Quelle: ZAMG

Särge der Michaelergruft werden restauriert

12.07.2010 - 14:45
Die morbide Seite von Wien© APA (Andreas Krezmar)Die morbide Seite von Wien

Von wegen letzte Ruhe: Heute, Montag, sind Särge, die seit Jahrhunderten in der Wiener Michaelergruft lagerten, wieder ans Tageslicht befördert worden. Sie wandern vorübergehend in die Obhut von Restauratoren. Denn die kulturhistorisch bedeutenden Objekte sind vom Verfall bedroht.

Der Inhalt der Särge blieb hingegen in der Gruft, die sterblichen Überreste der Verstorbenen wurden von der Bestattung vorübergehend umgebettet. Insgesamt liegen in der Michalergruft rund 200 Holz- und Metallsärge aus der Zeit der Renaissance und des Barock. Besorgniserregend ist vor allem der Zustand der Holzsärge. Sie sind stark verschmutzt, von Schimmel befallen und drohen zu verrotten. Nach Musterrestaurierungen an drei Exemplaren werden nun zunächst 50 Särge bearbeitet. Sie werden in eigens für diesen Zweck gezimmerten Kisten und mittels Kühl-Lkw abtransportiert. Vor ihrer Rückkehr in die Gruft von St. Michael werden die Totenbehältnisse gereinigt und vom Schimmel befreit. Die zum Teil bemalten Holzoberflächen und Fassungen werden konserviert. Ziel der Maßnahmen ist ein Erhalt des "Status Quo", wie betont wurde. Eine Rekonstruktion des ursprünglichen Zustands wird nicht angestrebt.

"Die Restaurierung der Särge ist der Beginn der zweiten Etappe", betonte der Wiener Landeskonservator Friedrich Dahm. Die erste habe vor rund sechs Jahren begonnen - mit einer Bestandsaufnahme. Ergebnis: Es habe "extremes Raumklima" geherrscht, das durch hohe Luftfeuchtigkeit und Temperaturen zwischen 18 und 20 Grad Celsius gekennzeichnet gewesen sei. Dadurch habe sich auch eine eigentlich in Australien beheimatete Art des Rüsselkäfers ausgebreitet. Dieser hat laut Dahm dem Holz großen Schaden zugefügt. Durch den Einbau einer Klimaanlage bzw. die neuerliche Öffnung der im 20. Jahrhundert geschlossenen Lüftungsschächte wurden die Probleme weitgehend in den Griff bekommen. So ist etwa der gefräßige Käfer so gut wie verschwunden.

Die Michaelergruft in Wien befindet sich unweit der Hofburg unter der gleichnamigen Kirche in der Inneren Stadt. Sie umfasst die gesamte Länge und Breite des Sakralbaus und greift teilweise durch Seitengänge darüber hinaus. Bekannt ist die Gruft für einige gut erhaltene Leichname, die wohl aufgrund der besonderen Klimaverhältnisse vertrockneten, zuletzt aber durch die gestiegene Luftfeuchtigkeit akut vom Verfall bedroht waren. Deshalb wurde 2005 beschlossen, die unterirdischen Stätte einer aufwendigen Renovierung zu unterziehen.

Ursprünglich war die zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstandene Michaelerkirche von einem Friedhof umgeben, der 1508 aufgegeben wurde. Die Kirche blieb jedoch weiter eine begehrte Begräbnisstätte vor allem für den Hofadel, der auch im Tod der Kaiserfamilie nahe sein wollte. Ab 1560 wurden Einzelgrüfte verschiedener Familien errichtet.

Im 17. Jahrhundert entstanden die Herrengruft, die Adeligen ohne eigene Familiengruft als Ruhestätte diente, und die Pfarrgruft, in der Kaufleute, Handwerker und kleinere Hofbedienstete beigesetzt wurden. Zu den prominenten Bestatteten gehört der 1782 verstorbene italienische Dichter und Mozart-Librettist Pietro Metastasio. Insgesamt fanden zwischen 1630 und 1784 rund 4.000 Tote in der Gruft ihre letzte Ruhestätte.

Heute sind nur noch etwa 250 Särge zu sehen, davon 33 aus Kupfer und Zinn. Was mit den restlichen Leichnamen geschah, weiß man aus Grabungen: Die Säge wurden herausgeschafft, die sterblichen Überreste mit Sand und Lehm bedeckt und im Boden eingestampft. Die Besucher gehen daher heute in der Gruft auf einer etwa einen Meter dicken Knochen- und Sand-Lehm-Schicht.

Alle 19 Grüfte waren ursprünglich nur vom Kirchenraum aus zugänglich und wurden erst nachträglich miteinander verbunden, als 1676/78 unter dem Mittelschiff der Kirche die große Pfarrgruft und unter dem Hochaltar die Priestergruft angelegt wurde. Bis 1784 wurden Bestattungen durchgeführt, dann verbot Kaiser Josef II. dies aus hygienischen Gründen.

Abgesehen von einzelnen Metallsärgen aus der Renaissance- und Barockzeit finden sich in der Gruft vor allem einfache Holzsärge, die mit Motiven rustikaler Malereien - Totenköpfe, gekreuzte Knochen, Sanduhren - verziert sind. Durch die gleichbleibende Temperatur und den feinen Luftzug wurden einige der Leichen "mumifiziert" und samt ihrer Kleidung und Grabbeigaben über Jahrhunderte erhalten.

Seit die Luftschächte im 20. Jahrhundert zugemauert wurden, stieg die Feuchtigkeit und die Temperatur an. Es setzte ein rapider Verfall ein. Lüftungstechnische Maßnahmen waren erste Schritte, um diesen zu stoppen. Nun startet die Renovierung der Särge.

INFO: http://www.michaelerkirche.at

(APA)

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