Zur Diskussion über die Gründung einer europäischen Ratingagentur als Gegengewicht zum US-amerikanischen Rating-Oligopol von Moody's, Standard & Poor's (S&P) und Fitch hat sich jetzt auch das Beratungsunternehmen Roland Berger zu Wort gemeldet. Man habe Für und Wider abgewogen, "und um es vorwegzunehmen: es macht Sinn", sagte Roland-Berger-Partner Hendrik Bremer am 16. Juni im Gespräch mit der APA.
Man habe ein Konzept erarbeitet, wie eine solche Ratingagentur aussehen müsste, und werde dieses Diskussionspapier in den nächsten Tagen auch an die Politik herantragen. "Das Thema wird auch in Brüssel positioniert", sagte Bremer. Einer der Hauptkritikpunkte gegen Moody's, S&P und Fitch sei ihre beherrschende Stellung auf dem Weltmarkt, von dem sie 95 Prozent unter sich aufteilen würden, sagte Bremer. "Es wäre gut, noch einen starken Vierten zu haben, und das wäre die europäische Agentur." Ein weiteres Problem sei, dass die bestehenden großen Ratingagenturen USA-lastig in ihrer Perspektive seien und zudem als private Unternehmen gewinnorientiert - sie werden von jenen bezahlt, die bewertet werden.
Ratingagentur als Stiftung
Nach dem Konzept von Roland Berger müsste die europäische Ratingagentur eine Stiftung sein - mit der EU-Kommission, der EZB und den nationalen Notenbanken als Gründungsmitgliedern. Für die längerfristige Organisation gebe es verschiedenen Optionen, etwa die Beibehaltung als Teil der EZB, als unabhängige und eigenständige EU-Behörde oder als unabhängige Stiftung. Die Privatisierungsoption sei wegen potenzieller Interessenkonflikte "eher ein No-go", sagte Bremer.
Um vom Markt angenommen zu werden, müsste die neue Agentur von Anfang an eine gewisse kritische Größe haben - daher müsste die Gründungsfinanzierung wohl durch öffentliche Mittel erfolgen, möglichst auf EU-Ebene, um die Einflussnahme einzelner Staaten zu vermeiden, erklärte Bremer. Die laufende Finanzierung könnte dann sowohl von den Emittenten als auch von Investoren kommen, eventuell unterstützt durch eine regulatorische Verpflichtung zu einem Zweit-Rating durch die EU-Agentur (neben dem Rating durch eine der traditionellen Agenturen).
Die Kosten einer solchen EU-Ratingagentur werden auf 300 bis 400 Mio. Euro geschätzt, bei einem angenommenen Personalbedarf von etwa 3.000 Leuten. Man orientiert sich dabei an den drei großen Agenturen, die jeweils etwa 3.000 bis 4.000 Leute beschäftigen, davon jeweils etwa 1.200 Analysten. Zur Frage, ob er eine Finanztransaktionssteuer befürworten würde, wollte sich Bremer nicht deklarieren, aber "wenn sie kommt, dann wäre das ein guter Verwendungszweck".
(APA)

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