Quelle: ZAMG

Bildergalerien

rssFeed
14:15
Niavaranis "Interview"-Gäste

Daniel Glattauer: "Die Wahrheit ist eine Fliege, keine Gelse"

29.10.2010 - 13:25
Als "dag" Standard-Kolumnist, als Autor Inhaber einer Nominierung für den Deutschen Buchpreis sowie - fünf indischer Laufenten. Im Niavarani-Dialog "gnadenloser Zweckoptimist". Daniel Glattauer.
© Heribert Corn

Michael Niavarani stellt Daniel Glattauer seine relevanten Fragen.


Allgemein

Michael Niavarani: Wie heißen Sie?

Daniel Glattauer.

MN: Wie geht es Ihnen?

Danke, geht so.

MN: Wie spät ist es?

16.27 Uhr

MN: Wie ist das Wetter?

Schirch.

MN: Wo sind Sie gerade?

Daheim, in Ottakring.


Beruf

MN: Was sind Sie von Beruf?

Schreiber.

MN: Haben Sie an Ihrer Karriere gezielt gearbeitet, oder hat die Liebe für Ihre Arbeit zu Ihrer Karriere geführt?

Schon eher die Liebe. Aber auch die Konsequenz, etwas weiterzumachen, womit ich einmal begonnen hatte. Und das so gut zu machen, wie ich konnte.

MN: Der ungerechtfertigte Erfolg eines Konkurrenten oder der eigene ungerechtfertigte Misserfolg - was ärgert Sie mehr und warum?

Ach, das ärgert mich beides nicht. Ich finde es nämlich müßig, bei Erfolg und Misserfolg von "gerechtfertigt" oder "ungerechtfertigt" zu reden. Andere Schreiber betrachte ich außerdem nicht als Konkurrenten. Sie nehmen mir ja nichts weg. Aber Misserfolg ist natürlich schon bitter unangenehm und kann mich auch ordentlich runterziehen.

MN: Wie viel Prozent Ihres Jobs würden Sie auch gerne ausüben, wenn Sie dafür kein Geld bekämen?

Hätte ich einen anderen Job, mit dem ich Geld verdiente, und bliebe mir genügend Zeit, dann würde ich es mir gerne hochprozentig leisten, weiter zu schreiben. Dann wäre es nämlich kein Job mehr, und es würde einiges an Druck wegfallen.


Leben

MN: Sind Sie dort, wo Sie immer hinwollten?

Nein. Weil ich nirgendwo hinwollte. Ich hatte immer nur die nächste Aufgabe vor Augen. Und durch das Bewältigen von Aufgaben oder auch das Scheitern daran kommt man genau dorthin, wo man gerade ist. Momentaufnahme: Nicht schlecht, wo ich gerade bin. Die Aussicht ist schön. Aber ich werde nicht ewig dort bleiben können.

MN: Haben Sie noch ein großes Ziel (welches?), oder reicht Ihnen Ihr momentaner Status?

Mein Status reicht mir. Deshalb bin ich gerade dabei, mir Ziele zu setzen, die nichts mit Schreiben zu tun haben. Schreiben werde ich natürlich trotzdem immer.

MN: Sind Sie eher glücklich oder eher unglücklich?

Eher glücklich.

MN: Haben Sie manchmal das Gefühl, Sie müssten sich für Ihr Glück rechtfertigen? (Warum?)

Ja, irgendwie schon. Viele sind aber bereits erleichtert, wenn man zugibt, dass man einfach nur Glück gehabt hat. (Statt zu behaupten, man hätte etwas besser oder ambitionierter oder geschickter gemacht als wer anderer.) “Glück haben“ heißt aber noch nicht "glücklich sein". Es gibt das Glück, das man selber empfindet. Und es gibt das Glück, von dem die Leute glauben, dass man es gefälligst empfinden müsste. Wehe, man hat Erfolg und behauptet, dass es nicht der Erfolg ist, der einen glücklich macht, sondern im Wald Steinpilze zu suchen und beim Heurigen G'spritzte zu trinken.

MN: Wenn alles gerade gut läuft in Ihrem Leben, haben sie dann Angst, dass Sie etwas davon verlieren könnten, oder genießen Sie Ihr Glück, egal, was danach kommen mag? Waren Sie schon immer so?

Ängste, etwas von meinem Glück zu verlieren, habe ich nicht – zum Glück! Aber mein Glück ausgiebig zu genießen, fällt mir ebenfalls schwer. Schnell glaube ich, wieder etwas leisten zu müssen, um mir mein Glück erlauben zu können. So war ich schon immer.

MN: Wenn Sie etwas wissen, was wenige Menschen wissen und was auf Ihre Bildung hinweist, müssen Sie das dann den Menschen unbedingt mitteilen?

Diese Gefahr besteht kaum. Ich bin nämlich ein relativ ungebildeter Mensch, denn ich merke mir nichts. (Zum Glück gibt es Google.) Menschen, die ständig zeigen wollen, wie gebildet sie sind, nerven mich. Weiß ich einmal zufällig etwas, dann teile ich es nur mit, wenn es wirklich jemand wissen will.

MN: Haben Sie jemals in der Schule nicht aufgezeigt, obwohl Sie die Antwort wussten?

Weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich mehr an jene spätere Schulzeit, in der aufzeigen bereits wurscht war – die Lehrer haben selbst ausgesucht, wer eine Frage beantworten sollte. Da war ich ganz gut im Verstecken.

MN: Haben Sie in der Schule irgendetwas für Ihr Leben gelernt? Was?

Viel. Aber ich meine nicht die Lerninhalte, sondern wie Menschen sind, Schüler und Lehrer, Starke und Schwache, Mächtige und Hilflose. Wie das Zusammenleben in der Gemeinschaft funktioniert, und wie nicht. Was Individualismus bedeutet, und wie schwer man es damit hat.

MN: Wenn Ihr Leben verfilmt würde, wie wäre der Titel dieses Films und wen wünschen Sie sich in der Hauptrolle?

Diese Frage ist quasi die Antwort auf Ihre allerletzte Frage, welche Frage mir am unangenehmsten war. Diese! Mein Leben ist absolut "nicht filmreif".

MN: Was macht Sie trauriger? Träume, die noch immer unerfüllt sind, oder Träume, die vor langer Zeit schon in Erfüllung gegangen sind?

Wenn, dann Träume, die noch immer unerfüllt sind. Ich denke gerade nach, ob es solche Träume gibt. – Hm. Vielleicht fällt mir später einer ein.

MN: Wovor haben Sie mehr Angst: Vor dem Vorgang des Sterbens oder vor der Tatsache, dass sie danach tot sind? Warum?

Vor dem Vorgang des Sterbens, weil er möglicherweise mit Leiden verbunden ist. Dass ich nachher tot bin, ist mir aus heutiger Sicht egal.

MN: Fürchten Sie sich manchmal vor Dingen mehr als notwendig? Hätten Sie gerne ihre Ängste mehr unter Kontrolle?

Nein, ich glaube, dass ich meine Ängste insofern gut unter Kontrolle habe, als ich sie erst gar nicht aufkommen lasse. Ich bin ein gnadenloser Zweckoptimist. Nur wenn ich im Mittelpunkt stehen muss, habe ich stets flaue Gefühle.


Philosophie

MN: Aus irgendeinem Grund (die gute Fee) müssen Sie sich zwischen diesen beiden Lebensweisen entscheiden: 1) Sie werden steinreich (mehrere Milliarden Euro) und bleiben sterblich. 2) Sie müssen mit 700 Euro im Monat auskommen und werden unsterblich. Wie entscheiden Sie sich und warum?

Für erstens! Unsterblich zu sein, ist ein beklemmender Gedanke. Da lieber steinreich sterben. Wenigstens kann man sich bis zum Schluss die Pflege leisten.

MN: Besitzt der Mensch einen freien Willen? Was führen Sie als Beweis an?

Nein. Denn absolute Freiheit in seinen Entscheidungen hätte man nur, lebte man alleine auf der Welt. Immerhin hat man manchmal das Gefühl, dass man sich gegen jemanden oder sogar gegen alle anderen durchgesetzt und das getan hat, was man wollte. Das ist vielleicht gut fürs Ego. Aber man hat nicht viel davon.

MN: Glauben Sie, dass Gott, oder eine andere Instanz, Sie lenkt, oder dass Sie Ihr Schicksal selbst gestalten?

Ich glaube zwar, jeder lenkt, unterstützt vom Zufall, sein eigenes Schicksal. Scheinbar muss man tatenlos zusehen, wo es einen dabei hintreibt. Aber es gibt da eine Instanz, die einem das Gute belohnt und das Schlechte bestraft, oft so subtil, dass man's kaum bemerkt. Ich glaube mittlerweile, dass es sich auszahlt, gut (also nicht auf den eigenen Vorteil bedacht) zu sein. Da geht's einem besser.

MN: Haben Sie manchmal davor Angst, dass Sie sich für Ihr Handeln auf Erden irgendwann an einem anderen Ort verantworten müssen?

Nein, über den Tod hinaus kann ich nicht denken. Nicht einmal an den Tod.

MN: Ich selbst bin sehr davon beeindruckt, dass der Buddhismus als einzige Weltreligion nicht missioniert. Warum, glauben Sie, ist das so?

Ich bin auch beeindruckt. Aber ich kann nicht beantworten, warum das so ist. "Missionarisches" ist mir jedenfalls immer suspekt. Es ist das Gegenteil der für mich wichtigsten Tugend des Menschen – der Toleranz.

MN: Ihr Kind hat einen Mord begangen. Sie haben die Möglichkeit, alle Indizien verschwinden zu lassen. Würden sie das tun?

Selbstverständlich! Aber danach müssten wir schnell nachdenken, ob das weitere Leben für mein Kind nicht besser verlaufen würde, legte es ein Geständnis ab. Und davon bin ich eigentlich überzeugt.

MN: Wie kommen wir der Wahrheit näher? Durch Nachdenken oder durch Nachforschen?

Das kommt auf die Definition von Wahrheit an. Ich bin jedenfalls eindeutig ein Nachdenker- und kein Nachforscher-Typ. Manchmal spüre ich, jetzt habe ich sie, die Wahrheit. Doch sie ist eine Fliege, keine Gelse. Schnappt man nach ihr, ist sie wieder weg.


Partnerschaft

MN: Um Ihre Beziehung zu retten, würden Sie eher eine Paartherapie oder einen Romantikurlaub auf den Malediven buchen?

Das hängt vom Zustand der Beziehung ab. "Beziehung retten" klingt jedenfalls schon irgendwie unrettbar. Im Übrigen halte ich die Malediven als Romantik-Oase für überschätzt. Das ist mehr was für Taucher, Schnorchler und Grasser.

MN: Wie groß ist der Unterschied zwischen Ihrem realen Sexualleben und Ihren sexuellen Fantasien? Sehen Sie eine Chance, diesen Abstand zu verkleinern?

Ich gestehe: Der Abstand ist riiiiiiiiesengroß! Mir fehlt nämlich jegliche sexuelle Fantasie. Vermutlich wird zu viel darüber gesprochen, geschrieben, geforscht – und, tja, nachgefragt! Zum Glück bin ich 50, da verkleinert sich der Abstand dann doch kontinuierlich.

MN: Haben Sie schon einmal während des Sex geweint?

Aber bestimmt doch. Wenn mich was oder wer bewegt (oder ich mich auf wem), weine ich leicht.

MN: Wenn Sie die Gewissheit hätten, mit einer bestimmten Person immer guten, aufregenden, gewagten Sex haben zu können – würden sie dafür auf Ihren Führerschein verzichten und stattdessen immer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren? Wenn nicht – was wäre ein fairer Deal?

Schauen Sie, ich brauche den Führerschein. Ich pendle jede Woche zwischen Wien und dem Waldviertel. Kennen Sie den Bahnhof Göpfritz an der Wild? Eben! Käme ich dort wöchentlich an, würde mich gleich der ganze gewagte Sex mit der bestimmten Person nicht mehr freuen.

MN: Wie leicht fällt es Ihnen, mit einer attraktiven Frau/mit einem attraktiven Mann zu sprechen und sich dabei nicht vorzustellen, wie es mit ihr/ihm im Bett wäre?

Bei Männern fällt es mir extrem leicht. Auch bei Frauen muss ich mich nur selten anstrengen.

MN: Glauben Sie, ist sich Ihr Gesprächspartner dessen bewusst?

Ich glaube schon. Mir hat jedenfalls noch nie jemand den Vorwurf gemacht: "Hey, musst du dir denn immerzu vorstellen, wie es mit mir im Bett wäre, wenn wir uns unterhalten?"


Politik

MN: Halten Sie den Krieg für ein legitimes Mittel, um politische Ziele zu erreichen?

Legitim nicht. Um Frieden zu erreichen – niemals. Gewalt schafft Gewalt.

MN: In wie vielen Jahren wird es die erste österreichische Bundeskanzlerin geben?

Wieso ist mir jetzt Fekter eingefallen?

MN: In wie vielen Jahren wird es den ersten österreichischen Bundeskanzler geben, der einen türkischen Nachnamen trägt?

Das müsste man ausrechnen. Ein heute 15-jähriger, in Österreich geborener, käme theoretisch schon in Frage. Da ist ja Fekter längst in Pension.

MN: Wie erklären sie sich die Tatsache, dass es in jeder Gesellschaft einen rechten Rand gibt?

Sie meinen, dass der rechte Rand dicker ist als der linke? – Fremdenängste, Unzufriedenheit und die Suche nach Schuldigen.


Zum Abschluss

MN: Wie spät ist es jetzt?

11.05 Uhr. (Aber ganz ein anderer Tag.)

MN: Welche Frage war Ihnen unangenehm?

Wie "mein" Film heißt, und wer die Hauptrolle spielt.

MN: Welche Frage möchten Sie mir stellen?

Worauf freuen Sie sich täglich am meisten?

(Niavaranis Antwort folgt.)

Home
Politik
Chronik
Wirtschaft
Sport
Kultur
Society
Life
Reise
Motor
Hightech