Quelle: ZAMG

SPÖ wetterte gegen Regierung und verabschiedete Häupl

01.05.2018 - 15:13
Kern, Ludwig und Häupl lassen sich feiern© APAKern, Ludwig und Häupl lassen sich feiern

Der Maiaufmarsch der SPÖ in Wien ist am Dienstag ganz im Zeichen der Kritik an der Bundesregierung gestanden. Die Vertreter der Parteispitze ließen in ihren Reden kein gutes Haar an Vorhaben wie dem 12-Stunden-Tag oder den AUVA-Einsparungsplänen. Jubel und Applaus setzte es aber nicht nur für die Angriffe in Richtung Bund sondern auch für den Abschiedsauftritt von Michael Häupl.

SPÖ-Vorsitzender Christian Kern würdigte in seiner Rede bei der Abschlusskundgebung zunächst aber nicht den scheidenden Langzeit-Bürgermeister, sondern ausnahmsweise den Gegner: "Ich möchte mich bei der österreichischen Bundesregierung für die Rekordbeteiligung am Wiener Rathausplatz bedanken." Laut SPÖ sind am heutigen 1. Mai bei sonnigem Frühlingswetter 120.000 Menschen aufmarschiert - so viel wie seit einigen Jahren nicht mehr, wie es hieß. Die einzelnen Delegationen hätten bis zu 15 Prozent mehr Teilnehmer verzeichnet.

Kern versprach den Genossen, das "offene Gesellschaftsmodell" mit allen Zähnen verteidigen zu wollen. Denn es sei die Sozialdemokratie, die von sich behaupten könne, 100 Jahre lang Demokratie und Rechtsstaat verteidigt zu haben. Letztere seien "zerbrechliche Wesen". "Sozialdemokratische Ideen sind immer der Kitt in der Gesellschaft gewesen", zeigte sich der Parteichef überzeugt, der im Vorjahr bei seinem ersten 1. Mai-Auftritt noch Bundeskanzler war.

Kern wetterte gegen "Geschenke an Großkonzerne" und warnte davor, dass künftig beim Besuch einer Spitalsambulanz eine Kreditkarte statt einer E-Card nötig sei. Außerdem werde Schulschwänzen künftig stärker bestraft als Großsozialbetrug, kritisierte er. Die Regierung wolle zudem den 8-Stunden-Tag "schreddern" und die Sozialversicherung in ihrer derzeitigen Form "verschrotten".

"Wir erleben, dass Journalisten bedroht werden und die Pressefreiheit infrage gestellt wird", verwies der SPÖ-Chef außerdem auf die jüngste FPÖ-Kritik an den ORF-Korrespondenten. Zudem werde in der Flüchtlingskrise ein Jude (der US-Investor George Soros, Anm.) als Drahtzieher bezeichnet: "Wie schändlich ist das?" Antisemitismus sei immer der erste Zivilisationsbruch: "Ein Angriff auf unsere jüdischen Mitbürger ist ein Angriff auf uns alle." Ob dieser von rechtsradikaler oder islamistischer Seite komme, sei dabei egal.

Seine Premiere am 1. Mai erlebte der neue Vorsitzende der Wiener SPÖ, Michael Ludwig, der im Jänner zum Häupl-Nachfolger gekürt worden war und diesen Ende Mai auch als Stadtoberhaupt beerben wird. "Das erfüllt mich mit großen Emotionen, hier vor euch zu stehen, und auch mit Stolz", sagte der Noch-Wohnbaustadtrat bei seinem Auftritt vor den Kundgebungsteilnehmern.

Auch er konstatierte: "Es braucht mehr Sozialdemokratie und mehr gelebte Solidarität." Denn es stünden wohl Zeiten bevor, wo man enger zusammenrücken müsse. Man werde jedenfalls an der Seite der Arbeitnehmer stehen, wenn es gelte, deren Interessen zu vertreten. Zudem versprach er, sich dafür einzusetzen, dass Wien Wien bleibt. Der "besondere Flair" der Stadt dürfe nicht verloren gehen.

"Wir werden uns wehren, wenn es gegen die Interessen der Wiener Bevölkerung geht", beteuerte Ludwig: "Lasst unser Wien in Ruhe." Eine klare Absage erteilte er etwa dem 12-Stunden-Tag - da es die Sozialdemokratie gewesen sei, die den 8-Stunden-Tag gefordert und durchgesetzt habe. Und er garantierte der AUVA: "Wir stehen an eurer Seite, wenn es darum geht, die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt zu verteidigen." "Wir sind jene, die Brücken bauen", beteuerte der Wiener SPÖ-Chef.

Abschlussredner Michael Häupl wurde von Kern folgendermaßen angekündigt: "Du bis eine Legende und zwar schon zu Lebzeiten." Der Angesprochene bedankte sich für die Huldigung, wobei er befand: "Ich habe mir gedacht, ich stehe jetzt knapp vor der sozialdemokratischen Seligsprechung." Die allgemeine politische Situation beschrieb er so: "Es weht ein sehr kalter Wind." Die Sozialdemokratie sei hingegen jene Partei, die nicht spalte, sondern die Gesellschaft zusammenhalte. Sie stünde für ein Miteinander und für Solidarität.

Er selbst übergebe in drei Wochen die Funktion des Wiener Bürgermeisters an Michael Ludwig. "Und das ist gut so", versicherte Häupl: "Aber liebe Freunde, ich verabschiede mich nicht." Er werde zwar ganz sicher nicht den "Balkonmuppet" spielen und seinem Nachfolger pausenlos Ratschläge erteilen - sich aber weiterhin Tag und Nacht für seine Prinzipien einsetzen, versprach er: "Ich werde nicht unkritisch."

Mit den Worten "Ihr, liebe Freunde, seid in meinem Herzen. Freundschaft!" beschloss Häupl seine finale Maiaufmarschrede. Der lang anhaltende Applaus gipfelte schließlich in einem Chor aus "Zugabe"-Rufen. Der Wiener Bürgermeister schritt daraufhin tatsächlich noch einmal zum Mikrofon - wenn auch nur, um seinen Fans mitzuteilen, dass es keine solche geben werde.

(APA)

Home
Politik
Chronik
Wirtschaft
Sport
Kultur
Society
Life
Reise
Motor
Hightech