Quelle: ZAMG

Ski: Tirol kündigt Untersuchung zu Missbrauchsvorwürfen an

28.11.2017 - 14:17
Vergangenheit holt Skischule in Neustift ein© APA (EXPA/Gruber)Vergangenheit holt Skischule in Neustift ein

Im Zusammenhang mit den von Nicola Werdenigg öffentlich gemachten Missbrauchsvorwürfen im Skisport sind bis Dienstagmittag drei Meldungen bei der eingerichteten Erstanlaufstelle des Landes eingegangen. Alle Anschuldigungen würden 20 bis 45 Jahre zurückliegen, teilte das Land mit. Bildungslandesrätin und Amtsführende Landesschulratspräsidentin Beate Palfrader (ÖVP) kündigte eine Untersuchung an.

"Bis heute Mittag haben sich drei Personen bei der Anlaufstelle des Landes Tirol gemeldet, die darauf schließen lassen, dass die Missbrauchsvorwürfe in der ehemaligen Skihauptschule Neustift und besagte Aufnahmerituale im Skigymnasium Stams zutreffen könnten", erklärten Palfrader und Soziallandesrätin Christine Baur (Grüne) unisono. Den Betroffenen, die teilweise anonym bleiben wollen, gehe es vor allem darum, dass Derartiges in Zukunft nicht mehr passieren dürfe.

Allfällige strafrechtliche Verdachtsfälle werden nach Rücksprache mit den Betroffenen von der Erstanlaufstelle an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet, hieß es. Palfrader will nun eine gemeinsame Untersuchung durch die dienst- und disziplinarrechtlich für die Schule zuständige Bildungsabteilung des Landes Tirol und durch den in pädagogischer Hinsicht zuständigen Landesschulrat für Tirol beauftragen.

"Mir ist es wichtig, dass alles getan wird, um eine lückenlose Aufklärung jeglicher Vorwürfe herbeizuführen und diese Aufklärung so rasch wie möglich voranzutreiben", betonte die Bildungslandesrätin. Etwaige dienstrechtliche und disziplinarrechtliche Verfehlungen werden geprüft und strafrechtliche Verdachtsfälle an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet, hieß es.

Das Land Tirol hatte vergangene Woche eine Erstanlaufstelle für Opfer von länger zurückliegenden Übergriffen in Landeseinrichtungen eingerichtet. Ehemalige Internatsschüler der Ski-Mittelschule Neustift, ehemals Skihauptschule Neustift, sowie des Skigymnasiums Stams, die von sexualisierter Gewalt und sexuellen Übergriffen zu berichten haben, können sich bei der Anlaufstelle für Opferschutz des Landes Tirol melden. Diese ist von Montag bis Freitag von 9.00 Uhr bis 11.30 Uhr unter der Telefonnummer 0512/508 3795 erreichbar.

Der Tiroler Skiverband (TSV) hat indes Sitzungsprotokolle der Skihauptschule Neustift aus den 70er-Jahren durchsucht. Dabei habe man gesehen, dass im September 1976 nach einem neuen Heimleiter gesucht werden musste, bestätigte TSV-Vizepräsident Peter Mall gegenüber der APA einen Bericht der "Tiroler Tageszeitung".

Konkrete Verdachtsfälle könne man aus den Protokollen aber nicht ableiten, meinte Mall. "In diese Protokolle kann man vieles hineininterpretieren, es steht aber nichts Handfestes drinnen. Und es steht auch nicht drinnen, dass die Verantwortlichen damals von etwaigen Übergriffen gewusst hätten", betonte der Vize-Präsident. Der TSV war damals Träger der Einrichtung.

Recherchen der Tageszeitung "Der Standard", wonach schon damals höchste Verbandskreise über die Vorgänge informiert gewesen wären, wollte Mall nicht bestätigen. Laut "Standard" würden sich Zeitzeugen daran erinnern, "dass der Heimleiter schnell entfernt werden musste". Der Sohn eines damals hohen Sportfunktionärs soll von den Vorfällen betroffen gewesen sein.

Im TSV werde man sich in einer Präsidiumssitzung nächsten Dienstag jedenfalls näher mit dem Thema beschäftigen, kündigte Mall an. "Wir möchten volle Transparenz", so der Vize-Präsident. Trotzdem sah Mall den TSV nicht in der Verantwortung. "Wir möchten den Skisport propagieren, es ist nicht die Aufgabe des TSV Geschehnisse aus den 70er-Jahren aufzuklären", meinte Mall. Viele der damals handelnden Personen seien mittlerweile auch verstorben. Außerdem bräuchte es einen konkreten Anlassfall. Im Ermittlungsverfahren, das die Innsbrucker Staatsanwaltschaft, eingeleitet hatte, gebe es indes noch keine Neuigkeiten, sagte Staatsanwaltschaftssprecher Hansjörg Mayer der APA.

Ob der ÖSV von den Vorfällen in Neustift etwas wusste, wollte Präsident Peter Schröcksnadel im "ZiB-2"-Interview am Montag nicht beantworten. "Das kann ich nicht sagen", meinte er. Denn der ÖSV habe "keinen Zugriff" auf die Landesverbände. "Aber wir haben heute einen Beschluss gefasst, dass wir die Landesverbände auffordern, auch in dieser Richtung tätig zu werden", so Schröcksnadel. Man sei an einer Aufklärung zwar interessiert, aber die Vorwürfe würden eigentlich nicht den ÖSV betreffen, da die Sportler erst im Alter von 16, 17 oder noch später zum Skiverband kommen würden.

Schröcksnadel hat indes die ehemalige steirische Landeshauptfrau und Opferschutzanwältin Waltraud Klasnic um Mithilfe bei der Aufarbeitung der bekannt gewordenen Missbrauchsvorwürfe gebeten. Klasnic ist vor sieben Jahren in Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der Kirche von Kardinal Christoph Schönborn in dieser Funktion eingesetzt worden. "Waltraud Klasnic wird ihre Tätigkeit unabhängig und vertraulich ausüben", hieß es am Dienstag von der unabhängigen Opferschutzanwaltschaft auf APA-Anfrage. Betroffene können Frau Klasnic direkt unter waltraud.klasnic@opfer-schutz.at bzw. unter 0664/383 5260 kontaktieren.

(APA)

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