Quelle: ZAMG

Eine Wanderung durch das herbstliche Lappland

27.09.2012 - 16:43
Den Wert der Stille in Schweden finden© APA (dpa)Den Wert der Stille in Schweden finden

"Es gibt Menschen, die haben noch nie die Stille gehört", sagt Björn Juhlin. Der Naturführer breitet ein Rentierfell auf dem weichen Heidekraut aus. Hier, unterhalb eines Berggipfels im schwedischen Nationalpark Pieljekaise, kann er sie gestressten Touristen bieten, die große Stille.

Der Nationalpark Pieljekaise liegt im schwedischen Lappland, rund 50 Kilometer südlich des Polarkreises. Vom Dorf Jäckvik schlängelt sich ein Wanderweg über 27 Kilometer durch Bergbirkenwald, über Gebirgsheidekraut und kahlen Fels bis zum Dorf Adolfström. Der Pfad ist ein Teilabschnitt des berühmten "Kungsleden", der 425 Kilometer lang von Hemavan bis Abisko durch Lappland führt.

Man trifft nur wenige Wanderer hier. Das Naturschutzgebiet wird deshalb auch der "vergessene Nationalpark" genannt. "Ein unentdecktes Paradies, besonders im Herbst", sagt Björn Juhlin. Er wohnt mit seiner Familie auf einem entlegenen Hof bei Arjeplog. In der gleichnamigen Gemeinde leben 3.100 Einwohner - auf einer Fläche von 18.000 Quadratkilometern, halb so groß wie Baden-Württemberg.

Der kleine Ort hat außer zwei Supermärkten, zwei Tankstellen, ein paar Fastfood-Restaurants und Pizzerien sowie einem Angelgeschäft nicht viel zu bieten. Er versprüht den Charme eines amerikanischen Ortes irgendwo in der Prärie. Doch statt von Wüste ist er umgeben von mehr als 8.000 Seen. Die Bergwelt um Arjeplog ist eines der größten unbesiedelten Gebiete Schwedens. Im Sommer geht die Sonne hier nie unter, im Winter wird es an vielen Tagen kaum hell. Bevor aber die Dunkelheit kommt, explodiert die Natur im schwedischen "Indian Summer" in den grellsten Gelb-, Orange- und Rottönen.

Vom einem der vielen sanft gewölbten Gipfel überblickt man den Farbenrausch: Das Laub der Birken verfärbt sich gelb, dunkelrot leuchten die Alpen-Bärentrauben und die Gebirgsheide, im Tal glitzert ein See in der Herbstsonne. In alle Richtungen scheint die Erde unendlich weit zu sein, keine Straße, kein Strommast, kein Haus weit und breit. Für Björn ist Anfang September die schönste Jahreszeit zum Wandern: "Dann haben die Mücken ihre Hochsaison hinter sich."

Der Weg vom kahlen Fjäll hinab in den Birkenwald führt an einer Hütte vorbei. Diese öffentlich zugänglichen Holzhäuschen sind rar auf dem Weg durch den Nationalpark. Wer mehr als eine Tagestour plant, sollte ein Zelt mitnehmen - und einen warmen Schlafsack, denn im Herbst kann es in Lappland nachts schon richtig Frost geben. In der Hütte haben Wanderer eine Gulaschsuppe zurückgelassen, in einer Ecke ist Holz aufgestapelt. Björn holt dünne Äste aus seinem Rucksack und schichtet sie in der Feuerstelle vor der Hütte auf einige Scheite Holz. Obendrauf entzündet er trockene Birkenrinde.

Auf einem Bergkamm gegenüber haben sich Dutzende neugieriger Augenpaare auf das Lagerfeuer gerichtet. Eine Herde Rentiere zieht durch den Nationalpark. Rund 40 Familien der ursprünglichen Sami-Bevölkerung verdienen in Arjeplog und der benachbarten Gemeinde Arvidsjaur noch ihren Lebensunterhalt als Rentierzüchter. Im Sommer und Herbst streifen rund 23.000 Rentiere frei durch das Fjäll.

Die Rentierzüchter Lotta und Tom Svensson sind angespannt in diesen Herbsttagen. Das samische Ehepaar wartet auf den perfekten Tag, um ihre Tiere zu sammeln. Wenn das Wetter gut ist, muss ein Hubschrauber gemietet werden. "Das ist ein Wettlauf gegen die Zeit", erklärt Lotta. Die samische Urbevölkerung lebt seit Jahrhunderten von der Rentierzucht. Obwohl seit den 70er-Jahren Hubschrauber, Quads und Schneescooter das Zusammentreiben erleichtern, bleibt die Arbeit im Gebirge hart. Die Svenssons betreiben deshalb als Zuverdienst das Sami-Center Båtsuoj für Touristen.

"Wir wollen das Verständnis und den Respekt für das Leben der Samen stärken", erklärt Lotta. In einer Holzhütte im Wald erzählt sie Touristen vom Leben der Ureinwohner. Die Gäste sitzen auf Rentierfellen rund um ein Lagerfeuer. In einer Pfanne brutzelt Rentierfleisch, das mit Mandelkartoffeln serviert wird. Lotta erzählt von der Kälbermarkierung im Frühjahr, den acht Jahreszeiten, nach denen die Samen leben, und von Sami, der Sprache der Urbevölkerung, die vom Aussterben bedroht ist.

Der Wanderweg führt weiter durch dichtes Weidengestrüpp. "Hier fühlen sich Elche wohl", sagt Björn. Auch Bär, Luchs und Vielfraß leben im Nationalpark. Sie sind aber scheu und selten zu sehen. Wo es zu sumpfig wird, führt der Weg über dünne Holzplanken. Je näher das Dorf Adolfström kommt, desto mehr weichen die Birken den Kiefernwäldern. Mit einem roten, typisch schwedischen Holzhaus beginnt die Zivilisation wieder. Hinter der Ladentheke steht Marianne Thorve. Die gebürtige Stockholmerin zog 1977 nach Adolfström, zu ihrem Mann Jan, der ihr Wanderguide war. "Wer hier glücklich werden will, darf kein Herdentier sein", sagt sie. Und er muss die Stille schätzen.

(APA/dpa)

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