Quelle: ZAMG

Einblicke in Londons Kunstuniversum

23.08.2012 - 17:06
Gemälde von Edvard Munch in der Tate Modern© APA (epa)Gemälde von Edvard Munch in der Tate Modern

Wer sämtliche Londoner Kunstmuseen und Galerien angucken will, der braucht dafür vermutlich ein halbes Leben, vielleicht auch länger. Und wenn er an einem Ende fertig ist, kann er am anderen gleich wieder neu anfangen. Die Kunstszene der europäischen Metropole mit mehr als acht Millionen Einwohnern ist naturgemäß gigantisch - auch für das Zeitgenössische, denn London ist eine wahre Trendfabrik.

Für die großen Namen von heute gibt es seit dem Jahr 2000 die Tate Modern in einem umgebauten Elektrizitätswerk gleich an der Themse. Wer neueste Entwicklungen aber lieber direkt an der Wurzel packen will, der kann sich bei monatlichen Schauabenden in einzelnen Stadtteilen in kleinen Galerien umsehen.

"Bist du Londons müde, dann bist du des Lebens müde; denn in London gibt es alles, was das Leben bieten kann", sagte der Gelehrte Samuel Johnson im 18. Jahrhundert. Und wie auf so vieles andere lässt sich der Satz auch auf die Zigtausende kleinen Galerien und Studios in der Stadt übertragen. Wenn am ersten Donnerstag im Monat der "First Thursday" im trendigen Osten ansteht, öffnen allein mehr als 100 Galerien und Museen in den Stadtteilen Bethnal Green, Shoreditch oder Hackney bis zum späten Abend ihre Türen. Malerei, Skulpturen, Performance, Video, Musik - schon im Kleinen ist die Auswahl riesig.

"Ich lasse mich meistens einfach treiben und gehe von Galerie zu Galerie", sagt die 29 Jahre alte Kate, regelmäßige Besucherin des "First Thursday" in Bethnal Green. "Man kann leider nicht alles sehen. Ich lasse mich überraschen." Da gibt es zum Beispiel neue Gemälde aus den Niederlanden in der Rocket Gallery oder Graffiti aus Argentinien in den Ausstellungsräumen des "Londonewcastle Project Space". Gleichzeitig setzt sich eine Schau mit Frauen in der Arbeitswelt auseinander, im Stadtteil Hoxton wird live gezeichnet.

Im Londoner Süden gibt es ein ähnliches Projekt, den "Last Friday". Auch hier sind mehr als 100 Galerien und Studios beteiligt - Ausstellungen gibt es auch auf Parkplätzen oder in einer alten Polizeistation.

Doch Touristen, die nur kurze Zeit in London sind, zieht es für zeitgenössische Kunst vor allem an einen Ort: die Tate Modern. Seit dem Jahr 2000 wird hier versucht, die Vielfalt des Neuen zumindest ein wenig zusammenzufassen. Die Tate Modern ist mittlerweile eines der weltweit größten und populärsten Museen für moderne und zeitgenössische Kunst, und sie wächst und wächst. Mehr als fünf Millionen Menschen besuchen sie jährlich.

Die Tate Modern will das Museum in die Zukunft holen und setzt dafür auf neueste Methoden, oder erfindet sie auch selbst. Neben den festen Installationen gibt es große Blockbusterschauen wie zuletzt etwa Retrospektiven von Damien Hirst oder Gerhard Richter. Als nach eigenen Angaben erstes Museum der Welt öffnete die Tate Modern einen virtuellen Ausstellungsraum, der ausschließlich über das Internet besucht werden kann. Anders als bei bisherigen Liveübertragungen von Kunstausstellungen, Performances, Musik und Tanz gibt es dabei kein Publikum in der "realen Welt".

Während andere Häuser ums Überleben kämpfen, stellte die Tate Modern erst im Juli ihre neueste Erweiterung fertig. Die alten Öltanks wurden umgebaut und eigens für Performance, Musik und Kunstformen, die die Betrachter eng miteinbeziehen, freigeräumt. Die Entwicklung hin zu mehr Teilhabe der Zuschauer sei eines der wichtigsten Elemente der Kunst im Umbruch zum 21. Jahrhundert, sagt Tate-Modern-Direktor Chris Dercon voraus. "Die Menschen wollen nicht noch mehr abstrakte Systeme sehen. Sie wollen etwas Konkretes."

Weitere Umbauarbeiten laufen, bis 2016 könnte die Erweiterung abgeschlossen sein. Museen für zeitgenössische Kunst stehen heute vor ganz neuen Herausforderungen, meint Dercon: "Die Inhalte sind mittlerweile viel komplexer geworden. Die Leute stellen viel komplexere und ganz andere Fragen an uns, an Museen, an Kunst, als früher." Die Fragen gingen nicht mehr nur in die Richtung bildende Kunst, sondern es gehe auch um Familie, Religion, Sexualität und Identität. Das Museum könne dieses neu erwachte Interesse nutzen, um wieder zum Massenmedium zu werden, meint Dercon, der vor London Direktor am Münchner Haus der Kunst war. "Man muss das Museum wieder neu formulieren als ein Massenmedium. Die Gesetze und die Regeln des Massenmediums Museum, die kennen wir noch nicht.

(S E R V I C E - http://www.firstthursdays.co.uk/, http://www.southlondonartmap.com/events/last-fridays, http://www.tate.org.uk/)

(dpa)

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