Quelle: ZAMG

Polnischer Senat verabschiedet umstrittenes Holocaust-Gesetz

01.02.2018 - 15:21
Umstrittenes Gesetz beschlossen© APA (AFP)Umstrittenes Gesetz beschlossen

Der polnische Senat hat das umstrittene Gesetz zum Umgang mit dem Holocaust verabschiedet. Das Oberhaus des Parlaments stimmte in der Nacht auf Donnerstag mit 57 Ja- und 23 Nein-Stimmen bei zwei Enthaltungen für den Gesetzentwurf. Es sieht Strafen für polnische Bürger und Ausländer vor, welche die Todeslager der Nazis im besetzen Polen fälschlicherweise als "polnische Lager" bezeichnen.

Im Detail sieht die nun beschlossene Vorschrift Geldstrafen oder bis zu drei Jahre Haft vor, wenn jemand unter anderem öffentlich dem polnischen Volk oder Staat die Verantwortung oder Mitverantwortung für vom "Dritten Reich" begangene Nazi-Verbrechen zuschreibt. Dies gilt auch für andere Verbrechen gegen den Frieden oder die Menschheit. Zum Inkrafttreten muss die Vorschrift noch von Präsident Andrzej Duda unterschrieben werden.

Für das Vorantreiben des umstrittenen Gesetzes erntete Polen heftige Kritik. Das Gesetz stelle "ein Abstreifen der eigenen Verantwortung dar und eine Verleugnung von Polens Anteil am Holocaust an den Juden", sagte der etwa der israelische Geheimdienstminister Israel Katz.

Polen sollte auf historisch falsche Darstellungen nicht mit Straf-, sondern verstärkten Bildungsmaßnahmen reagieren, kritisierte auch die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem das Vorantreiben des Gesetzes. "Das vom Senat verabschiedete Gesetz gefährdet die freie und offene Diskussion über die Rolle von Polen bei der Verfolgung von Juden zu der Zeit", hieß es.

Auch der Sprecher des israelischen Außenministeriums, Emmanuel Nachschon, schrieb bei Twitter: "Israel betrachtet mit äußerster Ernsthaftigkeit jeden Versuch, die historische Wahrheit infrage zu stellen. Kein Gesetz wird die Fakten verändern."

Gegner des Gesetzes bemängeln, es sei unpräzise formuliert. Dies könnten polnische Regierende benutzen, um Fälle, bei denen die Verantwortung von Polen bei Verbrechen an Juden nachgewiesen wurde, zu leugnen. Polens Regierung streitet das ab und hebt zudem hervor, Kunst und Wissenschaft seien von den Regelungen ausgenommen. Die Nationalkonservativen gaben nach der Senatsentscheidung an, Israel den Sinn des Gesetzes genauer erklären zu wollen. "Dieser Sturm hat uns überrascht", sagte Senatsmarschall Stanislaw Karczewski über die Kritik. "Wir wollen nun in einen friedlichen, ausgewogenen und vertieften Dialog treten." Demnach sollte eine polnisch-israelische Arbeitsgruppe einberufen werden.

Polens Regierende argumentieren, sie wollten mit dem Gesetz Polens Ruf verteidigen und sich unter anderem gegen die oft nachlässig gebrauchte historisch falsche Bezeichnung "polnische Todeslager" für deutsche Vernichtungslager der Nazis im besetzten Polen während des Zweiten Weltkriegs wehren. 

Der polnische EU-Ratspräsident Donald Tusk kritisierte jedoch, sie hätten bisher genau das Gegenteil erreicht. "Die Autoren des Gesetzes haben die niederträchtige Verleumdung (die historisch falsche Bezeichnung "polnische Todeslager") in die ganze Welt hinausgetragen, so effektiv wie niemand zuvor", twitterte er.

(APA/ag.)

Home
Politik
Chronik
Wirtschaft
Sport
Kultur
Society
Life
Reise
Motor
Hightech