Quelle: ZAMG

Große Unterschiede bei muslimischen Wertehaltungen

10.08.2017 - 13:58
Religiosität unterschiedlich stark ausgeprägt© APA (Symbolbild/dpa)Religiosität unterschiedlich stark ausgeprägt

Eine neue - nicht repräsentative - Studie zu Muslimen in Österreich sieht große Unterschiede bei den Wertehaltungen je nach Herkunft. Vor allem Flüchtlinge aus Somalia gaben etwa an, sehr gläubig zu sein (69 Prozent) während Personen aus dem Iran der Religion distanzierter gegenüberstehen (53 Prozent eher oder gar nicht gläubig). Für ihren Glauben sterben würden 37 Prozent der Somalier.

Koordiniert wurde die am Donnerstag präsentierte Studie für den Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) von Peter Filzmaier. Derzeit leben geschätzte 700.000 Muslime in Österreich.

Filzmaier betonte, dass es sich um keine repräsentative Studie handelt, da es ja keine Muslime-Datenbank in Österreich gebe. Dennoch könne man Tendenzen herauslesen. Nach einem sogenannten Schneeballsystem - Personen werben weitere Interview-Partner an - wurden von der Donau Universität Krems seit vergangenem Jahr 1.129 Muslime in zwei Wellen befragt. Dabei handelte es sich sowohl um in Österreich Geborene, als auch Migranten und anerkannte Flüchtlinge.

Die große Mehrheit der für die Studie befragten Muslime steht hinter den österreichischen Rechtsvorschriften. Ein Viertel der Flüchtlinge will islamische Rechtsvorschriften berücksichtigt sehen. Allerdings ist die Zahl der Befürworter der Scharia als Grundlage der Gesetze verschwindend gering: Selbst unter den deklarierten "sehr gläubigen" Muslimen macht diese in der Studie nur zwei Prozent aus.

Mehr als drei Viertel aller Befragten bosnischer Herkunft sowie zwei Drittel der Befragten türkischer Herkunft und mehr als die Hälfte der Flüchtlinge finden die österreichischen Vorschriften für Muslime angemessen. Insgesamt wird die Aussage, für den Glauben zu sterben, klar abgelehnt (58 Prozent "auf gar keinen Fall"). Allerdings stimmten 37 Prozent der Somalier dieser Aussage mit "ja, auf jeden Fall" bzw. "ja, eher schon " zu.

Ein differenziertes Bild zeichnet die Studie bei emotional besetzten Themen. So zeigen mehr als die Hälfte der Flüchtlinge sowie 40 Prozent der türkischstämmigen Muslime sehr oder eher Verständnis dafür, wenn Männer Frauen nicht die Hand reichen. Ein Drittel der Flüchtlinge - insbesondere aus Somalia und Tschetschenien - befürwortete die gewaltsame Verteidigung der Familienehre. Bosnier messen diesem Thema am wenigsten Bedeutung zu.

Auch das politisch intensiv diskutierte Thema Verschleierung wurde abgefragt. Lediglich befragte Flüchtlinge aus Somalia waren mehrheitlich (61 Prozent) der Meinung, dass jede Muslimin ein Kopftuch tragen soll. Insgesamt waren 43 Prozent der befragten Männer und 54 Prozent der Frauen der Meinung, dass ein Kopftuch nur auf eigenen Wunsch getragen werden soll. Einen Kopftuchzwang befürworteten beide Geschlechter mit jeweils 16 Prozent.

Die Tendenzen nach Herkunft bestätigten sich in der Studie auch bei weiteren gesellschaftlichen Themen. So befürworteten Personen aus Tschetschenien und Somalia eher, dass Frauen als Jungfrau in die Ehe gehen, unverheiratete Frauen und Männer nicht zusammenleben und Mädchen und Burschen nicht gemeinsamen Turn- oder Schwimmunterricht haben sollten. Am unteren Ende des Spektrums finden sich wieder Menschen aus Bosnien oder dem Iran.

Eine Gleichberechtigung aller Religionen wird quer durch alle Gruppen mit mehr als 80 Prozent befürwortet. Knapp 60 Prozent der Flüchtlinge und Befragten türkischer Herkunft finden jedoch, dass es verboten sein soll, sich über den Islam lustig zu machen. Gut 60 Prozent der Befragten bosnischer Herkunft sowie der Flüchtlinge meinen, dass sich der Islam an die Traditionen und die Kultur in Europa anzupassen hat, von den Personen mit türkischem Hintergrund knapp die Hälfte.

Knapp die Hälfte der Befragten türkischer und afghanischer Herkunft hat das Gefühl, aufgrund ihres Glaubens in Österreich schlechter behandelt zu werden. Nicht so sehen das zwei Drittel der Flüchtlinge sowie drei Viertel der Bosnischstämmigen. Der Aussage, dass Juden zu viel Macht haben, stimmten vor allem die Syrer "sehr" oder "eher" (insgesamt 62 Prozent) zu. Iraner nur zu 18 Prozent. Laut Filzmaier ist Antisemitismus auch unter der österreichischen Gesamtbevölkerung stark vertreten.

Filzmaier sieht beim Thema Nachholbedarf. Aufgrund geringer Ressourcen und Schwierigkeiten bei der Erfassung der Bevölkerungsgruppe habe es bis vor kurzem nur wenige Anstrengungen gegeben. Einen Zusammenhang mit dem Wahlkampf sieht er in seinem Auftrag nicht.

Erst in den vergangenen Jahren nehmen Forschungsaktivitäten in Österreich zum Thema Islam "erfreulicherweise" zu, meint auch Filzmaier. Er hofft dabei auf ein "Einpendeln auf gutem Niveau". Vor allem Zeitreihen in der Forschung wären für den Sozialwissenschafter vernünftig, um die Entwicklung über die Jahre hinweg verfolgen zu können.

Dass der Studien-Auftrag für den ÖIF - er ist ein Partner des Außen- und Integrationsministeriums - politische Absichten verfolgen könnte, stellte Filzmaier in Abrede. Denn nur die Präsentation sei im bereits laufenden Wahlkampf erfolgt, in Wahrheit arbeite man schon seit vergangenem Jahr daran.

Außen- und Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) sieht sich durch die Muslime-Studie in seiner Haltung bestätigt. In einer Stellungnahme gegenüber der APA forderte er die "massive Reduzierung" der Migration "insbesondere von bildungsfernen Menschen aus anderen Kulturkreisen", eine Reform der Sozialsysteme sowie die konsequente Sprach- und Wertevermittlung im Bildungssystem "anstatt Parallelstrukturen wie Islam-Kindergärten". Menschen dürften zudem nicht mehr "in der Mindestsicherung verharren" und damit am Rande der Gesellschaft stehen, wodurch "Parallelgesellschaften gefördert werden", meinte der Minister und ÖVP-Obmann.

(APA)

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