Quelle: ZAMG

Türkei beschoss erneut syrisches Kurden-Gebiet Afrin

21.02.2018 - 19:26
Türkei forciert ihre Angriffe in Afrin© APA (AFP)Türkei forciert ihre Angriffe in Afrin

Nach der Entsendung syrischer Regierungstruppen in die Kurden-Region Afrin hat die türkische Armee ihre Angriffe auf das Gebiet fortgesetzt, um die Kurdenmiliz YPG zu schwächen. Syriens Regierungstruppen wiederum setzten ihre massiven Angriffe auf das Rebellengebiet Ost-Ghouta fort. Aktivisten zufolge wurden mindestens zehn Zivilisten getötet.

Bei Artilleriebeschuss der Stadt Afrin seien in der Nacht auf Mittwoch sechs Menschen verletzt worden, darunter vier Kinder, meldeten die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte und die kurdische Nachrichtenseite Hawar News. Nach Angaben der Menschenrechtsaktivisten flogen türkische Jets in der Früh zudem Luftangriffe.

Die Türkei warnte, dass sie alle Unterstützer der YPG in Afrin als "legitimes Ziel" betrachten werde. Der türkische Präsidentensprecher Ibrahim Kalin sagte am Mittwoch, wer die YPG unterstütze, werde genauso wie die "Terrororganisation" behandelt. Die YPG hatte am Dienstag mitgeteilt, die syrische Regierung habe auf Einladung der kurdischen Regionalverwaltung "Militäreinheiten" nach Afrin geschickt. Sie würden Position an der Grenze zur Türkei beziehen, um die Einheit Syriens zu verteidigen, hieß es.

Türkische Medien berichteten kurz darauf aber, dass der Konvoi mit regierungstreuen Milizen nach "Warnschüssen" der türkischen Armee umgekehrt sei. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte, der Konvoi habe sich zurückgezogen, damit sei die Sache "im Moment erledigt". Sein Sprecher Kalin versicherte, es seien Vorkehrungen getroffen worden, sollte Damaskus erneut Truppen nach Afrin entsenden.

Angesichts der dramatischen Lage in der Konfliktregion Afrin rief unterdessen der russische Außenminister Sergej Lawrow Syrien zum Dialog mit den Kurden. Die Regierung müsse mit allen ethnischen und konfessionellen Gruppen sprechen, auch mit den Kurden, sagte Lawrow bei einem Besuch in Slowenien am Mittwoch.

Lawrow rief alle Beteiligten zu Gesprächen mit der syrischen Regierung auf, um eine weitere Eskalation zu vermeiden. Die territoriale Einheit und Souveränität Syriens müsse gewahrt bleiben, sagte er der Agentur Interfax. Den USA warf der Minister vor, die Kurden in Syrien in ihrem Autonomiestreben bestärkt und damit die Situation erschwert zu haben. Russland unterstützt den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad militärisch.

Die türkische Armee hatte vor rund einem Monat eine Offensive auf Afrin begonnen. Das Gebiet im Norden Syriens wird von der Kurdenmiliz YPG kontrolliert. Die Türkei sieht in der YPG den syrischen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und bekämpft sie. Am Dienstag rückten syrische Regierungstruppen in das Gebiet ein, die die Kurden im Kampf gegen die Türkei unterstützen sollen. Die YPG und Syriens Regierung sind beide Gegner der Türkei. Allerdings haben sie im syrischen Bürgerkrieg ein zwiespältiges Verhältnis zueinander. Während sie wie nun in Afrin teilweise miteinander kooperieren, kam es anderenorts zu Zusammenstößen.

Neben der Entsendung von Truppen nach Afrin setzt die syrische Regierung ihre massiven Angriffe auf das Rebellengebiet Ost-Ghouta fort. Neben mindestens zehn toten Zivilisten forderten die Angriffe laut der Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte auch noch rund 200 Verletzte. Ost-Ghouta sei aus der Luft und mit Artillerie beschossen worden. Dabei seien aus Hubschraubern auch Fassbomben abgeworfen worden, die wegen ihrer verheerenden Sprengkraft und Splitterwirkung von der UNO geächtet sind.

Vermutlich hätten auch russische Flugzeuge Angriffe geflogen, meldete die oppositionsnahe Stelle weiter. Bereits in den vergangenen drei Tagen waren demnach bei heftigen Angriffen auf Ost-Ghouta mehr als 250 Zivilisten getötet und rund 1.200 verletzt worden. Es war eine der schwersten Angriffswellen auf das Gebiet seit Ausbruch des Bürgerkriegs vor fast sieben Jahren. "Wir warten nur darauf, bis wir an der Reihe sind zu sterben", sagte ein Einwohner.

Die Kampfhandlungen und schwere Bombardierungen zwingen die Hilfsorganisation Care dazu, Hilfslieferungen für Tausende von Menschen im belagerten Ost-Ghouta einzustellen. "Wenn jetzt kein Waffenstillstand erreicht wird, stehen wir vor einer humanitären Katastrophe. Die Lage in Ost-Ghouta ist so kritisch wie noch nie zuvor", sage Marten Mylius, Care-Nothilfekoordinator für den Nahen Osten.

Die SOS-Kinderdörfer melden, dass auch Mitarbeiter der Hilfsorganisation an Ort und Stelle unter Beschuss geraten waren. "So schlimm wie jetzt war es noch nie! Es ist derzeit viel zu riskant, unsere Arbeit zu verrichten, alle sind angewiesen, sich in den Kellern zu verbarrikadieren", berichtete eine Helferin, die nur knapp eine Bombenexplosion überlebte, laut Aussendung. Die SOS-Kinderdörfer betreiben in unmittelbarer Nähe der umkämpften Gebiete ein Nothilfezentrum.

Angesichts der Luftangriffe auf Ost-Ghouta forderte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), dass "der Wahnsinn, Zivilisten ins Visier zu nehmen, aufhören" müsse. "Es gibt viele Berichte von zerstörten Krankenhäusern und Hilfszentren", sagte Walter Hajek vom Österreichischen Roten Kreuz laut einer Aussendung vom Mittwoch. "Die Möglichkeiten zur medizinischen Versorgung schwinden weiter und Menschen sterben, weil ihnen nicht geholfen werden kann", warnte er. Die Hilfsorganisationen bräuchten dringend Zugang nach Ost-Ghouta.

Ost-Ghouta ist die letzte Oppositionsbastion nahe der Hauptstadt Damaskus und wird seit Monaten von syrischen Regierungstruppen belagert. Rund 400.000 Menschen sind fast vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Die syrische Regierung will die Kontrolle über das Gebiet zurückerlangen.

Care und SOS-Kinderdörfer forderten eine sofortige Waffenruhe, hieß es weiter. Gleichzeitig bekräftigte Care den Aufruf der Vereinten Nationen zu einer 30-tägigen Aufhebung der Belagerung, damit humanitäre Organisationen Hunderttausende Menschen mit lebensrettender Hilfe erreichen können.

Russland hat für Donnerstag eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates zur Lage in der heftig umkämpften syrischen Rebellenhochburg Ost-Ghouta vorgeschlagen. "Das ist notwendig angesichts der Sorgen, die wir heute gehört haben", sagte der russische UN-Botschafter Wassili Nebensja am Mittwoch in New York. Dabei könnten alle Seiten ihre Standpunkte vortragen, sagte er der Agentur Tass zufolge. Zudem sollten so Wege gesucht werden, "um aus dieser Situation herauszukommen".

Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Said Raad al-Hussein, kritisierte unterdessen mit scharfen Worten die Gewalt gegen die syrische Rebellenhochburg mit 400.000 eingeschlossenen Zivilisten. "Stoppt die ungeheuerliche Vernichtung in Ost-Ghouta", sagte er am Mittwoch in Genf.

Nach Angaben seines Büros sind seit dem 4. Februar durch Luftschläge und Angriffe mit Bodenraketen der syrischen Regierung und ihrer Verbündeten mindestens 346 Menschen ums Leben gekommen und 878 verletzt worden. Die wahre Zahl der Opfer liege wahrscheinlich deutlich höher. Allein 92 Menschen seien in einer 13-stündigen Bombardierung am Montag umgekommen.

"Wie viel Grausamkeit braucht es, damit die internationale Gemeinschaft endlich gemeinsam sagt: genug tote Kinder, genug zerstörte Familien, genug Gewalt?", so Al-Hussein. Hunderttausende schon seit Jahren eingeschlossene Menschen lebten nun in Panik unter ständigen Bombenangriffen.

(APA/dpa/ag.)

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