2011 ist das "Europäische Jahr der Freiwilligenarbeit" - damit will die EU im kommenden Jahr die Bedeutung von freiwillig verrichteter Arbeit hervorheben und dafür insgesamt elf Millionen Euro ausgeben. Eva More-Hollerweger, Expertin für Freiwilligenarbeit, sieht indes im Gespräch mit der APA die Gefahr der Begriffsvermischung von "freiwilliger" und "gemeinnütziger" Arbeit.
Nicht zuletzt in Hinblick auf die jüngste Debatte um die Mindestsicherung warnt sie davor, Freiwilligenarbeit im Dienste der Allgemeinheit als "Allheilmittel" für Langzeitarbeitslose und Menschen mit Migrationshintergrund zu sehen. Immer wieder wird gemeinnütziger Arbeit ein gewisses Integrationspotenzial zugesprochen: Langzeitarbeitslose sollen auf diese Weise wieder in die Arbeitswelt zurückfinden, Menschen mit Migrationshintergrund in die österreichische Gesellschaft integriert werden. Zuletzt machte VP-Staatssekretärin Christine Marek den Vorstoß, Mindestsicherungsbezieher sollten gemeinnützige Arbeit verrichten. "Wir reden hier von Tätigkeiten, die von vielen Freiwilligen ohne jede Bezahlung gemacht werden", meinte Marek dazu.
"Problematische Freiwillige"
Doch Freiwilligenarbeit erfolgt eben "freiwillig", wenn keine gesetzliche Verpflichtung dahinter steht. "Man sollte das trennen und die Dinge auch beim Namen nennen", meint More-Hollerweger. Einen Qualitätsunterschied zwischen freiwillig verrichteter Tätigkeit und verpflichtender könne man auch beim Zivildienst ausmachen: "Während manche ihre Arbeit gut machen, sitzen andere ihren Dienst ab". Randgruppen als Arbeitskräfte in der Freiwilligenarbeit miteinzubeziehen, sei mit Vorsicht zu genießen, meint sie. Ohne entsprechende Ressourcen wie Mediation sowohl für hauptamtliche als auch für freiwillige Mitarbeiter würde das schlichtweg nicht funktionieren. Denn oft sei für Arbeitslose die fehlende Beschäftigung nur eines vieler Probleme; More-Hollerweger spricht in diesem Kontext von "problematischen Freiwilligen".
Die Wissenschafterin forscht an der Wirtschaftsuniversität Wien und führte 2008 eine Zusatzerhebung zur Mikrozensusstudie der Statistik Austria durch. Im Gegensatz zu anderen Studien schloss sie dabei neben der formalen Freiwilligenarbeit in Vereinen auch informelle Freiwilligenarbeit wie Nachbarschaftshilfe mit ein. Hauptcharakteristikum der Freiwilligenarbeit: Sie wird unbezahlt verrichtet und kommt Personen außerhalb des eigenen Haushalts zugute. In Österreich trifft das laut Statistik Austria auf rund 3 Millionen bzw. 44 Prozent der über 15-Jährigen zu. Sie engagieren sich etwa in der Feuerwehr, Rettung oder sind in der Nachbarschaftshilfe aktiv. EU-weit sind es 94 Millionen bzw. 23 Prozent, haben Erhebungen ergeben, wobei diese Zahlen nicht direkt mit jenen aus Österreich vergleichbar sind.
In ländlichen Gebieten ausgeprägt
More-Hollerweger ortet österreichische Spezifika: "Die österreichische Freiwilligenarbeit ist in den ländlichen Gebieten sehr ausgeprägt." Zudem habe jede Organisation eine politische Färbung und ein jeweils rotes oder schwarzes Pendant. Die politische Ausrichtung könnte allerdings in Zukunft nicht mehr so wichtig sein, meint sie. Im Gegensatz zu Ländern wie England gebe es außerdem in der Alpenrepublik weniger Kooperationen zwischen sozialen Organisationen und Unternehmen.
Die EU will 2011 die Bedeutung von freiwillig verrichteter Arbeit hervorheben. Für Konferenzen, Seminare und Erfahrungsaustausche will die Europäische Kommission insgesamt 11 Millionen Euro ausgeben. More-Hollerweger hält Wertschätzung für sinnvoll, doch anstatt das Geld in PR-Maßnahmen zu pumpen, wäre ihr die finanzielle Förderung von Projekten lieber. Nicole Sonnleitner, Leiterin des Unabhängigen LandesFreiwilligenzentrum Linz (ULF), sieht das anders: Sie hofft, die Öffentlichkeit werde durch das Jahr der Freiwilligenarbeit "viel mehr" sensibilisiert. Sie sieht auch Potenzial in kostengünstigen Maßnahmen wie mehrsprachigen Homepageauftritten. Einen solchen will sie in ihrem Zentrum umsetzen.
(APA)

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