Quelle: ZAMG

Thiem nach schwacher Leistung in London ausgeschieden

17.11.2017 - 21:34
Dominic Thiems Spiel war sehr fehlerhaft© APA (AFP)Dominic Thiems Spiel war sehr fehlerhaft

Riesenenttäuschung im Lager von Dominic Thiem: Der 24-jährige Weltranglisten-Vierte ist am Freitag nach schwacher Leistung bei den mit 8 Mio. Dollar dotierten ATP Finals in London ausgeschieden. Thiem hätte der erste Österreicher überhaupt im Masters-Einzel-Halbfinale werden können, doch er verlor das entscheidende Gruppenspiel gegen den Belgier David Goffin nach nur 1:11 Stunden mit 4:6,1:6.

Thiem war nach gutem Start nur noch ein Schatten seiner selbst. Er verpasste damit auch die Gelegenheit, sich am Samstag im Halbfinale des Saison-Abschlussturniers mit Superstar Roger Federer zu messen. Das zweite Halbfinale bestreiten der Bulgare Grigor Dimitrow und der US-Amerikaner Jack Sock.

Dabei hatte Thiem gut begonnen und lag nach neun Minuten schon mit 3:0 in Führung. Doch die seit Wochen sehr wankelmütige Form des Niederösterreichers zeigte sich schon in den nächsten fünf Games: Thiem machte nur drei Punkte (!), gab u.a. seinen Aufschlag zu Null zum 3:2 und zu 15 zum 3:4 ab. Er schaffte dann noch ein Game zum 4:5, doch Goffin nutzte seinen ersten Satzball zum 6:4 nach 31 Minuten.

Danach musste Thiem am linken Knie behandelt werden, nachdem er sich selbst mit dem Schläger touchiert hatte. Beeinträchtigt schien er davon aber nicht. Thiem gelang danach zwar die 1:0-Führung, doch er musste gleich zum 1:2 wieder den Aufschlag abgeben und machte danach gar kein Game mehr.

Thiems Masters-Bilanz ist nach diesem Match durchwachsen: Einerseits ein eng verlorenes Auftaktspiel gegen Grigor Dimitrow sowie ein Drei-Satz-Sieg über den für den verletzten Superstar Rafael Nadal eingesprungenen Pablo Carreno Busta, andererseits eine fast hilflos wirkende Leistung in einem der wichtigsten Matches seiner Karriere. Thiem fährt mit einem Preisgeld von 382.000 Dollar (324.526,38 Euro) brutto sowie 200 ATP-Zählern nach Hause.

Ob Thiem das Jahr in den Top Five abschließt, entscheidet sich in den Semifinali bzw. im Finale: Sowohl Goffin als auch Sock könnten mit einem Turniersieg Thiem noch vom sonst fünften Platz verdrängen.

Thiem wird nun Urlaub machen und Anfang Dezember wieder auf Teneriffa seine mehrwöchige Saisonvorbereitung absolvieren.

Es war das letzte Match eines Jahres, in dem er sich auf allen Belägen verbessert hat. Doch mit einem Saisonfinish, das unter seiner Leistungsfähigkeit war, hat sich Thiem ein bisschen um die Früchte seiner Arbeit gebracht. Dass es aktuell ein mentales Problem auf dem Platz gibt, das nicht unmittelbar mit seinem Tennis zu tun hat, bestätigt auch Thiem selbst.

"Es gibt sicher einige Gründe dafür. Einer davon ist - die ganzen engen Matches, die ich verloren habe, haben sicher ein bisschen einen Knacks hinterlassen", erklärte Thiem am Freitagabend bei der Pressekonferenz in der O2-Arena. "Das ist sehr bitter, aber verlernt habe ich es sicher nicht." Das zeigte auch das Training, in dem er wesentlich stärker spielte. "Warum auch immer das so ist, ich muss und werde es rausfinden."

Seine Gefühlswelt ist nach seiner Saison, in der er als einziger Spieler neben Rafael Nadal bei allen vier Grand Slams in die zweite Turnierwoche gekommen ist, von Enttäuschung geprägt. "Ich fühle mich wirklich sehr bescheiden auf dem Platz. Es gehen einfach manche Dinge nicht, die ganz normal sein sollten. Es passieren Fehler, die unter jeder Kritik sind für einen Spieler wie mich. Das ist sehr, sehr frustrierend sogar." Zudem wisse er selbst am besten, wie gut er spielen könne. "Und wie es sich anfühlt, wenn ich gut spiele. Da bin ich zur Zeit sehr weit entfernt davon."

Auf die Frage, ob es nur die engen Niederlagen sind, die ihn beunruhigen, meinte Thiem: "Mich beunruhigt alles zur Zeit, weil alles schlecht ist. Andererseits beunruhigt es mich wieder nicht, weil ich sehe, wie gut es eigentlich im Training geht."

Ausgelaugt nach insgesamt 27 Turniereinsätzen fühlt sich Thiem im Gegensatz zum Vorjahr ("da war ich wirklich kaputt") nicht. "Ich habe mich vor den ganzen Turnieren top gefühlt - auch hier. Deshalb ist es doppelt enttäuschend, dass dann teilweise solche Leistungen zustandekommen, weil es keinen offensichtlichen Grund dafür gibt."

Thiem rechnet damit, dass er auf Platz 5 überwintern wird. "Ich glaube nicht, dass Sock oder Goffin das Turnier hier gewinnen werden. Das steht dann schwarz-auf-weiß da und ist schön. Das wird mir niemand mehr nehmen können, deshalb bin ich sehr froh drüber."

Für Thiem steht nun ein rund zehntägiger Urlaub an, ehe es am 30. November zur Saisonvorbereitung nach Teneriffa geht. Die Saison geht für ihn in Doha los, ehe er bei den Australian Open, danach den eingeplanten Davis-Cup-Heimländerkampf gegen Weißrussland und dann die Südamerika-Turniere in Buenos Aires, Acapulco und Rio spielt.

Thiem-Coach Günter Bresnik war selbstverständlich enttäuscht nach dem letzten Auftritt seines Schützlings - und auch etwas ratlos. "Erklären kann ich es gar nicht. Bis 3:0 läuft alles bestens... ", sagte der 56-jährige Niederösterreicher und beklagt einmal mehr, dass Thiem zu sehr nach Stand spielt. "Was mich stört, dass jemand nicht imstande ist, das Tennis zu spielen, dass er spielen soll und gut kann. Weil er Ergebnis verwalten möchte. Ein Tennisspieler ist kein Beamter, der etwas zu verwalten hat, sondern der muss ständig angreifen."

Für Goffin hingegen, der nach einem knappen Drei-Satz-Sieg über Rafael Nadal gegen Dimitrow nur zwei Games gemacht hatte, geht die Saison noch weiter. "Es war ein bisschen schade, dass ich gegen Dominic um das Semifinale spielen musste", meinte Goffin, der mit dem Lichtenwörther gut befreundet ist. "Er ist so ein netter Kerl und es ist nie leicht gegen einen guten Freund zu spielen. Ich war von Beginn weg fokussiert und wusste, dass ich ruhig bleiben muss. Am Ende war ich wirklich nervös."

Goffin, der in einer Woche auch im Davis-Cup-Finale im Einsatz sein wird, ist nun der erste Belgier überhaupt in der Vorschlussrunde dieses Events. "Ich habe schon oft gegen Roger gespielt. Ich habe nichts zu verlieren, er spielt so gut, aber ich werde versuchen, mich zu steigern", meinte Goffin zum Spiel gegen Federer.

(APA)

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