Quelle: ZAMG

Rudolf Taschner soll ÖVP-Wissenschaftssprecher werden

08.08.2017 - 14:20
Taschner ist Physiker und Mathematiker© APATaschner ist Physiker und Mathematiker

Mathematiker Rudolf Taschner soll neuer ÖVP-Sprecher für Bildung und Wissenschaft im Nationalrat werden. Parteiobmann Sebastian Kurz präsentierte den Kandidaten für den siebenten Listenplatz am Dienstag in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Karlheinz Töchterle, bisheriger Abgeordneter für diesen Bereich und früherer Minister, kandidiert nicht mehr, erklärte Kurz.

"Mathematik ist keine Wissenschaft für Nerds, sondern eine kulturelle Errungenschaft", stellte Taschner fest und erklärte, er versuche darzustellen, wie wichtig Mathematik ist. Erfahrung habe er auch im Schulunterricht: "Ich weiß, was es bedeutet, Lehrer sein zu können." Diese müssten die Persönlichkeit jedes Kindes ernst nehmen, das Fach von Grund auf verstehen und sich der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft bewusst sein.

Kurz bezeichnete Taschner als Experten und Kenner des Bildungssystems, der sich vor allem mit dem lebenslangen Lernen auseinandersetze. Er sei ein Angebot an alle Generationen, vor allem aber für die ältere, so Kurz. Er wisse, was in der Bildung gut läuft und was verändert, verbessert werden sollte. Der ÖVP-Chef zeigte sich "beeindruckt, dass er jemand ist, der Lust auf Mathematik und Technik macht".

Inhaltlich betonte Taschner, dass es darauf ankommt, dass Kinder in der Schule nicht nur ihre Zeit absitzen, sondern mit zehn Jahren lesen, rechnen und schreiben können. Im Alter von 14 Jahren soll eben dies auf einem höheren Niveau möglich sein. Bei der Lehrerausbildung gebe es noch Luft nach oben, so der Universitätsprofessor: "Da kann man viel bewirken, insbesondere die Begeisterung steigern." Danach gefragt, was er vom Konzept der Gesamtschule halte, meinte Taschner, wenn es auf das Lehrpersonal ankommt, gehe es weniger um die Strukturfrage. Eine gute Gesamtschule könne man nicht ohne Geld aufbauen. Auch meinte er, dass sich das differenzierte System "in gewisser Hinsicht außerordentlich bewährt" habe. Aus dem ÖVP-Presseteam hieß es im Anschluss, dass es sich bei dieser Aussage um ein klares Bekenntnis zum Gymnasium handle.

Der Anruf von Kurz ist für Taschner überraschend gekommen und habe ihn überzeugt: "Wann wenn nicht jetzt. Ich weiß genau, wenn ich nicht Ja gesagt hätte, hätte ich es fünf Minuten später sicherlich bereut." Die Zeit sei jetzt genau richtig, zumal die Gesellschaft einen Umbruch erlebt. In Kurz sieht Taschner nun jemanden mit den Eigenschaften, die er sich von einem Politiker erwartet: "Verantwortungsbewusstsein, Mut und Weitblick".

"Ich hätte mich geärgert, wenn ich da nicht Ja gesagt hätte. Danke für das Angebot. Ich hab's gern ergriffen und freue mich, hier meinen kleinen Beitrag leisten zu können." Auf die Frage, ob er auch bei einem Anruf von SPÖ-Chef Christian Kern zugesagt hätte, meinte Taschner: "Ich glaube, dass es richtig war, dass ich bei ihm (Kurz, Anm.) Ja gesagt habe." Über einen Platz in der nächsten Regierung als Wissenschaftsminister sei nicht gesprochen worden, dies bestätigte auch Kurz.

Bei den Grünen stößt die Kandidatur Taschners auf heftige Kritik. Mit dem "Klimawandel-Leugner" treibe ÖVP-Obmann Sebastian Kurz seine "Klima-Ignoranz" auf die Spitze, so Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek in einer Aussendung.

Unwetter, Hitzewellen oder Überflutungen seien Fakten. Taschner habe diese jedoch als "Klimawandelwahn", "CO2-Alarmismus" und "Scheinproblem" verleugnet. Ihn als ÖVP-Wissenschaftssprecher zu nominieren, sei daher eine Verhöhnung der Opfer des Klimawandels, kritisierte Lunacek.

Kaum ein anderer Wissenschafter hat sich in den vergangenen Jahren so engagiert ausgerechnet der Vermittlung der ungeliebten Mathematik gewidmet wie Rudolf Taschner (64). Taschner wurde am 30. März 1953 in Ternitz (NÖ) geboren. Er maturierte am Theresianum in Wien und studierte an der Uni Wien Mathematik und Physik. 1976 wurde er sub auspiciis praesidentis promoviert, schloss aber noch ein Lehramtsstudium in seinen beiden Studienfächern an. 1977 begann er am Institut für Analysis und Technische Mathematik der TU Wien als Uni-Assistent zu arbeiten, gleichzeitig unterrichtete er am Theresianum. Heute ist Taschner Dozent am Institut für Analysis und Scientific Computing der TU und hält dort den Vorbereitungskurs für Informatik.

2003 gründete Taschner den "math.space" im Museumsquartier (MQ), wo Besuchern Mathematik als kulturelle Errungenschaft präsentiert wird. Unter anderem für diese Initiative wurde er vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten zum Wissenschafter des Jahres 2004 gekürt.

Neben Fachpublikationen (u.a. über die "Theorie der Gleichverteilung") und mehrbändigen mathematischen Lehr-und Fachbüchern verfasste Taschner vielfach ausgezeichnete allgemein verständliche Sachbücher zu Themen wie "Das Unendliche, Mathematiker ringen um einen Begriff" (1995), "Musil, Gödel, Wittgenstein und das Unendliche" (2002), "Der Zahlen gigantische Schatten" (2004), "Zahl. Zeit. Zufall. Alles Erfindung?" (2007), "Rechnen mit Gott und der Welt" (2009), "Gerechtigkeit siegt - aber nur im Film" (2011) oder "Die Mathematik des Daseins - Eine kurze Geschichte der Spieltheorie" (2015). Nächstes Monat erscheint mit "Vom 1X1 zum Glück" sein neuestes Werk.

In der Öffentlichkeit steht Taschner auch als Kolumnist der Tageszeitung "Die Presse", quasi geadelt wurde er mit einer Audienz bei "Kaiser Robert Heinrich I." Robert Palfrader in der ORF-Sendung "Wir sind Kaiser".

Inhaltlich nahm Taschner immer wieder zu bildungspolitischen Themen Stellung. So ist er etwa ein Verfechter einer teilzentralen Matura, bei der die Hälfte der Aufgaben zentral und die andere vom jeweiligen Klassenlehrer vorgegeben wird. Dabei scheut er sich auch nicht davor, für den zentralen Teil "sehr einfache Standardaufgaben" ohne Fallstricke zu fordern - auch um den Preis, sogenannte "Bildungsbürger" zu verärgern.

Als Wissenschaftssprecher würde Taschner eine alte ÖVP-Tradition fortführen: Diese setzte für diese Funktion in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder auf Wissenschafter wie Christian Brünner (der später allerdings zum LIF abwanderte), Dieter Lukesch, Gertrude Brinek, Beatrix Karl oder Karlheinz Töchterle.

(APA)

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