Noch vor wenigen Jahrzehnten war Alta Badia in Südtirol ein verlassenes Tal. Heute lockt es Wintersportler und Gourmets aus aller Welt an. Doch die Vergangenheit begegnet dem Besucher auf Schritt und Tritt.
Im Laufe der letzten Jahre hat sich ein unglaublicher Wandel im einst so abgeschiedenen Dolomitental vollzogen. Nur eine Skipiste trennt die neue Zeit von Corvaras beschwerlicher Vergangenheit. Gleich hinter dem Luxushotel "La Perla", wo schon Hollywoodstars wie George Clooney oder Tom Cruise abgestiegen sind, liegt wie ein Relikt aus einer anderen Epoche ein typisches altes Bauernhaus, Keller und Erdgeschoss aus schweren Steinen gemauert und weiß verputzt, darüber das eigentliche Wohngebäude ganz aus Holz. Seit dem Tod der letzten Besitzerin ist es unbewohnt. Nun haben es die Hoteleigentümer aufgekauft und nutzen das urige Ambiente für stimmungsvolle Heimatabende.
Den oft romantisierten Jahren, bevor die Dolomiten vom Massentourismus entdeckt wurden, weint Roberta Rinna, die in Corvaras Nachbarort La Villa ein 4-Sterne-Hotel führt, keine Träne nach: "Es war eine schwere Zeit", erinnert sie sich, "besonders für meine Mutter, die nach dem Tod des Vaters allein vier Kinder ernähren musste. Ich kann mich erinnern, dass wir an manchen Tagen nicht genug zu essen hatten." Mit dem westdeutschen Wirtschaftswunder kamen Fortschritt und Wohlstand Ende der 50er Jahre auch allmählich in die rückständigen Dolomitentäler.
"Komm ein bisschen mit nach Italien", trällerte Caterina Valente damals in ihrem Schlager, "komm ein bisschen mit ans blaue Meer." Auf dem Weg dorthin verschlug es viele Touristen ins damals noch schwer zugängliche Alta Badia. Eine abenteuerliche Reise, denn das versteckte Hochabteital, wie sein deutscher Name lautet, war von Norden fast 100 Jahre lang nur über die schmale Gadertalstraße zu erreichen, die sich oberhalb des gleichnamigen Flüsschens in kühnen Windungen an zerklüfteten Bergrücken entlangschlängelte. Erst als sich 1993 ein schwerer Busunfall mit 18 Toten ereignete, entschlossen sich die Verantwortlichen zu einem Straßenneubau. Seit 2006 erreicht man Alta Badia bequem durch eine Kette von Tunneln. Die kurvenreiche Nebenstrecke gehört heute in den Sommermonaten den Wanderern und Radfahrern.
Seiner abgeschiedenen Lage in dem lange unzugänglichen Tal hat Alta Badia bis heute einige Besonderheiten zu verdanken, allen voran die ladinische Sprache, die noch von rund 30.00 Einheimischen als Muttersprache gesprochen wird und damit zu den kleinsten Sprachinseln Europas gehört. Die Verwandtschaft zum Italienischen ist unverkennbar, dennoch haben auch einige teutonische Begriffe Einzug ins Ladinische gehalten.
Heute bewirten die Nachkommen Touristen unter Tellerborden, alten Familienfotos und dem Kruzifix in der Ecke mit selbstgekochter ladinischer Hausmannskost - und die ist ebenso deftig wie reichhaltig: Zum Auftakt des Menüs gibt es eine nahrhafte Gerstensuppe, gefolgt von in brauner Butter gesottenen Schlutzkrapfen mit Spinat- und Quarkfüllung, Schweinshaxe mit Polenta und Sauerkraut, Knödel mit Gulasch und als Dessert Apfelstrudel, Furtaies (Strauben, ein süßes Backwerk) oder Apfelkuchen mit Eis. Wer selbst einmal die Rezepte der ladinischen Küche ausprobieren will, kann unter Anleitung von Erika Pitscheider im historischen Sotciastel-Hof einen Kochkurs besuchen.
Gutes Essen gehört zu Südtirol wie der Schnee zum Winter - nicht nur im Tal, sondern auch oben auf dem Berg. Wenn mancher Skifahrer nach einem kräftezehrenden Vormittag auf den Brettern Appetit auf Pommes und Currywurst verspürt, so werden solcherlei Gelüste in einigen Rifugi auf Unverständnis stoßen. Südtirol ist mehr der eleganten italienischen Küche zugeneigt. Südländer sind eben Gourmets. Daher erstaunt es nicht, dass jede noch so einfache Skihütte eine Speisekarte auf gehobenem Niveau aufweisen kann.
In Alta Badia hat die Kombination aus Sport und kulinarischen Spezialitäten mittlerweile Tradition. Bereits zum siebten Mal findet in der Wintersaison 2011/12 das "Skifahren mit Genuss" statt: gehobene Gastronomie auf über 2000 Metern Höhe in zehn ausgewählten Schlemmerhütten. Internationale Spitzenköche aus Österreich, Slowenien, der Schweiz und Deutschland kreieren für jedes Restaurant ein spezielles Gericht und suchen dazu den passenden Südtiroler Wein aus. Die fantastische Aussicht auf das Bergpanorama der Dolomiten mit den bizarren Gipfeln von Sassongher und Sella-Massiv gibt es gratis dazu.
Die Ütia Lèe unterhalb des Kreuzkofels ist eine dieser Gourmet-Stationen. Wer es schon zu Fuß mit Schneeschuhen oder Wanderstiefeln bis hierher geschafft hat, der sollte noch einen Kilometer weiter in Richtung der gewaltigen Gebirgswand klettern, die 800 Meter über den Armentara-Wiesen steil in die Höhe ragt. Am Fuß des mächtigen Felsmassivs liegt die kleine Wallfahrtskirche Heilig Kreuz, die im Jahr 1484 geweiht wurde.
Es ist schwer vorstellbar, dass dort, wo heute friedlich Deutsch, Italienisch und Ladinisch gesprochen wird und die Ortsnamen gleichberechtigt in allen drei Sprachen ausgeschildert sind, vor fast 100 Jahren der Donner von Kanonen und Geschützen durch die engen Felstäler hallte. 15 Kilometer windet sich die enge Straße von San Cassiano hinauf zum Valporalapass, der das Abteital mit dem italienischen Nobelskiort Cortina verbindet. Heute verläuft hier oben die Grenze zwischen der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol und der italienischen Region Venetien.
Direkt neben der Passstraße liegt das ehemalige Fort Tre Sassi, das die Österreicher vor 110 Jahren fertigstellten, um den Zugang ins Abteital gegen die Italiener zu sichern. Nur wenige Wochen nach Beginn des Ersten Weltkriegs wurde es von Granaten schwer getroffen und danach geräumt. Heute ist in dem schlichten, grauen und eher unscheinbaren Steinbau ein Museum über den Großen Krieg in den Dolomiten untergebracht.
(APA/dpa)

13.9°C
12.5°C
15.3°C
11.8°C
7.6°C
