geändert worden und heute ist der Relaunch unumstritten."

Eine Zukunft hat für Russ auch die "Neue Vorarlberger Tageszeitung", wiewohl dies abhängig von der Presseförderung sei. "Es wäre vermessen zu sagen, dass die Presseförderung nicht eine Grundlage für die 'Neue' ist." Umgekehrt heiße das aber nicht, dass der Einstellungsbeschluss gefallen wäre, sollten Förderungen abhandenkommen. "Die Zeitung ist gut positioniert, hat eine stabile Auflage und gewinnt deutlich an Anzeigenumsatz."

In den derzeit noch in Verhandlungen befindlichen Kollektivvertrag für Tageszeitungsjournalisten setzt Russ keine großen Erwartungen. "Für uns ist wichtig, dass wir uns nicht mit Seniorität auseinandersetzen müssen." In seinem Haus seien "ungefähr zehn bis 15 Leute im Zeitungskollektivvertrag". Demgegenüber stünden konzernweit, also inklusive der im Ausland angesiedelten Unternehmungen, etwa 350 Mitarbeiter, die sich "nur und ausschließlich" mit digitalen Medien beschäftigen würden. "Der Anteil wird sich sicher noch zugunsten derer verschieben", die im digitalen Bereich tätig seien, wiewohl ein Limit für die Vertragsänderungen von der Presseförderung vorgegeben sei.

Nicht ohne Friktionen liefen die Auslandsgeschäfte von Russ. In Ungarn und Rumänien büßten seine Unternehmen ein Drittel des Umsatzes ein, schilderte er. "Wir mussten die Unternehmen um etwa 30 Prozent umstrukturieren", damit habe auch ein Drittel der Mitarbeiter gehen müssen. "Mir tut es um jeden Arbeitsplatz leid, den wir auf dieser Strecke verloren haben, weil es ja sehr arme Menschen betrifft. Aber wir haben uns restrukturiert und sind profitabel geblieben", so Russ. Wenn es 2011 wieder aufwärtsgeht, werde man vom vergrößerten Marktanteil profitieren.

Die Lust auf Expansion ist beim Vorarlberger Verleger jedenfalls ungebrochen: "Wir wollen weiterwachsen", bekräftigte Russ, nicht nur im Ausland, "sondern auch in Österreich". In Ungarn etwa habe man gerade einen Wochenzeitungsring gekauft und führe "über 70 Titel". Im Inland will Russ wachsen, indem bestehende Positionen ausgebaut werden.

Vor Konkurrenz im Einzugsgebiet des Medienhauses - branchenintern auch als "Russ"-Land" subsummiert - hat der Verleger zumindest Respekt. So sei unabsehbar, ob die "Kronen Zeitung" nach dem Tod Hans Dichands nicht einen erneuten Anlauf in Vorarlberg probiere. "Wir unterschätzen überhaupt nicht, was in der 'Kronen Zeitung' weiter passiert. Sie bleibt ein bedrohlicher Mitbewerber unseres Hauses und wir werden uns fit halten müssen für Leser und Anzeigenkunden". Nachsatz: "Der Anzeigenpreis muss so tief im Keller bleiben, wie er heute ist, sodass es völlig unattraktiv ist, in diesen Markt hereinzukommen."

(Das Interview führten Philipp Wilhelmer und Jochen Hofer)

(APA)

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