Die Börsegänge in Wien in den vergangenen Jahren können an einer Hand abgezählt werden. Schuld daran sei aber nicht die Börse selbst, sondern das Umfeld. "Die Diskussion über einen ehemaligen Finanzminister, der auch im europäischen Umfeld sehr bekannt ist, schadet dem Finanzplatz Wien. Die Sache findet international Beachtung", sagte Börsevorstand Michael Buhl dem "Kurier".
Auch das Hickhack rund um die Verbund-Kapitalerhöhung komme bei institutionellen Investoren "ganz schlecht" an. Die Erhöhung sei sinnvoll, werde aber aus politischen Gründen nicht freigegeben. "Das ist ein absolutes No-go und sicherlich schädlich", so Buhl. Aus dem Fall MEL habe die Wiener Börse gelernt. "Im geregelten Markt sichern wir uns jetzt doppelt und dreifach ab." Zur Frage, ob das heute wieder passieren könnte, meinte Buhl: "Wenn sich ein Unternehmen nicht an die Regeln hält, nützen die besten nichts.
Wir schauen uns aber bei jedem Titel genau an, wo er beheimatet ist. Bei Meinl hat man aufgrund des starken Österreichbezugs den Eindruck gehabt, dass dieser einer starken Publizität unterliegt." Die Regeln für Notierungen im Prime Market seien verschärft worden. So muss ein Unternehmen den Erwerb oder die Veräußerung eigener Aktien bereits ab 5 Prozent melden. Laut Börsegesetz wären es erst 10 Prozent. Dieses Gesetz wurde 2009 dahingehend reformiert, dass die 10-Prozent-Schwelle auch für Unternehmen mit Sitz im Ausland gilt. Zertifikate seien seit der MEL-Affäre zwar in Verruf geraten, "aber in Zukunft wird man sie vielleicht wieder sehen", meinte Buhl.
Börsenumsatzsteuer wäre "fatal"
Eine mögliche Börsenumsatzsteuer wäre für die heimische Volkswirtschaft und die Wiener Börse "fatal", so der Börsevorstand. Eine Finanztransaktionssteuer müsste laut Buhl global eingeführt werden. "Nur auf EU-Ebene hätte ich keine große Freude, aber ich könnte damit leben. Sie müsste allerdings sowohl auf börslichen als auch außerbörslichen Handel eingeführt werden." 97 Prozent aller Anleihen- und 40 Prozent aller Aktiengeschäfte laufen außerbörslich.
Trotz der aktuellen Turbulenzen ist Buhl zuversichtlich, dass es bald wieder zu Kapitalerhöhungen und Börsegängen kommen wird. Im Vorjahr gab es Kapitalerhöhungen im Ausmaß von 2,5 Mrd. Euro, heuer sind es bis dato 50 Mio. Euro. "Es ist durchaus denkbar, dass wir über eine Milliarde kommen", so Buhl. Zum Abgang von bwin seit der Fusion mit der britischen PartyGaming meinte Buhl: "Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, wir führen positive Gespräche." Die Kosten eines Zweilistings würden nicht ins Gewicht fallen. "Und in Wien wäre das Unternehmen präsenter als an der großen Londoner Börse."
(APA)

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