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Hans Rauscher: "In Österreich konnte sich kein gesundes Bürger(selbst)bewusstsein bilden"

29.11.2010 - 12:49
Hans Rauscher ist preisgekrönter wie diskursfreudiger Journalist und Autor. Seine explizit liberalen Kolumnen im "Standard" sind Garant für Diskussionen. Vor diesem Hintergrund ist wohl auch die Wahl seines Fotos kein Zufall.
© Rauscher

Michael Niavarani stellt Hans Rauscher seine relevanten Fragen.


Allgemein

Michael Niavarani: Wie heißen Sie?

Hans Rauscher

MN: Wie geht es Ihnen?

Meine Schultern tun mir vom Sitzen am Computer weh.

MN: Wie spät ist es?

16:30

MN: Wie ist das Wetter?

Kalt, windig

MN: Wo sind Sie gerade?

Im Büro im STANDARD


Beruf

MN: Was sind Sie von Beruf?

Journalist

MN: Haben Sie an Ihrer Karriere gezielt gearbeitet, oder hat die Liebe für Ihre Arbeit zu Ihrer Karriere geführt?

Ich wollte seit meiner Jugend Journalist werden. Ab meinem 20. Lebensjahr habe ich die Gelegenheiten am Schopf gepackt, wie sie kamen: als ich eine Volontärstelle bei einem kleinen volkswirtschaftlichen Fachblatt angeboten bekam; als Ossi Bronner trend und profil gründete; als wir (ein paar trend-Redakteure) ein eigenes wöchentliches Wirtschaftsmagazin gründeten (längst mit profil fusioniert); als beim KURIER die Glosse auf Seite 1 eingeführt wurde, aber keiner sie schreiben wollte; als Bronner mir anbot, zum STANDARD zu kommen und dort u.a. die Glosse auf Seite 1 zu schreiben...

MN: Der ungerechtfertigte Erfolg eines Konkurrenten oder der eigene ungerechtfertigte Misserfolg - was ärgert Sie mehr und warum?

Ich muss schauen, dass meine Sachen gut bleiben, da kann ich nicht so auf Konkurrenten schauen. Meine Misserfolge sind nie ganz ungerechtfertigt.

MN: Wie viel Prozent Ihres Jobs würden Sie auch gerne ausüben, wenn Sie dafür kein Geld bekämen?

Null Prozent. Wenn Sie mir ein kleines Vermögen schenken, 100 Prozent.


Leben

MN: Sind Sie dort, wo Sie immer hinwollten?

Ich wollte immer ein beachteter Publizist sein, der von den Leuten geachtet wird, auf die es mir ankommt.

MN: Haben Sie noch ein großes Ziel (welches?), oder reicht Ihnen Ihr momentaner Status?

Irgendetwas wird noch kommen.

MN: Sind Sie eher glücklich oder eher unglücklich?

Bitte definieren Sie "glücklich"

MN: Haben Sie manchmal das Gefühl, Sie müssten sich für Ihr Glück rechtfertigen? (Warum?)

Nein

MN: Wenn alles gerade gut läuft in Ihrem Leben, haben sie dann Angst, dass Sie etwas davon verlieren könnten, oder genießen Sie Ihr Glück, egal, was danach kommen mag? Waren Sie schon immer so?

Meine Frau sagt, ich mache sie wahnsinnig mit meinen Ängsten.

MN: Wenn Sie etwas wissen, was wenige Menschen wissen und was auf Ihre Bildung hinweist, müssen Sie das dann den Menschen unbedingt mitteilen?

Oh ja! Dann gehe ich her und poste im STANDARD Richtigstellungen von populären Irrtümern anderer Teilnehmer der Poster-Community.

MN: Haben Sie jemals in der Schule nicht aufgezeigt, obwohl Sie die Antwort wussten?

Weiß nicht mehr. Spielt für mich keine Rolle.

MN: Haben Sie in der Schule irgendetwas für Ihr Leben gelernt? Was?

Ich hatte das große Glück, im Gymnasium als Klassenvorstand und Lehrer für Deutsch und Geschichte Herrn Prof. Hermann Lein zu haben, der als junger katholischer Widerstandskämpfer fast in Mauthausen und Dachau umgekommen wäre. Er hat mir (und einigen anderen), auch mit modernen didaktischen Methoden, die Augen über den Nationalsozialismus und seine Wurzeln geöffnet - was in den 60er-Jahren, wo es vor Nazi-Professoren noch wimmelte, unschätzbar war. In Deutsch hat er uns neuere österreichische Literatur nahegebracht. Beides hat mein journalistisches Leben (mit)bestimmt.

MN: Wenn Ihr Leben verfilmt würde, wie wäre der Titel dieses Films und wen wünschen Sie sich in der Hauptrolle?

Will nicht verfilmt werden.

MN: Was macht Sie trauriger? Träume, die noch immer unerfüllt sind, oder Träume, die vor langer Zeit schon in Erfüllung gegangen sind?

Beides nicht. Ein wichtiger Traum hat sich erfüllt, der mich froh macht.

MN: Wovor haben Sie mehr Angst: Vor dem Vorgang des Sterbens oder vor der Tatsache, dass sie danach tot sind? Warum?

Verdränge beides.

MN: Fürchten Sie sich manchmal vor Dingen mehr als notwendig? Hätten Sie gerne ihre Ängste mehr unter Kontrolle?

Beide Male "ja". Das Blöde am Journalismus ist ja, dass man genau mitkriegt, was alles passieren kann ...


Philosophie

MN: Aus irgendeinem Grund (die gute Fee) müssen Sie sich zwischen diesen beiden Lebensweisen entscheiden: 1) Sie werden steinreich (mehrere Milliarden Euro) und bleiben sterblich. 2) Sie müssen mit 700 Euro im Monat auskommen und werden unsterblich. Wie entscheiden Sie sich und warum?

Ist mir zu konstruiert.

MN: Besitzt der Mensch einen freien Willen? Was führen Sie als Beweis an?

Die Genetik spielt zwar eine Rolle ebenso wie die Umwelteinflüsse, aber es bleibt immer ein Spielraum für freie Entscheidung. Anders wäre moralische Verantwortlichkeit nicht herstellbar.

MN: Glauben Sie, dass Gott, oder eine andere Instanz, Sie lenkt, oder dass Sie Ihr Schicksal selbst gestalten?

Ich glaube nicht, dass Gott ein Steuerungsmodul für "Rauscher, Hans" hat.

MN: Haben Sie manchmal davor Angst, dass Sie sich für Ihr Handeln auf Erden irgendwann an einem anderen Ort verantworten müssen?

Wenn das Gewissen ein anderer Ort ist...

MN: Ich selbst bin sehr davon beeindruckt, dass der Buddhismus als einzige Weltreligion nicht missioniert. Warum, glauben Sie, ist das so?

Nicht missioniert? Und was ist mit meinen Freunden, die plötzlich im Kreis sitzen, sich an den Händen halten und "ommmmm ..." summen?

MN: Ihr Kind hat einen Mord begangen. Sie haben die Möglichkeit, alle Indizien verschwinden zu lassen. Würden sie das tun?

Nein.

MN: Wie kommen wir der Wahrheit näher? Durch Nachdenken oder durch Nachforschen?

Durch beides in gleichem Maße.


Partnerschaft

MN: Um Ihre Beziehung zu retten, würden Sie eher eine Paartherapie oder einen Romantikurlaub auf den Malediven buchen?

Beziehungsrettungsurlaube sind sicherer Beziehungstod.

MN: Wie groß ist der Unterschied zwischen Ihrem realen Sexualleben und Ihren sexuellen Fantasien? Sehen Sie eine Chance, diesen Abstand zu verkleinern?

Könnten Sie die Frage wiederholen?

MN: Haben Sie schon einmal während des Sex geweint?

Häh?

MN: Wenn Sie die Gewissheit hätten, mit einer bestimmten Person immer guten, aufregenden, gewagten Sex haben zu können – würden sie dafür auf Ihren Führerschein verzichten und stattdessen immer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren? Wenn nicht – was wäre ein fairer Deal?

Ich habe Glück bei der Frage. Ich habe keinen Führerschein.

MN: Wie leicht fällt es Ihnen, mit einer attraktiven Frau/mit einem attraktiven Mann zu sprechen und sich dabei nicht vorzustellen, wie es mit ihr/ihm im Bett wäre?

Kann mich immer nur auf eine Sache konzentrieren, diesfalls auf die Unterhaltung.

MN: Glauben Sie, ist sich Ihr Gesprächspartner dessen bewusst?

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Politik

MN: Halten Sie den Krieg für ein legitimes Mittel, um politische Ziele zu erreichen?

Ja, in manchen Fällen schon. Hitler oder der japanische Herrenmenschen-Expansionismus (ca 10-15 Millionen Tote in Asien) konnten nur durch Krieg besiegt werden. Milosevic konnte nur durch Bombardierungen vom Völkermord in Bosnien und ethnischer Säuberung im Kosovo abgehalten werden.

MN: In wie vielen Jahren wird es die erste österreichische Bundeskanzlerin geben?

Wenn Faymann durch Gabi Burgstaller ersetzt wird, bald.

MN: In wie vielen Jahren wird es den ersten österreichischen Bundeskanzler geben, der einen türkischen Nachnamen trägt?

Ein paar Jahre, nachdem Cem Özdemir deutscher Bundeskanzler geworden ist.

MN: Wie erklären sie sich die Tatsache, dass es in jeder Gesellschaft einen rechten Rand gibt?

Die extreme Rechte erfüllt das menschliche Grundbedürfnis nach: Hass, Niedertracht, Neid auf erfolgreiche Minderheiten, aggressiver Abgrenzung vom "Fremden", Gewaltlösungen, sich als Opfer fühlen dürfen, wenn man Täter ist, Aufgehen in einer fanatisierten Masse, etc. Das macht in Europa durchschnittlich 10-15 Prozent aus. In Österreich ist der rechte "Rand" 25 bis 30 Prozent stark, weil wir historisch die längste Zeit autoritäre Herrschaftsverhältnisse hatten und sich kein gesundes Bürger(selbst)bewusstsein bilden konnte; weil der Nationalsozialismus auch nach 1945 nie konsequent geächtet wurde; weil wir als Mischvolk in Richtung "ethnische Reinheit" überkompensieren.


Zum Abschluss

MN: Wie spät ist es jetzt?

13 Uhr (anderer Tag)

MN: Welche Frage war Ihnen unangenehm?

Kind als Mörder

MN: Welche Frage möchten Sie mir stellen?

Wissen Sie was gegen schmerzende Schultern?

MN: Tigerbalsam. Die schmerzende Stelle vor dem zu Bett gehen mit Tigerbalsam einreiben. Und zwar mit dem weißen. Hilft gegen Verspannungen.

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