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Wiens Banken im Madoff-Strudel

13.12.2010 - 15:38
Aufregung rund um geschäfte von Bernard Madoff© APA/EPAAufregung rund um geschäfte von Bernard Madoff

Die am 10. Dezember in den USA vom Masseverwalter des Betrügers Bernard Madoff, Irving Picard, eingebrachte 19,6 Milliarden Dollar (14,8 Mrd. Euro) schwere Schadenersatzklage gegen die Wiener Bankerin Sonja Kohn, deren Bank Medici sowie die Bank Austria könnte nicht nur geschädigten Anlegern neue Munition geben, sondern auch den Justizbehörden, die in mehreren Ländern mit der Causa befasst sind.

Die Wiener Staatsanwaltschaft ermittelt seit nunmehr fast zwei Jahren gegen Kohn, ehemalige Medici-Vorstände und die Bank Austria, unter anderem wegen Verdachts auf schweren gewerbsmäßigen Betrug. Die Akten stapeln sich, die Ermittler warten noch auf weitere Unterlagen aus dem Ausland. Hunderte Strafanzeigen wurden bereits eingebracht. Alle Genannten bestreiten sämtliche Vorwürfe, sehen sich selbst als Opfer der Madoff'schen Betrugshandlungen.

Bei der Wiener Anklagebehörde sind in der Causa Madoff zwei Verfahren anhängig. Bei einem geht es um den "Primeo"-Fonds der Bank Austria, dessen Gelder letztendlich bei Madoff landeten, beim zweiten um den "Herald"-Fonds der Bank Medici, ebenfalls ein "Feeder-Fonds", der also andere Fonds befüllt, sagte Sprecher Thomas Vecsey der APA am 13. Dezember.

Im "Herald"-Verfahren werden neben Sonja Kohn auch ehemalige Organe der Bank Medici als Beschuldigte geführt, und zwar Helmuth Frey, Peter Scheithauer, Werner Tripolt, Andreas Pirkner und Andreas Schindler, bestätigte Vecsey. Die Staatsanwaltschaft wirft allen außer Pirkner schweren gewerbsmäßigen Betrug sowie Verstöße gegen das Wertpapieraufsichtsgesetz (WAG) und das Investmentfondsgesetz vor, außerdem wird wegen des Verbandsverantwortlichkeitsgesetzes (VbVG, "Unternehmensstrafrecht") ermittelt. Pirkner wird nur schwerer Betrug vorgeworfen.

"Akten müssen noch gesichtet werden"

Ob oder wann es zu einer Anklage kommt, ist noch unklar. "Die Ermittlungen dauern an. Kistenweise bei Hausdurchsuchungen sichergestellte Akten müssen noch gesichtet werden", sagte Vecsey. Zudem ist die Wiener Staatsanwaltschaft auf ausländische Behörden angewiesen. "Unterlagen aus dem Ausland infolge von Rechtshilfeersuchen sind noch nicht eingelangt." Offen seien Anfragen in die USA und nach Luxemburg.

Auch die Schweizer und die Liechtensteiner Justiz haben Kohn im Visier. Schon im Herbst 2009 hatte der in Wien zuständige Staatsanwalt bei seinen Kollegen Rechtshilfe wie etwa die Öffnung von Bankkonten beantragt. Tatsächlich musste Kohn dann ihre Credit-Suisse-Konten offenlegen, außerdem durchsuchte die Polizei ihre Villa in Zürich. Auch das Landgericht Liechtenstein nahm fragwürdige Finanztransaktionen rund um Kohn unter die Lupe und hegte Geldwäscheverdacht: Vor rund sieben Monaten hat schließlich die Liechtensteiner Finanzpolizei (FIU) die Konten von drei Kohn zuzurechnenden Gesellschaften (Privatlife AG, Starvest Anstalt, Lifetrust AG) geöffnet.

Bei der Wiener Staatsanwaltschaft sind jedenfalls schon knapp 70 Strafanzeigen gegen Kohn und Co. eingelangt, gegen die Bank Austria fast 200. Hinzu kommen zahlreiche Anlegerverfahren auf der Zivilrechtsebene. Allein beim Handelsgericht (HG) Wien sind gegen die UniCredit/Bank Austria 191 Klagen anhängig, gegen die Bank Medici 4, sagte HG-Sprecher Alexander Schmidt am 13. Dezember auf APA-Anfrage.

Auch Bank Austria im Visier der Staatsanwaltschaft

Beim "Primeo"-Verfahren ist man dem Vernehmen nach mit den Ermittlungen schon um einiges weiter als beim "Herald"-Komplex. Die Anklagebehörde führt neben der Bank Austria auch die Ex-Managerin der ehemaligen Bank-Austria-Fondstochter BA Worldwide, Ursula Radel-Leszczynski, sowie weitere Fondsmitarbeiter als Beschuldigte.

Ermittelt wird wegen Verdachts auf schweren gewerbsmäßigen Betrug, Untreue sowie wegen vermuteter Verstöße gegen das Aktien- und das Investmentfondsgesetz, so der Behördensprecher. Radel-Leszczynski muss sich auch mit drei Schadenersatzklagen, die Ex-Justizminister Dieter Böhmdorfer im Sommer gegen sie persönlich eingebracht hat, herumschlagen. Laut Böhmdorfer hätte sie von Madoffs Machenschaften wissen müssen, er sieht sie als Erfüllungsgehilfin der Bank. Radel-Leszczynski weist dies vehement zurück. In ihrer Darstellung an die Staatsanwaltschaft spricht sie laut "Standard" von "Suggestionen und Trugschlüssen", und verwies darauf, bis 2007 "keine leitende Funktion" gehabt, sondern lediglich "als administrative Leiterin der BAWFM" tätig gewesen zu sein. Außerdem hat sie laut Eigenangeben 1997 selbst rund 50.000 Dollar in den "Primeo"-Fonds investiert "und wurde durch den Betrug Madoffs geschädigt."

Gerhard Randa wurde nicht geschädigt

Nicht geschädigt sein soll übrigens der Ex-Chef der Bank Austria, Gerhard Randa, dem der Madoff-Opferanwalt Picard vorwirft, Kohn bei der Beschaffung der Lizenz für die Bank Medici behilflich gewesen zu sein. Laut "Standard" ist Randa bereits am 22. Jänner 2009 in einem Brief an Medien auf Distanz zu Kohn gegangen: "Ich bin kein Intimus der Frau Kohn, habe persönlich nichts dazu beigetragen, dass sie (...) eine Banklizenz erhalten hat. Es gab keinen Termin in der New Yorker Finanzwelt, bei dem mich Frau Kohn (...) begleitet hat." Zudem habe er "nie in irgendein Produkt investiert, das mit Frau Kohn oder Herrn Madoff auch nur irgendetwas zu tun hat", ließ Randa laut Zeitung wissen. Und: "Ich habe daher auch nicht einen Cent verloren." Die Staatsanwaltschaft Wien führt Randa im "Primeo"-Komplex nicht als Beschuldigten.

Auch Kohn selbst, laut Schweizer "Tagesanzeiger" auch "Königskobra" genannt, weist bekanntlich alle Vorwürfe zurück und sieht sich selbst als Opfer von Madoff. Wenngleich sie, im Gegensatz zu den früheren prominenten Medici-Aufsichtsräten Ferdinand Lacina (ehemals SP-Finanzminister) und Johann Farnleitner (Ex-VP-Wirtschaftsminister), durchaus wusste, dass der einstige Börsenguru Madoff hinter dem "Herald"-Fonds stand: "Mir war klar, dass Madoff dahinterstand", sagte Kohn laut "Standard" bei einer Einvernahme Anfang 2009 aus. Trotzdem war ihr "unbegreiflich, wieso seine Machinationen unentdeckt bleiben konnten", gab sie im April 2009 der Zeitung zufolge zu Protokoll. "Meine Familie investierte selbst rund sechs Mio. Dollar und wurde dadurch selbst Opfer der Machenschaften Madoffs." Provisionszahlungen habe sie keine erhalten. Der Masseverwalter Picard beschuldigt sie ja in seiner Milliardenklage, mindestens 62 Mio. Dollar an Schmiergeld kassiert zu haben, um Investoren für die Madoff-Firma BLMIS zu finden.

Kohn sieht sich als "Geschäftsentwicklerin" für BA

Die Gründung der Bank Medici, die laut Picard nur erfolgt ist, um noch mehr Gelder für Madoffs Feeder-Fonds einzusammeln, ergab sich "aus Gesprächen zwischen mir und dem Bank-Austria-Vorstand" (unter Randa, Anm.), so Kohn weiter. Man habe "zusätzliche Aktivität im Finanzdienstleistungssektor bringen" wollen. Sie selbst sei "Geschäftsentwicklerin" gewesen, "ohne auf der Gehaltsliste der Bank Austria zu stehen".

US-Anwalt Picard, dessen Aufgabe es ist möglichst viel Geld für die Madoff-Opfer einzutreiben, sieht das freilich anders: In der Mega-Schadenersatzklage heißt es explizit, dass sich auch die Bank Austria und ihre italienische Mutter UniCredit, "bereichert" hätten, was diese vehement zurückweisen. Man sei Opfer, nicht Täter, hatte die Bank Austria in der Vergangenheit mehrfach betont. "Wir werden jetzt den Rechtsweg bestreiten und uns mit aller Vehemenz verteidigen", bekräftige ein Banksprecher heute auf APA-Anfrage. Ansonsten würden laufende Verfahren im Detail nicht kommentiert.

Die Klage gegen Kohn, Bank Medici und UniCredit/Bank Austria ist übrigens die erste, in der auch von racketeering ("Schieberei") die Rede ist. Weitere erhobene Vorwürfe sind Betrug und Geldwäsche, im Zentrum der 153 Seiten starken Schrift steht das "illegale Komplott" ("Illegal Scheme"), das Kohn über 20 Jahre gelenkt haben soll, um mehr als 9,1 Mrd. Dollar in Madoffs Schneeballsystem zu schleusen.

Kohn ist aber nicht nur in der jüngsten - und größten - Schadenersatzklage Picards erwähnt, sondern auch in der kurz davor eingebrachten 9-Mrd.-Dollar-Klage gegen die britische Großbank HSBC: Kohn, heißt es laut Schweizer "Tagesanzeiger" und "Neue Züricher Zeitung" (NZZ), habe die Verbindung zwischen Madoff und der Genfer Familie Benbassat hergestellt, die die - nun ums Überleben kämpfende - Vermögensverwaltung Genevalor betreibt. Über die Benbessat-Fonds seien 2 Mrd. Franken (1,54 Mrd. Euro) eingesammelt worden, über die von Kohn gegründeten "Kingate-Fonds 1,7 Milliarden. Laut Klage sind den Familien Kohn und Benbassat Gebühren in der Höhe von je 200 Mio. Franken zugeflossen, schreibt der "Tagesanzeiger". Die Benbassats sehen sich ebenfalls als Opfer und haben ihrerseits die HSBC geklagt. Auch die Bank Austria wird in der HSBC-Klage wegen des Fonds "Alpha Prime" erwähnt.

Kohn vermutlich in der Schweiz unterwegs

Wo sich Kohn derzeit aufhält, ist unbekannt. Laut Angaben ihres Wiener Anwalts Andreas Theiss vom 11. Dezember ist sie nach wie vor viel geschäftlich unterwegs, nun in Sachen erneuerbare Energie. Medienberichten zufolge könnte sie sich in der Schweiz aufhalten: Dem "Tagesanzeiger" vom 8. Dezember zufolge dauerte es nach dem Auffliegen des Madoff-Skandals nicht lange, bis Kohn mit ihrem Ehemann Erwin "in Zürich auftauchte und sich hier niederließ. Und offenbar über genügend Geld verfügte, um sich ein Haus zu kaufen." Die Zeitung zeigt auch ein Bild von Kohns Villa im Züricher Stadteil Enge. Zuvor war in internationalen Medien spekuliert worden, dass Kohn untergetaucht sei, weil sie sich vor russischen Oligarchen, die mit Madoff-Fonds Geld verloren haben, verstecken habe müssen. Stimmt nicht, sagte Theiss der "New York Times" (NYT): "Ich kann sie jeden Moment erreichen". Sie habe sich in Wien, Italien, der Schweiz, Israel und Australien aufgehalten, wo sie Freunde und Verwandte habe.

Indes werden im Zusammenhang mit dem "Primeo"-Fonds der Bank Austria immer mehr skurrile Details bekannt: Laut "Standard" hat die Zentralafrikanische Entwicklungsbank (BDEAC) auf Empfehlung der Bank Austria 1999 knapp 16 Mio. Euro investiert. 2009 sei das Geld weggewesen, die BDEAC aufgebracht. Im Sommer 2009 sei dann sogar Finanzminister Josef Pröll (V) von seinem kongolesischen Ressortkollegen eingeschalten worden, mit der Bitte um Unterstützung.

(APA)

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