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Innenpolitikjournalismus setzt mehr auf Sensation

21.07.2010 - 14:36

Sensation, Personalisierung und die Orientierung auf Konflikte sind im österreichischen Innenpolitikjournalismus angekommen. Das ist eine der Schlussfolgerungen aus dem dritten "Journalisten-Report". Das Buch wurde am Mittwoch in Wien vorgestellt, der dritte Band der Reihe widmet sich ganz dem Politikjournalismus, erklärten die Herausgeber Andy Kaltenbrunner, Matthias Karmasin und Daniela Kraus.

In Österreichs Medien arbeiten rund 300 Politikjournalisten, mit 100 davon wurden für den empirischen Teil des Buchs Interviews geführt. Dabei wurde etwa der Frage nachgegangen, welchen Werten sie sich verpflichtet fühlen und unter welchen Rahmenbedingungen sie arbeiten. Auch die Leitmedien österreichischer Politikjournalisten sowie ihre Einstellung zur Europäischen Union wurden abgefragt. Die dabei gewonnenen Daten werden durch Kommentare österreichischer Politikredakteure aus der Praxis ergänzt.

"Die Amerikanisierung, also die Sensation, die Personalisierung und die Fokussierung auf Konflikte, ist in Österreich angekommen. Kritische und investigative Formate werden dadurch zurückgedrängt", erklärte Karmasin bei der Buchpräsentation. Diese Form der Berichterstattung nehme aufgrund des ökonomischen Drucks in den Redaktionen ab, denn aufwändige Recherchen kosten Geld. Dabei sehen sich Österreichs Innenpolitikjournalisten durchaus als Kritiker und Aufdecker - so ihnen dazu ökonomisch die Möglichkeit gegeben wird. Diese "Watchdog-Einstellung" sei in Österreich sogar noch stärker als in Deutschland. So stimmen in Österreich 75 Prozent aller befragten Journalisten der Aussage "In meinem Beruf geht es mir darum, Kritik an Missständen zu üben" zu. Unter den Politikjournalisten tun dies sogar 97 Prozent. Unter den deutschen Kollegen stimmen 58 Prozent der Journalisten dieser Aussage zu, bei den deutschen Politikjournalisten sind es 60 Prozent.

Befragt nach ihrer politischen Grundhaltung ordnen sich die Politikjournalisten überwiegend (63 Prozent) links der Mitte ein. "Das ist wenig überraschend, weil sie sich selbst als kritisches Bewusstsein einschätzen", erklärte Kaltenbrunner. Links heißt aber nicht parteinahe, betonte der Herausgeber. Kaltenbrunner verwies auf ein interessantes Ergebnis im Kapitel über die Leitmedien. So gaben die befragten Journalisten an, dass die "Kronen Zeitung" und der ORF die politische Tagesordnung beeinflussen können. Auf die Frage aber, welche Medien die Journalisten selbst nützen, um am politischen Diskurs teilzunehmen, werden zuerst Qualitätszeitungen wie "Die Presse" oder "Der Standard" genannt. Die "Krone" findet sich hier erst auf Platz fünf.

Für die Untersuchung wurde auch die Recherche im Internet unter die Lupe genommen. Laut Kraus schätzen die Journalisten die dadurch gewonnene Geschwindigkeit, erkennen aber auch, dass sowohl Aktualitätsdruck als auch Arbeitsstress durch das Internet noch steigen. Die Recherche online nehme zwar zu, "sie überholt aber noch lange nicht die Bedeutung des Informantengesprächs", erklärte Kraus. Auch blieben viele Onlinequellen ungenutzt.

Als ein Problem erkennen Journalisten die "Verhaberung", also das "Du-Wort" oder die Nähe zu Pressesprechern. "Um an Exklusivinfos zu kommen, wird die notwendige Distanz vernachlässigt", stellte Karmasin fest. Eine Lösung gebe es allerdings nicht, Karmasin begründet dies vor allem mit den Strukturen - der "Kleinheit" - in Österreich.

(S E R V I C E - "Der Journalisten-Report III Politikjournalismus in Österreich", Andy Kaltenbrunner, Matthias Karmasin, Daniela Kraus (Hg.), facultas.wuv 2010, 171 Seiten, ISBN 978-3-7089-0581-5, 24,40 Euro)

(APA)

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