Quelle: ZAMG

Eine Wanderung am Harzer Wasserregal

27.09.2012 - 16:44
Von ursprünglich 143 Teichen existieren noch 65© APA (dpa/Harzwasserwerke)Von ursprünglich 143 Teichen existieren noch 65

Das Oberharzer Wasserregal, ein System von Teichen, Gräben und Wasserläufen, war ein Kraftwerk des mittelalterlichen Bergbaus. Noch heute prägt die Harzer Wasserwirtschaft die Region um Clausthal-Zellerfeld. Im Sommer 2010 adelte die Unesco sie als Weltkulturerbe.

Es ist frisch an diesem Herbstmorgen am Bärenbrucher Teich. Letzte Nebelschwaden wabern über das Wasser, der Fichtenwald reicht bis ans Ufer. "Es ist wunderbar hier", sagt ein Wanderer, der gemeinsam mit seiner Frau die Nacht in einer kleinen Schutzhütte verbracht hat. "So still". Der Bärenbrucher Teich wirkt heute wie ein Stück urwüchsige Natur, doch einst wurde er als Teil des Oberharzer Wasserregals angelegt, um Energie für den Bergbau zu liefern. Seit die Unesco das System aus Teichen und Wasserläufen im Sommer zum Weltkulturerbe erhoben hat, strömen immer mehr Wanderer wie das Ehepaar aus Hannover in den Harz. "Es herrscht ein richtiger Run", sagt Justus Teike von den Harzwasserwerken, die für die Erhaltung des alten Wasserkraftsystems zuständig sind.

Ein guter Ausgangspunkt für eine Wanderung am Wasserregal ist der kleine Ferienort Buntenbock bei Clausthal-Zellerfeld. Kaskaden gleich reihen sich auf beiden Seiten des Ortes die künstlich angelegten Stauseen aneinander. Über Bergwiesen geht es am Sumpfteich entlang zum Ziegenberger Teich, wo in heißen Sommern Badegäste Abkühlung suchen, ebenso wie im Bärenbrucher oder im Nassewieser Teich.

Genau 143 Teiche haben die Harzer Bergleute zwischen 1536 und 1870 angelegt, erklärt Teike. Zu dem ausgeklügelten System gehörten außerdem mehr als 500 Kilometer Gräben, 18 Kilometer hölzerne Rinnen, 30 Kilometer unterirdische Wasserläufe sowie 100 Kilometer Stollen. Der Grund für den gigantischen Aufwand: "Die Bergleute brauchten Energie, um das Sickerwasser aus den Silbergruben zu befördern." Mit menschlicher Muskelkraft stieß man dabei schnell an die Grenzen.

Wasserkraft musste her für Räder und Pumpen, und zwar auch in Trockenzeiten. "Da es im Oberharz keine größeren natürlichen Wasserläufe gibt, haben die Bergleute das künstliche System angelegt", sagt Teike. In den Teichen wurde das Wasser gesammelt und dann durch Gräben und Rinnen zu den Bergwerken geleitet, wo es Pumpen und Räder antrieb. Die größten Wasserräder maßen zwölf Meter im Durchmesser. Solche Giganten sind noch heute in der Grube Samson in St. Andreasberg zu sehen.

"Etwas Vergleichbares wie die Oberharzer Wasserwirtschaft gibt es nirgendwo", schwärmt der niedersächsische Landesdenkmalpfleger Prof. Reinhard Roseneck, der den Welterbe-Antrag vorbereitet hat. Ein Großteil des Oberharzer Wasserregals existiert und funktioniert bis heute: 70 Kilometer wasserführende Gräben, 20 Kilometer unterirdische Wasserläufe und 65 Teiche. Die Dämme der kleinen Talsperren, die aus Steinen, Erde und Grassoden aufgeschüttet wurden, sind bis zu 20 Meter hoch. Heute dienen die Teiche dem Hochwasserschutz, als Angel- oder Baderevier. Für Wanderer erschlossen ist das Wasserregel durch ein Netz von 22 Wasserwanderwegen mit einer Gesamtlänge von 112 Kilometern. Sie sind durch ein blaues Schild mit Wasserrad gekennzeichnet. Von Buntenbock bis Torfhaus kann man das Wasserregal aber auch auf dem bekannten Harzer-Hexenstieg erwandern. Er verläuft rund 20 Kilometer weit auf denselben Pfaden wie die Wasserwanderwege.

Wer auf dieser Route die Teiche bei Buntenbock hinter sich lässt, stößt im Wald bald auf die Quelle des Flusses Innerste und dann immer wieder auf trocken gefallene Gräben des Wasserregals. Es gebe noch rund 200 Kilometer dieser "passiven Gräben", erläutert Teike. Sie stehen ebenso wie die aktiven als archäologische Denkmäler unter Schutz, werden aber nicht mehr instand gesetzt.

Bei der Huttaler Widerwaage ist das anders. Dort treffen mehrere Gräben und die Ausgänge unterirdischer Wasserläufe mitten im Wald aufeinander. Je nach Bedarf konnte das Wasser dort mal in diese, mal in jene Richtung gelenkt werden. Auch der sich anschließende Huttaler Graben, der das Wasser hoch oben am Steilhang des gleichnamigen Tals entlang führt, präsentiert sich in erstklassiger Verfassung. Wie die meisten Gräben ist er mit Trockenmauerwerk eingefasst.

Auf dem weiteren Weg in Richtung Torfhaus überqueren Wanderer eine der herausragenden Anlagen des Wasserregals: den Sperberhaier Damm. Dieses knapp 1.000 Meter lange Aquädukt wurde in den Jahren 1732 bis 1734 errichtet. Bis zu 600 Bergleute waren dabei gleichzeitig beschäftigt. Durch den - heute bedeckten - Graben auf der Dammkrone kann das Wasser vom Bruchberg und vom Brockenfeld über die natürliche Wasserscheide hinweg in Richtung Clausthal fließen. Der Dammgraben ist mit 20 Kilometern der längste des Wasserregals.

Die beiden anderen historischen Großbauwerke sind der 1721 fertiggestellte Oderteich, der mit 1,7 Millionen Kubikmetern Stauvolumen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Deutschlands größte Talsperre bleiben sollte, und der Rehberger Graben. Durch diesen teilweise in den Fels der Steilhänge des Odertales geschlagenen Graben fließt das Wasser noch heute bis nach St. Andreasberg und treibt dort die Räder der Museumsgrube Samson an.

INFO: www.harzinfo.de; www.harzwasserwerke.de

(APA/dpa)

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