Quelle: ZAMG

Fast 300.000 Rohingya aus Myanmar geflohen

10.09.2017 - 17:10
Die Lage ist unerträglich© APA (AFP)Die Lage ist unerträglich

Die Flüchtlingsstrom aus Myanmar hält weiter an. In Bangladesch suchten in den vergangenen zwei Wochen fast 300.000 weitere Angehörige der muslimischen Minderheit der Rohingya Zuflucht vor den Kämpfen in ihrer Heimat. Unterdessen rief die Rohingya-Rebellengruppe ARSA einseitig eine einmonatige Waffenruhe ab Sonntag aus.

Damit wollte Arakan Rohingya Salvation Army nach eigenen Angaben Helfern ermöglichen, auch zu den im Nordwesten von Myanmar Verbliebenen vorzudringen. Zunächst war unklar, welche Auswirkungen dies auf die Kämpfe zwischen den Rohingya-Aufständischen und dem Militär haben wird.

Auslöser der jüngsten Unruhen waren koordinierte Rebellen-Angriffe am 25. August auf Dutzende Polizeiwachen sowie eine Armeekaserne. ARSA bekannte sich zu den Attacken, die eine große Gegenoffensive der Armee zur Folge hatten. Die Regierung in Rangun stuft ARSA als Terrororganisation ein. Bei den Kämpfen starben bisher mindestens 400 Menschen.

Viele Geflohene berichteten von Brandstiftungen und Tötungen in ihrer Heimat. Ganze Dörfer sollen zerstört worden sein. Beobachter sprachen davon, dass die Rohingya aus der Region Rathedaung im Teilstaat Rakhine bereits vertrieben wurden. Die Vorgänge ließen sich zunächst nicht von unabhängiger Seite bestätigen.

Nun stranden immer mehr Rohingya in Bangladesch, das bereits zuvor Hunderttausende aufgenommen hat. Viele kämen "ohne alles an", sagte der für die Flüchtlinge zuständige Koordinator der Vereinten Nationen, Robert Watkins. Zwei Flüchtlingslager in Cox's Bazar im Südosten des Landes stoßen bereits an ihre Kapazitätsgrenzen.

Die meisten Ankommenden leiden Hunger sowie Durst und sind traumatisiert. Viele Rohingya sollen sich noch in den teils verminten Bergen auf dem Weg in die Flüchtlingslager befinden. Watkins rechnet nicht damit, dass die Flüchtlingswelle bald abebben werde. Die Hilfsorganisationen benötigten an Ort und Stelle umgehend 77 Millionen Dollar, erklärte er in der Nacht auf Sonntag.

Auch durch massive Probleme der Hilfsorganisationen an Ort und Stelle kommt es zu Versorgungsengpässen. Das Welternährungsprogramm (WFP) musste seine Arbeit in Myanmar einstellen, da die Organisation nach eigenen Angaben die Sicherheit ihrer Mitarbeiter nicht mehr gewährleisten konnte. Die Regierung und das Militär werfen Hilfsorganisationen vor, die Rohingya-Rebellen zu unterstützen. Nun springt verstärkt das Rote Kreuz ein, um in Myanmar den Menschen zu helfen.

Die Regierung stellte erstmals Hilfen für die muslimische Minderheit durch die Organisation in Aussicht. Wie die Staatszeitung "Das Globale Neue Licht von Myanmar" berichtete, sollen drei Lager im Norden, Süden und dem Zentrum des Bezirks Maungdaw in Rakhine errichtet werden, wo es die heftigsten Kämpfe gab. Zwar bezog sich der Bericht nicht direkt auf Unterstützungen für die Rohingya, nannte aber Gebiete, in denen bis zu den jüngsten Unruhen Angehörige der Minderheit beheimatet waren.

Auch rund 27.000 Buddhisten und Hindus waren nach den Angriffen der Rohingya-Rebellen vertrieben worden, sie erhielten staatliche Hilfen. Die Rohingya-Flüchtlinge hingegen wurden bisher sich selbst überlassen. Menschenrechtsorganisationen warfen der Regierung eine systematische Kampagne vor, um die Rohingya aus dem Land zu vertreiben.

Im russischen Sankt Petersburg sind am Sonntag bei Protesten gegen die Gewalt in Myanmar mehr als 100 Demonstranten festgenommen worden. Polizeifahrzeuge umstellten den Platz, und die Demonstranten wurden mit diesen abgeführt. Rund 200 Menschen hatten für die muslimische Rohingya-Minderheit demonstriert. Teilnehmer der unerlaubten Versammlung wurden nach und nach in die Polizeiautos geführt. Ramsan Kadirow, der von Russlands Präsident Wladimir Putin eingesetzte Präsident der russischen Kaukasusrepublik Tschetschenien, hatte Moskau vor wenigen Tagen dazu aufgefordert, für ein Ende des "Blutvergießens" in Myanmar zu sorgen. Moskau äußerte sich bisher nicht zu den Kämpfen in Myanmar. Russland und Myanmar sind Verbündete, im vergangenen Jahr schlossen sie ein Militärabkommen.

In dem überwiegend buddhistischen Land leben 1,1 Millionen Rohingya. Ihnen wird die Staatsangehörigkeit verweigert, zudem ist ihre Reisefreiheit eingeschränkt. International steigt der Druck auf die Friedensnobelpreisträgerin und De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi, die Gewalt zu beenden. Es wird befürchtet, das Myanmar angesichts der Unruhen Rückschläge beim Übergang von der langjährigen Militärherrschaft in eine Demokratie erleidet.

Aung San Suu Kyi hat zu der Gewalt bisher weitgehend geschwiegen. Der malaysische Regierungschef Najib Razak bezeichnete das Schweigen als "enttäuschend": "Es passiert auf geplante Weise, dass sie (die Rohingya) gefoltert, benachteiligt, getötet und vergewaltigt werden", sagte er am Samstag in Kuala Lumpur. Seine Regierung entsandte Hilfsgüter in die Grenzregion nach Bangladesch.

Unterdessen wurden in Bangladesch Befürchtungen laut, dass sich Muslime angesichts der Geschehnisse im Nachbarland radikalisieren könnten. In den Sozialen Medien kursieren Bilder und Videos, die mutmaßliche Gewaltverbrechen gegen die Rohingya in Myanmar zeigten. Die heimische Islamistenszene könnte die Gewalt gegen die Muslime auch für Rekrutierungsversuche nutzen, sagte der Chef der Anti-Terror-Polizei von Dhaka, Monirul Islam. "Wir haben entsprechende Überwachungsmaßnahmen ergriffen."

(APA/dpa/ag.)

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