Quelle: ZAMG

Westliche Staaten gehen auf Distanz zu Saudi-Arabien

18.10.2018 - 19:07
Khashoggi war am 2. Oktober in das Konsulat gegangen© APA (Archiv/AFP)Khashoggi war am 2. Oktober in das Konsulat gegangen

Nach dem Verschwinden des saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi machen immer mehr Größen aus Politik und Wirtschaft einen Bogen um eine Investorenkonferenz in dem Königreich. Am Donnerstag erklärten u.a. US-Finanzminister Steven Mnuchin, der französische Finanzminister Bruno Le Maire und der britische Handelsminister Liam Fox, in der kommenden Woche nicht nach Saudi-Arabien zu reisen.

Die USA wollen ihrem Verbündeten Saudi-Arabien noch einige Zeit einräumen, um die Vorkommnisse um das Verschwinden Khashoggis aufzuklären, gab US-Außenminister Mike Pompeo nach einem Treffen mit Präsident Donald Trump in Washington bekannt.

Neben den Saudis ermittle auch die Türkei zu den Vorfällen, die sich im saudischen Konsulat in Istanbul am 2. Oktober zugetragen haben sollen. Pompeo war am Donnerstag von einer spontanen Reise nach Riad und Ankara zurückgekehrt, wo er mit der politischen Führung beider Länder zusammengekommen war.

Am Tag vor dem Pompeo-Besuch in Riad hatte Saudi-Arabien nach einem inzwischen bestätigten Bericht einen Betrag von 100 Millionen US-Dollar nach Washington überwiesen. Das Geld sei für die Syrien-Hilfe gedacht. Die USA wiesen jeden Zusammenhang mit dem Fall Khashoggi zurück.

Es sei "nicht die richtige Zeit" dafür, hieß es in einer Mitteilung der britischen Regierung. "Großbritannien ist weiterhin sehr besorgt über das Verschwinden Khashoggis." London erwarte, dass Saudi-Arabien den Fall gründlich, glaubhaft, transparent und zeitnah untersuche. Die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden.

Le Maire begründete seine Absage damit, dass die "Voraussetzungen nicht gut" seien und forderte eine Erklärung der saudischen Regierung. Auch sein niederländischer Kollege Wopke Hoekstra sagte genau wie der Chef des französischen Rüstungskonzerns Thales, Patrice Caine, die Teilnahme ab.

Bereits in den vergangenen Tagen hatte es Absagen zu dem Treffen gehagelt, mit dem Saudi-Arabien ausländische Investoren anlocken will. Zuletzt erklärten unter anderem IWF-Chefin Christine Lagarde und die Vorstandschefs der Großbanken HSBC, Standard Chartered und Credit Suisse, sie wollten nicht anreisen.

Andere ließen ihre Teilnahme noch offen. Siemens-Chef Joe Kaeser erklärte, er werde sich in den kommenden Tagen entscheiden. Auf einer Konferenz in Kanada hatte er am Dienstag gesagt, das Verschwinden Khashoggis sei zwar eine ernste Angelegenheit. "Wenn wir auf der anderen Seite aufhören, mit Ländern zu sprechen, in den Menschen vermisst werden, können wir zu Hause bleiben, weil wir mit niemandem mehr sprechen können", fügte er hinzu. US-Finanzminister Steven Mnuchin wollte seine Anreise überdenken.

Eine Abkehr ausländischer Investoren könnte schwerwiegende Folgen für Saudi-Arabien haben, das vor einem tiefgreifenden Umbau seiner Wirtschaft steht. Das erdölreiche Land will seine Öl-Abhängigkeit reduzieren und sich zu einem hochmodernen Industrieland entwickeln.

Türkische Ermittler suchen unterdessen mit Hochdruck nach weiteren Hinweisen für eine Tötung Khashoggis. Neben der Residenz des saudi-arabischen Konsuls in Istanbul wurde auch nochmals das Konsulat durchsucht, das Khashoggi am 2. Oktober betreten hatte, bevor er spurlos verschwand. Die regierungstreue türkische Zeitung "Yeni Safak" berichtete, dem Kritiker des saudischen Königshauses seien während eines Verhörs die Finger abgeschnitten worden. Später sei er enthauptet und seine Leiche zerstückelt worden. Saudi-Arabien bestreitet eine Tötung Khashoggis.

Die türkische Regierungszeitung "Sabah" präsentierte zudem den angeblichen "Kopf des Vollstreckungsteams". In einem am Donnerstag veröffentlichten Beitrag zeichnet "Sabah" die Bewegung eines Saudis nach, den sie namentlich nennt. Die Zeitung hat seit dem Verschwinden Khashoggis viele angebliche Erkenntnisse der türkischen Sicherheitskräfte veröffentlicht. "Sabah" zeigt Fotos, die offenbar aus Sicherheitskameras stammen und die den Saudi in Istanbul zeigen sollen - unter anderem beim Betreten des Konsulats, wie auch vor der Residenz des Konsuls, in einem Hotel und am Flughafen.

"Sabah" bezeichnet den angeblichen Verdächtigen als "Geheimdienstagenten". Er habe den saudi-arabischen Kronprinzen Mohammed bin Salman auf seinen Reisen oft begleitet. Die "New York Times" hatte den Mann in der Nacht zuvor ebenfalls als häufigen Begleiter des Prinzen identifiziert. Er sei zum Beispiel in Madrid und Paris mit ihm aus dem Flugzeug gestiegen.

Die "Washington Post" veröffentlichte derweil den bisher letzten Beitrag ihres verschwundenen Kolumnisten Jamal Khashoggi veröffentlicht. Die Zeitung machte in einem Begleittext am Mittwoch zugleich deutlich, dass sie nicht mehr davon ausgeht, dass der saudi-arabische Journalist noch am Leben ist. Indes forderten die Demokraten von US-Präsident Donald Trump die Offenlegung von Finanzbeziehungen zu Saudi-Arabien.

Die zuständige Redakteurin Karen Attiah der "Washington Post" schrieb, man habe mit der Veröffentlichung auf Khashoggis Rückkehr warten wollen, um den Text gemeinsam mit ihm zu redigieren. "Jetzt muss ich akzeptieren: Das wird nicht passieren. Das ist das letzte Stück von ihm, dass ich für die 'Post' redigieren werde."

(APA/ag.)

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