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Um die Überreste von Air Berlin wird nun gefeilscht

16.08.2017 - 16:51
Air Berlin betreibt eine Flotte von rund 140 Flugzeugen© APA (dpa)Air Berlin betreibt eine Flotte von rund 140 Flugzeugen

Gezerre um die Überreste von Air Berlin: Der irische Billigflieger Ryanair will die Aufteilung der Start- und Landerechte der zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft unter den Rivalen Lufthansa und Easyjet nicht einfach hinnehmen. Vorstandschef Michael O'Leary legte Beschwerde bei der EU-Kommission ein. O'Leary: "Das ist ein völlig abgekartetes Spiel." Das gehe alles zu schnell.

Ryanair habe kaum eine Chance, sich attraktive Start- und Landerechte (Slots) aus der Konkursmasse zu sichern. Der Ire spricht von einem "Komplott" zwischen der deutschen Regierung, der Lufthansa und Air Berlin. Die Anteile von Air Berlin würden "unter Ausschluss der größten Wettbewerber zerstückelt" und dabei würden EU-Wettbewerbsregeln sowie Bestimmungen zu staatlichen Beihilfen ignoriert, kritisierte Ryanair. Der Billigflieger sprach von einer "künstlich erzeugten Insolvenz".

Die Regierung in Berlin nannte die Vorwürfe "abwegig". Der Einspruch von Ryanair gegen Staatshilfen für Air Berlin wird auch nicht verhindern, dass die marode deutsche Fluggesellschaft vorerst weiter fliegt: "Beschwerden von Wettbewerbern haben keine aufschiebende Wirkung", sagte eine Sprecherin der Brüsseler EU-Kommission.

Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann sagte der Wochenzeitung "Die Zeit", die Gespräche mit möglichen Partnern seien "sehr weit gediehen". Er glaube, einen Großteil der 8.500 Arbeitsplätze sichern zu können. "Das kriegen wir hin." Die Gespräche mit der Lufthansa und - Insidern zufolge - mit Easyjet liefen bereits Monate, als Air Berlin am Dienstag einen Insolvenzantrag stellen musste. Mit dem formellen Start des Insolvenzverfahrens wird am 1. November gerechnet.

In den Verhandlungen geht es vor allem um die Start- und Landerechte. "Die Slots sind das einzig Werthaltige. Die Ideallösung wäre, das so zu filetieren, dass nichts übrig bleibt", sagte ein Insider. "Lufthansa und Easyjet ergänzen sich dabei gut." In der Insolvenz werden aber die Karten neu gemischt. Denn nun geht es darum, für die Gläubiger das Maximale herauszuholen und die Slots meistbietend zu verwerten.

Deutsche Medien erwarten jedenfalls eine Totalzerschlagung und das baldige Aus der Marke Air Berlin. Mit deutscher Staatshilfe soll Air Berlin für die nächsten drei Monate in der Luft gehalten werden.

Die österreichische Tochter Niki (850 Beschäftigte) soll aus der Insolvenz herausgehalten werden. Am Mittwoch informierte der Niki-Vorstand die Mitarbeiter in Wien-Schwechat über den Fortbestand der Airline. Es galt auch Kunden zu beruhigen. Eine für Mittwoch anberaumte Kollektivvertragsverhandlungsrunde wurde auf unbestimmte Zeit ausgesetzt.

Niki könnte Teil von Eurowings werden, meinte der österreichische Luftfahrtexperte Kurt Hoffmann am Mittwoch im ORF-Morgenjournal. Auch der zum Reisekonzern Thomas Cook (Neckermann Reisen) gehörende Ferienflieger Condor soll deutschen Informationen Interesse an der Teilnahme an Auffanglösungen bekundet haben - zumal ein Teil der Thomas Cook-Reiseveranstalter-Gäste mit Air Berlin und ihrer Tochter Niki in den Urlaub geflogen wird.

Die Lufthansa will so viele der Air-Berlin-Jets übernehmen wie möglich, sie will damit ihre Billigsparte Eurowings vergrößern. An tatsächlichen Unternehmensteilen von Air Berlin habe sie angeblich kein Interesse. Sie spitzt offenbar aber vor allem auf den Standort Düsseldorf, den sie als neuen Langstreckenstandort für Eurowings dazubekäme.

Air Berlin betreibt derzeit eine Flotte von rund 140 Flugzeugen. 38 davon, mitsamt der dazugehörigen Besatzungen, fliegen bereits seit Februar für die Lufthansa bzw. Eurowings - fünf davon bei der Lufthansa-Tochter AUA (Austrian Airlines). Als fast fix gilt, dass diese geleasten Jets in irgendeiner Form von der Lufthansa übernommen werden. Es bleibt also eine Flotte von etwa 100 Maschinen bei Air Berlin und Niki, die neu verteilt werden sollen. Dabei haben die Kartellbehörden gewichtig mitzureden. Laut "SZ" hält die Lufthansa bis zu 80 zusätzliche Jets für genehmigungsfähig. Für die ebenfalls interessierte Easyjet würden dann noch etwa 20 bleiben.

Außerdem dürfte der Reisekonzern TUI versuchen, die von Air Berlin unter der Marke TUIfly betriebenen Jets unter seine Kontrolle zu bringen, erwarten deutsche Branchenexperten.

Am Mittwoch hat die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Übergangskredit (Massekredit) in Höhe von 150 Mio. Euro an die insolvente Air Berlin verteidigt. Zehntausende Reisende im Stich zu lassen, "weil Benzin nicht bezahlt werden kann und die Tickets verfallen, das wäre glaube ich nicht angemessen gewesen". Geld hereinkommen soll aus dem Verkauf von Start- und Landerechten. Aus Merkels eigener Partei waren allerdings Zweifel an der Rückzahlung laut geworden.

Die staatliche deutsche Air-Berlin-Zwischenrettung war indirekt auch eine Rettung des Geschäftsbetriebes der Lufthansa-Tochter Eurowings, wie am Mittwoch verlautete. Das deutsche Luftfahrt-Bundesamt darf nämlich nur den Flugbetrieb einer Gesellschaft genehmigen, die auch Geld in der Kasse hat. Hätte Air Berlin seine Betriebserlaubnis verloren, wäre auch ein Teil der Eurowings-Flotte am Boden geblieben, weil sie nach wie vor unter Air-Berlin-Zulassungen fliegen, auch wenn die entsprechenden Flugzeuge in Eurowings-Farben lackiert sind, schreibt die "Welt" (Online). Die fünf von der AUA geleasten Air-Berlin-Flugzeuge sind auch in AUA-Farben auf AUA-Europastrecken unterwegs.

(APA/dpa/ag.)

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