Quelle: ZAMG

Eine Reise durch das politische Washington

11.09.2012 - 10:55
Ist Obama nicht im Weißen Haus, dann isst er hier© APA (dpa)Ist Obama nicht im Weißen Haus, dann isst er hier

In Washington begegnen Touristen den US-Präsidenten auf Schritt und Tritt - allerdings meist nur den toten. Ihre Denkmäler zählen zu den Hauptattraktionen der amerikanischen Hauptstadt. Näher kommen Urlauber dem amtierenden Präsidenten in einer Chili-Bar.

Ist er nun zu Hause oder nicht? In Großbritannien weiß jeder sofort, wenn die Queen im Buckingham Palast ist: Die Flagge auf dem Dach ist ein untrügliches Zeichen. Beim US-Präsidenten können Urlauber sich da nicht so sicher sein: "Die Flagge ist immer gehisst", erklärt Tourguide Michael, "egal ob Barack Obama gerade da ist oder am anderen Ende der Welt."

Doch egal wie: Zu sehen bekommen die Touristen den mächtigsten Mann der Welt ohnehin nur selten. Komplett abgeschirmt vor den Blicken der Öffentlichkeit sind die Wohn- und Arbeitsbereiche des Präsidenten. Den Horden von Japanern, Chinesen, Briten und Deutschen, die sich am Zaun vor dem Weißen Haus die Nasen platt drücken, bleiben meist nur Schnappschüsse des Gebäudes - immer beobachtet von einem Sicherheitsmann auf dem Dach mit Feldstecher und Waffe im Anschlag. Und wenn dann doch mal der Präsidentenhubschrauber im Garten landet, müssen die Touristen einige hundert Meter zurückweichen. Selbst wer eine der begehrten Einlasskarten für das Weiße Haus ergattert, wird den Präsidenten kaum zu Gesicht bekommen.

Obamas Amtsvorgänger sind da weniger öffentlichkeitsscheu - die Verstorbenen können sich auch gar nicht mehr wehren. Entlang der National Mall haben die bekanntesten von ihnen Denkmäler gesetzt bekommen. Die Präsidentenmemorials zählen zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten von Washington - eine Tour zu ihnen ist eine spannende Reise durch mehr als zwei Jahrhunderte amerikanische Geschichte.

Der Erste in der Reihe ist natürlich George Washington. Dem ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten und Namensgeber von Washington hat die Nachwelt ein Denkmal direkt vor dem Weißen Haus gesetzt. Sinnigerweise, denn Washington war der einzige US-Präsident, der nicht im berühmten Präsidentenhaus wohnte. Dessen Fertigstellung erlebte Washington nicht mehr. Dafür hat er der Nachwelt sein Anwesen auf dem nahe gelegenen Mount Vernon hinterlassen, das heute ein Museum ist.

Eigentlich hätte man von der Besucherplattform auf der Spitze des Washington Monuments den perfekten Blick aufs Weiße Haus. Doch nach einem Erdbeben im vergangenen Jahr wird der knapp 170 Meter hohe Obelisk saniert. "Das wird mindestens noch bis 2014 dauern", erklärt Tourguide Michael. So bleibt nur der Blick von unten hinauf - oder hinüber zu Abraham Lincoln, der die Sklaverei beendete und für den Aufstieg Amerikas zur Weltmacht steht.

In Blickweite von Washington - nur getrennt durch den Reflecting Pool - hat der 16. Präsident sein Denkmal bekommen. Sechs Meter groß und ganz aus Marmor thront Lincoln in einem Gebäude, das eher an einen griechischen Tempel als ein amerikanisches Denkmal erinnert. Die 36 Säulen symbolisieren die damals existierenden Bundesstaaten, weitere 12 wurden schließlich ins Dach gemeißelt, die jüngsten 2, Hawaii und Alaska, bekamen Tafeln im Boden.

Im Innern klicken die Fotoapparate, die Besucher drängeln sich um die besten Plätze, um sich vor der Lincoln-Marmorstatue ablichten zu lassen. Diese sollte ursprünglich viel kleiner und aus Bronze sein. Doch Bildhauer Daniel Chester French musste selbst einsehen, dass die drei Meter hohe Statue für den riesigen Tempel viel zu klein war. Die Marmorausführung ist nun fast doppelt so groß.

Weiter geht es zu Franklin Roosevelt. Sein Denkmal ist in vier große Bereiche eingeteilt - jeder steht für eine Amtszeit des Präsidenten von Wirtschaftskrise, New Deal und Zweitem Weltkrieg. "Roosevelt war der einzige Präsident, der mehr als zwei Amtszeiten hatte", erklärt Michael die Besonderheit. Aufgrund der kritischen außenpolitischen Lage wurde bei Roosevelt die Begrenzung auf zwei Amtszeiten außer Kraft gesetzt.

Eindrücklich sind die vier Wasserfälle im Memorial. "Roosevelt war ein Wasserliebhaber", sagt Michael. Doch die von Raum zu Raum größer werdenden Wasserfälle stehen auch symbolisch für die immer größer werdenden Probleme, mit denen Roosevelt in seinen vier Amtszeiten konfrontiert war. "Nach der Eröffnung des Denkmals durften Besucher zunächst durch das Wasser waten", erzählt Michael. "Doch das wurde schließlich verboten: Es fand sich keine Versicherung, die das Risiko übernehmen wollte."

Nur wenige Meter weiter hat Thomas Jefferson sein Denkmal gesetzt bekommen. In einem riesigen weißen Pantheon thront der dritte Präsident der Vereinigten Staaten. Von dort hat er direkten Blick zum Weißen Haus - und Barack Obama auf ihn, zumindest wenn dieser ein Fernglas zur Hand nimmt.

Wer ein Memorial an der Wall bekommt - Theodore Roosevelt bekam gleich eine ganze Insel im Potomac River -, entscheidet ein hochrangiges Komitee. Die Planung der Denkmäler dauert meist mehrere Jahrzehnte. Einer, der noch nicht zum Zuge gekommen ist, ist John F. Kennedy. Dennoch gibt es in Washington eine Pilgerstätte für seine Anhänger. Auf dem Arlington National Cemetery brennt seit dem Tag seiner Beisetzung eine ewige Flamme neben dem Grabmal. Auch Kennedys Frau Jacky und zwei seiner Kinder sind hier beigesetzt. Stille liegt über der Szenerie - nicht nur, weil ein Wachmann mit einem Zischen alle ermahnt, die reden.

Stille liegt auch über der ganzen weitläufigen Anlage des Friedhofs. Das riesige Gelände - von der Innenstadt durch den Potomac River getrennt - wurde ursprünglich im Amerikanischen Bürgerkrieg zum Friedhof erklärt. Heute werden jährlich tausende Soldaten und ihre Angehörigen hier beigesetzt. Ein weißer Grabstein steht für jeden Verstorbenen - zusammen bilden sie ein eindrucksvolles Meer in Weiß. Rund 270 000 Bestattungen gab es bislang auf dem Friedhof - zwischen den Gräbern wurden deshalb schon vor langer Zeit Straßen angelegt, eine Bimmelbahn fährt die Besucher umher.

Wer irgendwann genug von toten US-Präsidenten hat, fährt am besten wieder zurück ins Zentrum der Stadt, in die U Street. Dort befindet sich eine Attraktion, die bei vielen Washington-Touristen mittlerweile zum Standardprogramm gehört: "Ben's Chili Bowl". Von außen: ein Imbiss wie Millionen andere auf der Welt auch. Von innen: ein kleines Museum.

Nicht nur Film- und Sportstars geben sich hier die Klinke in die Hand, auch Barack Obama gehört zu den Stammgästen. Auch mehrere seiner Amtsvorgänger wussten "Ben's Chili Bowl" schon zu schätzen. Tausende Bilder an den Wänden geben davon Zeugnis. Kaum ein Zentimeter, der nicht mit Fotos etwa von George Bush oder Filmstars wie Denzel Washington vollgehängt wäre.

Zur Mittagszeit ist der Laden voll: Bauarbeiter, Anzugträger und Touristen füllen den Imbiss. "Wir mussten einfach mal sehen, wo Obama immer isst", erklärt ein Pärchen aus Deutschland und lässt sich vor dem Eingang ablichten, bevor es drinnen die Spezialität des Hauses gibt: Bratwurst in Hotdog-Brötchen mit höllisch scharfer Chili-Sauce. Was gewöhnungsbedürftig klingt, schmeckt. Offenbar so gut, dass neben dem Imbiss ein Souvenir-Shop entstanden ist.

Lincoln, Roosevelt, Kennedy - und nun Obama oder Mitt Romney. Egal wie sich die Wähler Anfang November entscheiden, am 20. Jänner wird der neue oder neue-alte US-Präsident in sein Amt eingeführt. Und zwar auf den Stufen des Kapitols. Dann sind bestimmt auch die vielen Bagger nicht mehr zu sehen, die derzeit noch die Mall zwischen Kapitol und Lincoln Memorial umpflügen.

Das Bauwerk überragt alles in Washington - und das im wörtlichen Sinne. Kein Bauwerk darf höher sein als der Sitz von Senat und Repräsentantenhaus. Selbst das Weiße Haus nimmt sich aus der Nähe betrachtet im Vergleich zum Kapitol wie ein Puppenhaus aus. Und das Kapitol ist das Zentrum von Washington. Ein Stern in der Krypta symbolisiert das. Von hier ausgehend wird auch die Stadt in vier Himmelsrichtungen eingeteilt.

Im großen Saal unterhalb der Kuppel sind die Besucher dann wieder von ihnen umringt - den Statuen von US-Präsidenten. Sogar Anfassen ist erlaubt. Es bleibt dabei: Den verstorbenen US-Präsidenten kommt man in Washington ganz nah, dem amtierenden oder einem seiner unmittelbaren Vorgänger begegnet man nur mit viel Glück.

INFO: Washington: http://washington.org; Capital Region: http://www.capitalregionusa.de; Kapitol: http://www.visitthecapitol.gov; Arlington National Cemeterey: http://www.arlingtoncemetery.mil

(APA/dpa)

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