Der Kauf von Orange durch "3" ist perfekt. Am 3. Februar haben die beiden kleinsten Handynetzbetreiber Österreichs ihre Ehe besiegelt. Die Übernahme soll "3" langfristig bis zu 500 Mio. Euro an Kostenersparnis bringen, teilte "3" mit. Ob damit ein Mitarbeiterabbau verbunden ist wurde nicht ausgeführt. Skepsis meldete bereits die Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) an.
Beide Unternehmen haben zusammen knapp 1.300 Mitarbeiter. Für die Kunden soll sich zunächst nichts ändern. Der Hongkonger Mischkonzern "3" hat sich den Kauf der France Telecom-Tochter Orange 1,3 Mrd. Euro kosten lassen, nimmt aber davon 390 Mio. Euro durch den Weiterverkauf der Orange-Diskonttochter "Yesss!" an Marktführer A1 wieder ein. Der Weiterverkauf an die Telekom (A1) war laut Branchenbeobachtern aus Wettbewerbsgründen notwendig.
Yesss! hatte zuletzt laut Firmen-Compass lediglich 15 Mitarbeiter und deutlich rückläufige Umsätze. Allerdings hat A1 auch die Markenrechte von "One" erworben. Marktbeobachtern zufolge sollen diese vor dem Markenwechsel von "One" zu "Orange weit über 100 Mio. Euro wert gewesen sein.
"Im Zuge der Veräußerung werden bestimmte Frequenzen, Sendestandorte und geistige Schutz- und Urheberrechte, (...) an die Telekom Austria Group verkauft", so "3" zu den weiteren Assets des Einkaufs. Abhängig vom Erfolg des Integrationsprozesses hat "3" eine Zahlung von bis zu 70 Mio. Euro an den Finanzinvestor Mid Europa Partners für zwei Jahre nach Abschluss der Transaktion vereinbart. Mid Europe Partners hielt 65 Prozent an Orange, 35 Prozent gehörten France Telecom.
Wettbewerbsgenehmigung bis Mitte des Jahres
Nach Eigenangaben hat "3"/Orange 2,8 Millionen Kunden und einen Marktanteil von 22 Prozent bei gemeinsamen Erlösen von über 700 Mio. Euro. "Die Genehmigung der Übernahme durch die Wettbewerbsbehörden wird Mitte 2012 erwartet. Bis dahin agieren H3G Austria und Orange Austria unabhängig am Markt", so "3". Für die Unternehmen gilt bis zur wettbewerbsrechtlichen Genehmigung ein Vollzugsverbot
"Die Kunden von Orange Austria genießen in Zukunft das superschnelle 3MegaNetz sowie hohe Netzabdeckung und Netzqualität. In Zukunft profitieren alle 3-Kunden von einer weiter steigenden Netzqualität sowie von Innovation und Service infolge des vergrößerten Frequenzspektrums, des erweiterten Vertriebsnetzes und der Effizienzgewinne, die der Zusammenschluss möglich macht", jubelte "3".
Marktführer A1 teilte mit, dass für Yesss! "bis zu" 390 Mio. Euro an "3" gezahlt wurden und damit neben der Diskont-Tochter selber auch Frequenzen und bis zu 634 Basisstationen von "3" erworben wurden. "Die Akquisition der oben erwähnten Vermögensgegenstände wird aus dem bestehenden Cashflow der Telekom Austria Group finanziert", so die Telekom. Diese hatte vor zwei Monaten die Dividende für 2011 und 2012 auf 0,38 Euro pro Aktie halbiert.
Yesss! hat 740.000 Kunden und erwirtschaftete 2010 einen Umsatz von 56,4 Millionen Euro. Der von der Telekom Austria Group vielbeachtete Cash Flow betrug 2,37 Mio. Euro. Yesss! bietet Sprachtelefonie, SMS und Datendienste im Wertkarten- und Vertragskundensegment. "Der Kauf ermöglicht es Telekom Austria Group Kunden zu gewinnen, welche die bestehende Kundenbasis ergänzen", so die Telekom.
Krammer glaubt an die Zusammenarbeit
Orange-Chef Michael Krammer (51) erwartet von der Übernahme von Orange durch "3" Vorteile für die Kunden und den Wirtschaftsstandort. Denn ohne dieser Marktbereinigung wäre der Preiskampf auf Kosten der Netzinvestitionen und der Servicequalität gegangen, meinte er im Gespräch mit der APA. Letztendlich bringe die Konsolidierung den Kunden günstigere statt teurere Preise. Für die Kunden ändert sich zumindest im nächsten halben Jahr nichts, beide Marken würden unabhängig voneinander weiter geführt.
Wie es mit ihm selbst weitergeht wollte Krammer nicht kommentieren, Chef des fusionierten Unternehmens werde er jedenfalls "sicher nicht". Der ehemalige Bundesheer-Offizier und leidenschaftliche Radfahrer hatte die Marke "tele.ring" groß gemacht und mit dem Slogan "Weg mit dem Speck" den beinharten Preiskampf in Österreich eingeläutet. Vor seinem Wechsel an die Spitze von Orange war Krammer Chef des deutschen Mobilfunkers ePlus.
Er wird branchenintern als potenzieller Nachfolger von Telekom-Chef Hannes Ametsreiter gehandelt, sollte dieser über die zahlreichen Affären in der Telekom Austria stürzen. Gestern war bekanntgeworden, dass der komplette ehemalige Vorstand der Telekom in den Korruptionsskandalen von der Justiz als Beschuldigte geführt wird. Ametsreiter selbst war zu dieser Zeit allerdings nicht Mitglied des Vorstandes, sondern Marketingchef der Mobilfunktochter Mobilkom. Der Vater dreier Kinder und Hobbysportler könnte es sich nach dem seinerzeitigen Verkauf von tele.ring an T-Mobile Austria auch leisten, in den Frühruhestand zu gehen.
Die größten Synergieeffekte durch die Übernahme von Orange durch "3" sieht Krammer in der Technik. Derzeit habe Orange rund 5.000 und "3" um die 4.000 Standorte, künftig würden lediglich bis zu 6.000 Masten benötigt.
Krammer übergibt mit Orange eines der 150 größten Unternehmen des Landes. Marktbeobachter wunderten sich bei auftauchen der Übernahmegerüchte, wie es sein könne das die profitable Orange von einem Unternehmen gekauft werde, dass selbst nach Jahren nur sehr schwer aus den Startlöchern kam. Branchenweit war erwartet worden, dass bei einer Marktkonsolidierung "3" geschluckt werde. Aber es wurde die Rechnung ohne Hutchison-Konzernchef Li Ka-Shing gemacht, der sehr viel Geld in die Hand nahm und einen gewaltigen Netzausbau initiierte sowie die Konkurrenz mit Kampfpreisen irritierte. Ka-Shing war mit 12 Jahren von China in die damalige britische Kronkolonie Hongkong geflüchtet und gilt heute als reichster Mann Asiens.
Bis Ende 2010 hatte Orange nach Eigenangaben rund 2 Mrd. Euro in Österreich investiert und damit zuletzt 99 Prozent der österreichischen Bevölkerung mit GSM und knapp drei Viertel mit UMTS/HSPA+ versorgt. Mit mittlerweile 97 Orange Shops und über 1.700 Vertriebsstellen verfügt Orange über das größte Shop-Netz aller Betreiber und ist nach Hartlauer zur größten Elektrohandelskette des Landes aufgestiegen. Dem Vernehmen nach soll sich die Orange-Mutter France Telecom nach dem Ausstieg in der Schweiz und Österreich auch von den Beteiligungen in Portugal und Rumänien trennen wollen.
TKK-Genehmigung nötig
Bei Zusammenschlüssen von Mobilfunkunternehmen in Österreich ist - neben den Zuständigkeiten der Wettbewerbsbehörden - vorab die Genehmigung der Telekom-Control-Kommission (TKK) einzuholen, hieß es am Freitag von der Regulierungsbehörde zur APA. Anknüpfungspunkt für die Zuständigkeit der TKK ist die Nutzung von Frequenzen, die in diesem Fall von der TKK für den Staat verwaltet werden. Prüfungsgegenstand ist der Wettbewerb. Wenn durch einen Zusammenschluss oder eine Frequenzüberlassung der Wettbewerb beeinträchtigt wird, sind entsprechende Auflagen zu verhängen. Ist aber zu befürchten, dass trotz der Auferlegung von Auflagen der Wettbewerb durch die (geänderte) Frequenzverwendung beeinträchtigt wird, ist die Änderung der Frequenznutzung zu untersagen. Bisher wurde der Regulierungsbehörde eine Übernahme noch nicht angezeigt.
Wettbewerbshüter können es sich nach APA-Informationen nur schwer vorstellen, dass auf einem Markt eine Reduktion von vier auf drei Unternehmen keine Auswirkungen auf den Wettbewerb hat. Dies gelte insbesondere für den Mobilfunksektor, von dem ein hoher Wettbewerbsdruck auch auf das Festnetz ausgehe.
Trionow: Marke Orange wird verschwinden
"3"-Chef Jan Trionow verspricht nach der Übernahme von Orange, dass sich für die Kunden der France-Telecom-Tochter Orange "vorerst nichts ändert". "Der Wettbewerb wird intensiv bleiben. Wir haben viel vor und wollen ein Drittel des Marktes erreichen. Wir werden uns weiter preisaggressiv verhalten", betonte er am Freitag vor Journalisten. Die Marke Orange werde aber "mittelfristig" verschwinden. Trionow erklärte, dass beide Unternehmen profitabel (auf EBIT-Basis) wirtschafteten.
Das Management von "3" übernimmt das Ruder bei Orange, Orange-Boss Krammer wird das Unternehmen nach dem endgültigen Closing (inklusive wettbewerbsrechtlicher Genehmigung) gehen. Orange hat derzeit rund 800 Mitarbeiter, "3" ca. 570. Wie viele nach der abgeschlossenen Übernahme übrigbleiben werden, wollte Trionow nicht beziffern. Aber auch im Personalbereich werde es Veränderungen geben. Die bestehenden Lieferverträge für die Infrastruktur laufen weiter, weitere Details müssten noch geklärt werden. Offen sei auch, ob der Orange-Standort in Wien-Floridsdorf erhalten bleibt. "3" hat das Hauptquartier im Wiener Gasometer.
Warum "3" nicht gleich auch Yesss! mit übernommen hat, begründet der "3"-Boss mit der Einmarkenstrategie des Unternehmens. "Wir wollten uns auf eine Kernmarke konzentrieren", meinte er.
Bedenken der BWB
Die Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) hat bereits massive Bedenken wegen des "3"/Orange/Yesss!-Deals angemeldet. "Ein Okay für dieses Paket ist, so wie es derzeit ausschaut, schwer vorstellbar", sagte BWB-Sprecher Stefan Keznickl zur APA. Die Übernahme von Orange durch "3" und der Weiterverkauf von Yesss! an A1 bedeute eine Reduktion auf drei Anbieter "und damit eine Reduktion des Wettbewerbs". Keznickl schränkte aber ein, dass der Behörde derzeit noch keine näheren Informationen der Netzbetreiber vorliegen würden.
Die Orange-Übernahme muss bei den Wettbewerbshütern in Brüssel beantragt werden, da der weltweite Umsatz der beteiligten Konzern mehr als 5 Mrd. Euro beträgt. Hinter "3" steht der chinesische Konzern Hutchison, hinter Orange steht France Telecom. Aus der Branche ist allerdings zu hören, dass die BWB trotzdem gerne in den Deal eingebunden gewesen wäre. Aber es ist ohnehin davon auszugehen, dass sich die EU-Kommission bei der BWB schlau macht. "3" und Orange gehen davon aus, dass sie im Sommer des heurigen Jahres grünes Licht der Wettbewerbshüter bekommen.
T-Mobile will strenge Prüfung
Die Nummer zwei am österreichischen Mobilfunkmarkt, T-Mobile-Austria, mahnt eine gründliche Wettbewerbsprüfung ein. "Wir vertrauen darauf, dass die zuständigen Behörden in Österreich und auf europäischer Ebene bei der angekündigten Übernahme für faire Wettbewerbsbedingungen für alle Marktteilnehmer sorgen werden. Insbesondere die Abgabe der Frequenzpakete 2100, 2600 und 900 MHz an die A1 Telekom Austria bedarf aus unserer Sicht noch einer genauen Prüfung durch die zuständigen Behörden", teilte T-Mobile-Chef Robert Chvatal am Freitag in einer Aussendung mit.
Martin Reitenspieß, Vice Präsident der Abteilung CMT beim internationalen Berater Booz & Company, erwartet weiterhin einen intensiven Wettbewerb in Österreich. "'3' wird versuchen die Nummer zwei zu werden", meinte er im Gespräch mit der APA. Österreich sei jetzt schon im europäischen Vergleich ein Billig-Tarif-Land, mit oder ohne Übernahme wäre es ohnehin nicht mehr weit nach unten gegangen. "Irgendwann gibt es die industrielle Logik, dass man auch Geld verdienen muss", so Reitenspieß. Von dem Kauf würde jedenfalls der Wirtschaftsstandort Österreich profitieren, da nun mehr Geld für Investitionen ins Netz - wie zum Beispiel in die nächste Mobilfunkgeneration LTE ("Long Term Evolution, 4G), vorhanden wäre.
Zu möglichen wettbewerbsrechtlichen Auflagen meinte der Analyst, es gäbe in Europa weit größere Länder mit in Relation zur Bevölkerung vergleichsweise geringerer Anbieterzahl.
(APA)

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