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Hannes Jagerhofer: "Karl-Heinz Grasser war easy going"

12.04.2011 - 17:05
Über den Verkauf von checkfelix.com, die Vision einer Online-Kreativwerkstatt und KHG als Parade-Investor: Hannes Jagerhofer im relevant-Interview.
© ACTS/Neumüller

Hannes Jagerhofer ist Gründer und Geschäftsführer der ACTS Group. Prominent machten ihn vor allem seine Events, allen voran das Beach Volleyball Turnier in Klagenfurt. Weniger bekannt ist außerhalb der Online-Branche, dass er auch hinter der Reisesuchplattform checkfelix.com steckte. Bis vor kurzem. Der amerikanische Branchen-Leader KAYAK (Connecticut) hat sich nämlich "Felix", wie Jagerhofer das Portal väterlich nennt, gekrallt. Ein lukrativer Verkauf für Jagerhofer. Ein entspanntes Gespräch mit relevant


Wie geht es Ihnen?

Hannes Jagerhofer: Ausgezeichnet! Nach dem erfolgreichen Verkauf eines Unternehmens kann's einem gut gehen.

Wie lange haben Sie an diesem Verkauf gearbeitet?

Die ersten Kontaktaufnahmen waren November, Dezember. Die konkreten Verhandlungen dauerten dann in etwa drei Monate.

Wollten Sie checkfelix.com unbedingt verkaufen?

Nicht zwingend. Aber der Moment war der richtige. Wir waren am Höhepunkt und hatten super Ergebnisse. Jetzt wäre wieder eine Phase gekommen, da hätten wir viel in Expansion und in Technik investieren müssen, und dann hätte ich die nächsten drei, vier Jahre nicht mehr verkaufen können. Außerdem hat das Angebot gepasst - es war megafair, kam vom Marktführer ...

Haben Sie eigentlich von Anfang an Kooperationen mit Anbietern gehabt oder die Daten einfach abgegriffen?

Anfangs machten wir "Screen scraping", wir haben also die Daten von den Seiten der Anbieter ausgelesen. Das war völlig legal, weil wir ja weder von den Usern, noch von den Anbietern Geld verlangten. Zum Online-Gang 2005 habe ich eine Pressekonferenz gegeben, und da gab's einen riesen Aufruhr, weil die Leute nicht verstanden haben, was da für eine Party abgeht! Dann sind wir nach und nach mit den Partnern mehr in Kontakt getreten, haben begonnen, Schnittstellen einzurichten und haben die Zusammenarbeit in den ersten Jahren intensiviert. 2007 starteten wir mit Affiliate-Programmen – wo wir bei vermittelten Tickets, Hotelbuchungen etc. einen Share bekommen haben. Und viele, die noch vor drei Jahren gesagt haben: "Da machen wir nie im Leben mit, wir lassen uns niemals im Netz vergleichen" – sind jetzt alle unsere Partner geworden.

War die Affiliate-Perspektive immer für das Geschäftsmodell wichtig?

Oh ja. Ich habe gewusst, dass das langfristig ohne Affiliate nicht funktionieren kann. Bei den Betriebskosten haben wir ja monatlich reingeblasen und anfangs hatten wir ja auch keinen Traffic und keine Werbung auf der Plattform. Jetzt könnten wir schon alleine von der Werbung auf checkfelix.com die Truppe bezahlen.

Wieviele Partner der Reisebranche hat heute checkfelix.com?

200 Partner. Airlines und Travel Agents. Wobei wir auch kleine Reisebüros dabei haben möchten. Die haben oft super Angebote, hinken aber von der Technik ein bisschen hinten nach. Das ist auch der Grund, warum wir uns bei der Abfrage Zeit lassen – um eben auch kleine lokale Schnäppchen zu erreichen.

Wie hoch ist das Marketing-Budget?

600.000 Euro im Vorjahr, und heuer sind das 1,5 Millionen - Marketing, das wir übrigens aus dem Cash-Flow heraus bezahlt haben.

Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee von checkfelix.com?

Ein Freund von mir hat diese Idee für einen Partner entwickelt, der dann leider bei einem Hubschrauberabsturz verstorben ist.

Zwischenfrage: Hatte das etwas mit Ihrem Heli-Unternehmen zu tun?

Nein. Er war am gleichen Flughafen angesiedelt wie ich in Amerika, und ich hätte seinen Hubschrauber operaten sollen. Er war britischer Millionär, hat ein Stromkabel übersehen und ist mit dem Hubschrauber abgestürzt. Damit ist das Projekt meines Freundes gestanden. Ich hab's immer für eine geniale Idee gefunden und - dann selbst in Auftrag gegeben.

Sie sagten, dass Sie nun in die Technik investieren müssten. Wo ist bei checkfelix.com die technische Herausforderung?

Wir haben 70.000 Abfragen an einem guten Tag. Bei der Traffic-Belastung sind wir extrem gut aufgestellt, weil wir an der Amazon-Cloud hängen. Die Wartung des Produktes und der 200 Schnittstellen ist aber sehr aufwändig. Genauso: Special Features wie der "Dealfinder", den die Leute extrem gut annehmen und wo man beispielsweise Flughafen in der Umgebung oder Reisedaten plus-minus ein paar Tage zu den angegebenen Daten abfragen kann. Da kann der User gleich einmal 60-70 Prozent sparen. Dazu braucht es allerdings spezielle Filter, die wir entwickeln. Zur technischen Arbeit kommt Recherchearbeit dazu: neue, kleine Airlines, vielleicht irgendwo auf Mauritius, die oft super Angebote und interessante Verbindungen haben, aber noch in keinem Buchungssystem drinnen sind.

Wie sieht der Personalstand aus?

Wir haben bei checkfelix.com 7 Leute: 4 Programmierer, 3 Marketing & Sales. In letztere Abteilung fällt auch die Social-Media-Arbeit, wo wir einen tollen Job gemacht haben und auch besagte Recherchearbeit sowie das Kooperationsmanagement.

Welche Online-Themen reizen Sie sonst noch?

Der Felix bleibt jetzt noch ein Jahr operativ bei mir. Aber mein größtes Kind ist YPD. (Anm.: "Young Powerful Dynamic": Die YPD-Challenge ist ein Onlinegame, bei dem es gilt, Aufgaben mit Wissen, Kreativität und Teamgeist zu lösen. Für die 300 Besten geht es dann bei einem mehrtägigen Österreich-Finalevent um 100 Praktikumsplätze bei namhaften Unternehmen. Siehe Link unten.) Da kommt jetzt der Roll-out in sechs Ländern. Ohne Internet wäre das nicht möglich. YPD war heuer, im dritten Jahr, ein extremer Erfolg. Jetzt gehen wir nach Bayern im Herbst, und Bulgarien ist auf unserer Target-Liste. 2012 gehen wir mit der neuen YPD online, werden es in vier, fünf Länder bringen. Das hat ein riesen Potenzial – die jungen Menschen, die hochmotiviert sind, die Industrie, die total begeistert ist ... Das ist sicher mein Hauptkind für die nächsten drei bis vier Jahre.

Ist YPD denn ein technisches Projekt?

Wir haben zwei Jahre in die Programmierung gesteckt, weil das alles online in einer 3D-Welt stattfindet. Und wenn mit dem Event-Charakter 10.000 Leute in einer Millisekunde in dieser 3D-Welt marschieren, dann ist das technisch eine riesige Herausforderung. Grundsätzlich geht es bei der YPD um ein Summenspiel: ein intelligenter Fragenkatalog, der den Jugendlichen Spaß machen soll, aber auch extrem fordernd ist, und wir daraus wichtige Informationen über die Jugendlichen ziehen können. Plus: Die Industrie, die dann ganz spezielle Praktika zur Verfügung stellt. Plus: Das Monitoring der Jugendlichen bei den Praktika. Mit der Sigmund Freud Universität und der Kremser Universität haben wir dazu einen Persönlichkeitskompass entwickelt. Das alles zusammengeführt macht YPD auch technisch wahrscheinlich sogar noch einen Level anspruchsvoller als den Felix.

Worin lag bei YPD die Motivation, es zu realisieren?

Ich habe bei Beachvolleyball immer Praktikanten gebraucht und sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Wir haben jedes Jahr zwischen 70 und 100 Bewerbungen für Beachvolleyball. Dann laden wir die Leute ein, und es gibt ein Gespräch. Aber auch ich bin schon aufgelaufen und musste schlechte Erfahrungen machen. Da habe ich mir gedacht, dass es doch super wäre, einen Test zu entwickeln, der den Bewerbern Spaß macht, sie aber genauso hart rannimmt, und wo man genau sieht, wer durchhält. Das ist wohl auch der Grund, warum die Industrie unfassbar euphorisch auf die YPDler reagiert.

Ist hier wieder ein Exit wie bei checkfelix.com ein Ziel?

Nein, ich möchte irgendwann eine Datenbank mit den 30.000 motiviertesten Jugendlichen Europas haben, und wann immer ein Konzern irgendwo jemanden braucht, kann ich anbieten.

Sind Sie eigentlich ordnungsliebend? Checkfelix ordnet Reiseangebote, YPD könnte man als Human-Ressources-Suchmaschine bezeichnen ...

(Lacht.) Eigentlich überhaupt nicht, ich bin eher ein Chaot. Ich räume nie auf. Erst dann, wenn es gar nicht mehr geht. Dann dafür gründlich.

Gibt es einen strategischen Masterplan, die Tätigkeiten Ihrer Agentur immer mehr ins Netz zu verlagern?

Wir versuchen, uns in der Firma immer mehr auf neue Beine zu stellen. Und wir haben jetzt einige Erfahrungen von checkfelix.com. Ich denke, dass wir das Geschäft im Online-Bereich ganz gut machen. Nachdem ich 22 Jahre Vollgas gegeben habe in meinem Beruf, werde ich jetzt mit dem Verkauf von Felix nicht ruhiger, aber konzentriert an kommende Projekte herangehen. Auch herangehen können, weil wir nun mit eigenem Geld agieren. Ich brauche kein Venture Capital und keine privaten Investoren. Allerdings für die Internationalisierung von YPD brauche ich pro Land ca. 40 Termine mit 40 Unternehmen, das heißt, wenn ich in fünf Länder gehe, habe ich einmal fix 200 Termine. Also so ruhig wird's auch wieder nicht ...(lacht)

Das klingt danach, als wollten Sie mittelfristig in Ihrer Firma eine Online-Kreativwerkstatt schaffen.

Ja, eine kreative Werkstatt plus die Ressourcen – Know-How, Technik und auch Geld -, um diese Ideen umzusetzen!

Apropos Geld: Lag der "Felix"-Verkaufspreis eher bei den 7 oder bei den 10 kolportierten Millionen Euro?

Mei, dazu darf ich nichts sagen, ich hab' da einen brutalen Vertrag unterschrieben. Aber im Ernst – und das klingt vielleicht ein bisserl komisch: Geld hat mich nie bewegt. Es muss mir nur Projekte ermöglichen. Aber auch nicht um jeden Preis. Vor zwei Jahren hatte ich ein Venture-Capital-Angebot, und als ich den Vertrag gelesen habe, war mir klar: Wenn ich den unterschreib', bin ich bald nimmer dabei. Jetzt ist es einfach schön, mit der gewissen Freiheit schnell agieren zu können. Genauso wie bei checkfelix.com – da hatte ich auch das Allein-Handelsrecht.

Karl-Heinz Grasser war mit 13 Prozent an checkfelix.com beteiligt. Hat er angerufen und zum Verkauf gratuliert?

Witzigerweise ist das, was er damals eingezahlt hat, noch heute auf dem Konto gelegen, weil wir es nicht gebraucht haben. Ich habe damals mit vielen potenziellen Investoren gesprochen. Aber er war der einzige, der wirklich auf den Knopf gedrückt und cash überwiesen hat. Deswegen freue ich mich auch, dass er einen sehr, sehr guten Rewach (österreichisch, aus dem Jiddischen: Gewinn; Anm.) gemacht hat. Und er war im ganzen Prozess easy going, solche Investoren wünscht man sich.

Waren für Grasser auch andere Funktionen angedacht?

Klar war anfangs die Idee, dass er Leute auf dem Kapitalmarkt kennt, aber da habe ich schnell gesehen, dass der Markt für mich nichts ist und dass ich lieber aus dem Cash-Flow meine Ausgaben wie Marketing etc. bestreiten möchte.

Letzte Frage und - Themenwechsel: Haben Sie als Kärntner eine Befindlichkeit zur aktuellen Entwicklung in der Ortstafel-Debatte?

Ich muss vorwegschicken: Ich kenne die ganze Komplexität nicht. Aber ich persönlich bin ein totaler Vertreter des Multi-Kulti. Ich hätte auch nichts dagegen, wenn Ortstafeln in sieben Sprachen beschriftet sind. Ich kann dieses Thema nicht nachvollziehen. Ich sehe Mehrsprachigkeit als positives und lässiges Signal.

Interview: Sascha Bém


Daten zu checkfelix.com:

* Eigentümer: 83 % Hannes Jagerhofer, 13 % Karl-Heinz Grasser;

* Verkaufspreis: Insider schätzen 7 bis 10 Millionen €;

* checkfelix.com verzeichnet bis zu 70.000 Anfragen/Tag;

* bis zu 25.000 Reisebuchungen erfolgen via checkfelix.com/Monat;

* Umsatz: 70 % Provisionen aus Affiliate-Programmen, 30 % Online-Werbung;

* 2010 soll bei einem Umsatz von 2,5 Mio. Euro ein Betriebsgewinn von 1 Mio. Euro erwirtschaftet worden sein.

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