Quelle: ZAMG

Frühere sowjetische Dissidentin Jelena Bonner tot

19.06.2011 - 13:06
Bonner starb nach langer Krankheit© APA (Archiv/dpa)Bonner starb nach langer Krankheit

Die russische Dissidentin Jelena Bonner ist tot. Die Witwe des Friedensnobelpreisträgers Andrej Sacharow starb am Samstag im Alter von 88 Jahren nach langer Krankheit in ihrem Haus in Boston in den USA, wie ihre Tochter Tatjana Jankelewitschmitteilte. Die langjährige sowjetische Bürgerrechtlerin und Putin-Kritikerin soll an der Seite ihres Mannes auf einem Moskauer Friedhof beigesetzt werden.

Bonner wuchs als Tochter eines führenden Kommunisten auf, der 1938 im Zuge der stalinistischen Säuberungen hingerichtet wurde, ihre Mutter wurde in ein Gulag-Lager verbannt. Dennoch trat die Kinderärztin Bonner unter Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow selbst der KPdSU bei - ein Schritt, den sie später als "größten Fehler meines Lebens" bezeichnete. Die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 zerstörte Bonners Hoffnung auf eine Liberalisierung des Systems, sie verließ die Partei und entwickelte sich rasch zu einer Kritikerin der sowjetischen Führung.

Im Rahmen ihres Einsatzes für inhaftierte Menschenrechtler lernte Bonner den Atomphysiker und Bürgerrechtler Sacharow kennen, 1972 heiratete das Paar. Drei Jahre später nahm Bonner stellvertretend für ihren Mann den Friedensnobelpreis in Oslo entgegen, nachdem ihm die Ausreise aus der Sowjetunion verweigert worden war. Als Sacharow 1980 wegen seiner Kritik an der Afghanistan-Invasion nach Gorki, dem heutigen Nischni Nowgorod, verbannt wurde, war seine Frau vier Jahre lang seine einzige Verbindung zu ausländischen Journalisten, dann wurde sie selbst verbannt. Unter dem letzten sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow wurden beide später begnadigt und kehrten nach Moskau zurück.

Auch nach Sacharows Tod Ende 1989 setzte Bonner ihre Bürgerrechtsaktivitäten fort. Sie trat mehreren Menschenrechtsorganisationen bei und sparte nicht mit Kritik an Wladimir Putin, dem früheren Präsidenten und heutigen Regierungschef, dem sie einen autoritären Führungsstil vorwarf. Enttäuscht von den Entwicklungen in ihrer Heimat verbrachte Bonner die letzten Jahre in den USA.

"Mein Leben lässt sich mit drei Worten zusammenfassen: Es war typisch, tragisch und schön", sagte Jelena Bonner vor zwei Jahren. Sie beharrte stets darauf, dass sie trotz ihres Einsatzes für Sacharow ein eigenständiges Leben geführt habe. "Ich hasse es, immer nur als Sacharows Frau oder Witwe erwähnt zu werden, ich habe mein eigenes Leben", sagte sie dem russischen Sender NTW.

Nach Angaben ihrer Freundin, der russischen Aktivistin Ljudmilla Alexejewa, war Bonner kurz vor ihrem Tod zum dritten Mal am Herzen operiert worden. Alexejewa bedauerte, dass die russische Jugend mit dem Namen Sacharow nicht mehr viel anfangen könne, "und noch weniger mit Bonner". Nach einer Trauerfeier in Boston soll Bonner auf dem Moskauer Wostrjakowo-Friedhof beigesetzt werden. Die Familie bat statt Blumen um Spenden für die Sacharow-Stiftung, die sich für Demokratie und Freiheit einsetzt.

(APA/ag.)

Home
Politik
Chronik
Wirtschaft
Sport
Kultur
Society
Life
Reise
Motor
Hightech