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Nordkorea-Krise löst Atomwaffendebatte in Japan aus

06.09.2017 - 16:17
Kim Jong-un setzt seinen Konfrontationskurs fort© APA (AFP)Kim Jong-un setzt seinen Konfrontationskurs fort

Nach den jüngsten Raketen- und Atomtests Nordkoreas wird in Japan über die Stationierung von US-Atomwaffen debattiert. Verteidigungsexperten warfen am Mittwoch die Frage auf, ob es nicht an der Zeit sei, das Verbot der Stationierung von Nuklearwaffen in dem Land zu überdenken, das bisher als einziges Atombombenangriffen ausgesetzt war.

Nordkorea drohte unterdessen für den Fall neuer Sanktionen mit Gegenmaßnahmen. Das Außenministerium in Pjöngjang unterstellte den USA, eine feindselige Politik und dazu eine "hektische Sanktionskampagne" zu betreiben. Russlands Präsident Wladimir Putin warnte bei einem Treffen mit dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in davor, Nordkorea "in die Ecke zu drängen" und forderte einen Dialog mit Pjöngjang. Sanktionen hätten den Konflikt nicht gelöst.   

Moon warnte vor einer unkontrollierbaren Entwicklung der Nordkorea-Krise. Es sei nicht mehr absehbar, was passiere, wenn die Regierung in Pjöngjang ihre Provokationen nicht beende, sagte Moon am Mittwoch nach seinem Treffen mit Putin am Rande eines Wirtschaftsgipfels in Wladiwostok. Nordkorea hatte am Dienstag nach seinem bisher größten Atomtest den USA mit "weiteren Geschenkpaketen" gedroht. Putin rief erneut dazu auf, die Krise durch Gespräche zu überwinden. Sanktionen und Druck alleine reichten nicht aus.

Japan, das im Zweiten Weltkrieg als bisher einziges Land mit Atombomben angegriffen wurde, hatte sich danach verpflichtet, Atomwaffen weder zu besitzen, noch zu bauen oder deren Stationierung auf seinem Staatsgebiet zu erlauben. "Vielleicht ist es an der Zeit, aus den drei Prinzipien zwei zu machen", sagte ein japanischer Verteidigungsexperte, der wegen der Brisanz des Themas in seinem Land anonym bleiben wollte. Wenn Japan die USA einladen würde, Atomwaffen zu stationieren, könnte es damit China als den einzigen verbündeten Nordkoreas dazu bringen, seinen Nachbarn in die Schranken zu weisen. Japan könnte etwa erlauben, dass die USA ein atomar bewaffnetes U-Boot von einem ihrer Stützpunkte in Japan aus operieren lassen. Das würde Druck auf China ausüben.

Takashi Kawakami von der Universität Takushoku sagte, allein mit der Debatte über die Atom-Prinzipien werde Japan die USA und China zum Handeln bewegen. "Das ist die Medizin, die China braucht, damit es gegen Nordkorea aktiv wird", sagte der Verteidigungsexperte. Und der ehemalige Verteidigungsminister Shigeru Ishiba warf die Frage auf, ob Japan Schutz unter dem amerikanischen Atomschirm erwarten könne, wenn es seine Atom-Grundsätze beibehalte. "Ist es richtig, dass wir darüber nicht diskutieren?", fragte er in einem Fernsehinterview.

Während Südkorea, die USA und Deutschland für härtere Sanktionen plädieren, zweifeln Russland und China deren Sinn an. Bislang haben die von den Vereinten Nationen (UN) verhängten Strafmaßnahmen Nordkorea nicht von seinem Kurs abgebracht. Diplomaten erklärten, der UN-Sicherheitsrat könnte als weitere Sanktionen ein Verbot von nordkoreanischen Textilexporten, Landeverbote für nordkoreanische Flugzeuge, Einreiseverbote für nordkoreanische Funktionäre, ein Entsendeverbot für nordkoreanische Arbeiter und die Unterbindung von Öllieferungen in Betracht ziehen.

Moon forderte Putin nach Angaben aus seiner Delegation auf mitzuarbeiten, um die Ölzufuhr Nordkoreas zu unterbinden. Putin habe allerdings erklärt, das würde nur die Bevölkerung treffen. Nach Angaben Putins liefert Russland nur rund 40.000 Tonnen Rohöl pro Jahr an Nordkorea. Chinas Lieferungen belaufen sich nach Angaben aus Industriekreisen auf rund 520.000 Tonnen.

Der britische Verteidigungsminister Michael Fallon sagte, China halte den Schlüssel zur Lösung der Krise in der Hand. Er verwies unter anderem auf die Öllieferungen. "China hat nicht nur Einfluss, sondern auch viele der Hebel, die nötig sind, um Nordkorea zu einem anderen Verhalten zu bringen", sagte Fallon der BBC.

Das chinesische Militär gab unterdessen ein Manöver nahe der koreanischen Halbinsel bekannt, bei dem die Abwehr eines von See her kommenden Überraschungsangriffs geübt worden sei. Dabei haben die Luftwaffe am Dienstag erstmals "bestimmte Waffen" zum Abschuss niedrig fliegender Ziele eingesetzt, hieß es am Mittwoch auf der offiziellen Militär-Internetseite www.81.cn ohne weitere Erläuterung.

UN-Generalsekretär Antonio Guterres appellierte am Dienstag in New York an alle Staaten, dass ein Krieg auf der koreanischen Halbinsel unbedingt verhindert werden müsse. Das Risiko eines Nuklear-Konflikts mit Nordkorea sei derzeit die "gefährlichste Krise" der Welt. 

Nachdem Nordkorea am Sonntag nach eigenen Angaben eine zweite Wasserstoffbombe erfolgreich getestet hat, können Experten nicht bestätigen, dass es sich tatsächlich um diesen Typ Waffe gehandelt hat. Nachweisen könne man thermonukleare Reaktion einer solchen Bombe erst Wochen nach der Detonation, erklärte Robert Kelley, Analyst des Instituts für Friedensforschung in Stockholm (SIPRI).

Durch radioaktive Isotope in der Atmosphäre ließe sich die Zündung einer Wasserstoffbombe bestätigen. Da sich das nordkoreanische Regime allerdings alle Mühe gebe, den Austritt solcher Teilchen aus den unterirdischen Test-Tunnels zu verhindern, könne man erst Wochen nach der Explosion nachweisen, um welchen Bombentyp es sich handelte, betonte der US-amerikanische Experte in einer Aussendung.

Auch wenn sich die Explosion selbst anhand von seismischen Messungen bestätigen ließe , könne man alleine an der Sprengkraft eines solchen Tests nicht ablesen, um welchen Bombentyp es sich handle. So hätten die Vereinigten Staaten bereits im Jahr 1952 eine Bombe mit dem Codenamen "Ivy King" gesprengt, die eine fünfmal stärkere Sprengkraft (500 Kilotonnen TNT) hatte, als die Explosion des jüngsten nordkoreanischen Tests - ohne jegliche thermonukleare Reaktion, so Kelley.

Eine Sprengung unter der Erde sagt nach den Worten des SIPRI-Experten auch sehr wenig über die tatsächliche Größe und das Gewicht einer solchen Bombe aus. So sei es wesentlich schwerer, einen funktionierenden Sprengkopf mit einer Sprengkraft von 10-20 Kilotonnen (Kt) auf einer Rakete unterzubringen, als eine Untergrundsprengung von 100 Kt durchzuführen.

Wie das deutsche Magazin "Die Zeit" (Online) kürzlich berichtete, testet der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un die Waffen auf dem Testgelände Punggye Ri - bei einem Gebirge, in etwa einem Kilometer Tiefe. Das erzeugt seismische Wellen, die Forscher dank eines Messnetzwerks weltweit erfassen können. Federführend ist dabei die in Wien ansässige Organisation des Vertrags über das umfassende Verbot von Nuklearversuchen (CTBTO).

Verschließt man die Test-Tunnel, könnten radioaktiven Isotope daran gehindert werden nach außen zu gelangen, was die Messungen von radioaktiven Isotopen in der Atmosphäre, die bei Atomexplosionen freigesetzt werden, erheblich erschwert. Vor dem Nachweis dieser radioaktiven Teilchen sei es aber nicht möglich zu bestätigen, ob es sich tatsächlich um eine Wasserstoffbombe handelte, oder eben nicht.

Bereits nach dem ersten Test einer nordkoreanischen Wasserstoffbombe im Jänner 2016 äußerten Experten erhebliche Zweifel an dem Wahrheitsgehalt der Aussagen des Regimes in Pjöngjang. Aufgrund der Versiegelung des Test-Tunnels konnten auch Wochen nach der Explosion keine eindeutigen Ergebnisse zur Art der Bombe erzielt werden.

Wie der deutsche Physiker und Konfliktforscher Götz Neuneck der "Zeit" damals sagte, fehle Nordkorea derzeit das Know-how für eine Wasserstoffbombe. Wasserstoffbomben sind potenziell besonders verheerende Nuklearwaffen. Anders als einfache atomare Sprengsätze beziehen sie den Großteil ihrer Zerstörungskraft nicht aus der Spaltung von Uran- oder Plutoniumkernen, sondern aus der Verschmelzung (Fusion) von Atomkernen des Elements Wasserstoff.

(APA/dpa)

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