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Thomas Glavinic: "Ich bin ein sehr angstbesetzter Mensch"

11.10.2010 - 10:26
Thomas Glavinic ist - in der medialen Außensicht - Bestseller-Autor. Er wiederum ist als "nicht Schulkompatibler" einfach nur froh, nicht Leibesübungen unterrichten zu müssen.
© picturedesk.com

Michael Niavarani stellt Thomas Glavinic seine relevanten Fragen.


Allgemein

Michael Niavarani: Wie heißen Sie?

Thomas Glavinic

MN: Wie geht es Ihnen?

Das weiß ich leider meistens erst hinterher.

MN: Wie spät ist es?

9 Uhr morgens.

MN: Wie ist das Wetter?

Zu kühl.

MN: Wo sind Sie gerade?

In meinem Büro.


Beruf

MN: Was sind Sie von Beruf?

Schriftsteller.

MN: Haben Sie an Ihrer Karriere gezielt gearbeitet, oder hat die Liebe für Ihre Arbeit zu Ihrer Karriere geführt?

Ersteres, sonst würde ich heute wahrscheinlich aufmüpfige Kinder in Deutsch und Leibesübungen unterrichten, sie dabei nicht selten mit dem Schlüsselbund durch die Klasse jagen und ansonsten noch immer für die Schublade schreiben.

MN: Der ungerechtfertigte Erfolg eines Konkurrenten oder der eigene ungerechtfertigte Misserfolg - was ärgert Sie mehr und warum?

Ich empfinde niemanden als Konkurrenten. Über Erfolge von Freunden freue ich mich, der Erfolg aller anderen ist mir egal. Ich gebe aber zu, es hat eine Weile gedauert, bis ich mir diese Haltung erarbeitet hatte. Sie ist jedoch die einzige, die ich sinnvoll finde. Missgunst kostet nur Energie und Nerven. Außerdem zeigt man dann auch keinen besseren Charakter als die vielen üblen Figuren, die in Online-Foren oder bei Amazon anonym mit Dreck werfen – brrrr!

MN: Wie viel Prozent Ihres Jobs würden Sie auch gerne ausüben, wenn Sie dafür kein Geld bekämen?

Vor zehn Jahren hätte ich noch 100 Prozent geantwortet. Heute will ich eigentlich nur in Thailand am Strand liegen und so wenig wie möglich arbeiten. Also ehrliche Antwort: Ich weiß es nicht, denn ich werde immer fauler. Außerdem muss ich eine Familie ernähren, und was soll ich tun außer schreiben, wieder Taxi fahren?


Leben

MN: Sind Sie dort, wo Sie immer hinwollten?

Nein.

MN: Haben Sie noch ein großes Ziel (welches?), oder reicht Ihnen Ihr momentaner Status?

Ja, ich will bessere Romane schreiben.

MN: Sind Sie eher glücklich oder eher unglücklich?

Kommt auf die Uhrzeit an.

MN: Haben Sie manchmal das Gefühl, Sie müssten sich für Ihr Glück rechtfertigen? (Warum?)

Nein, so blöd bin ich auch wieder nicht.

MN: Wenn alles gerade gut läuft in Ihrem Leben, haben sie dann Angst, dass Sie etwas davon verlieren könnten, oder genießen Sie Ihr Glück, egal, was danach kommen mag? Waren Sie schon immer so?

Warum sollte ich denn so negativ denken? Ich nehme die Dinge, wie sie kommen. Und ja, ich glaube, ich war schon immer so. (Ich muss einschränken: Im Großen nehme ich die Dinge, wie sie kommen. Im Kleinen bin ich Choleriker.)

MN: Wenn Sie etwas wissen, was wenige Menschen wissen und was auf Ihre Bildung hinweist, müssen Sie das dann den Menschen unbedingt mitteilen?

So was weiß ich nicht. Ich habe keine großartige Allgemeinbildung.

MN: Haben Sie jemals in der Schule nicht aufgezeigt, obwohl Sie die Antwort wussten?

Damals wusste ich vielleicht noch mehr, jedenfalls: ja.

MN: Haben Sie in der Schule irgendetwas für Ihr Leben gelernt? Was?

Dass ich nicht schulkompatibel bin, dass Lehrer auch nur Menschen sind, dass die meisten Menschen in Ordnung sind, nur sollte man nicht zu viel mit ihnen zu tun haben müssen ... ach, vieles.

MN: Wenn Ihr Leben verfilmt würde, wie wäre der Titel dieses Films und wen wünschen Sie sich in der Hauptrolle?

Diesen Alptraum möchte ich mir nicht ausmalen. Mein Leben muss wirklich nicht verfilmt werden. Der Titel wäre sicher etwas wie "Das Kind im Manne".

MN: Was macht Sie trauriger? Träume, die noch immer unerfüllt sind, oder Träume, die vor langer Zeit schon in Erfüllung gegangen sind?

Ich bin nicht sicher, ob ich die Frage richtig verstehe. Ich weiß nur, dass mich unerfüllte Träume nicht traurig machen, weil ich immer daran glaube, dass sie sich noch erfüllen könnten. Wenn mich etwas traurig macht, hat es meistens mit anderen Menschen oder meinen eigenen Unzulänglichkeiten zu tun.

MN: Wovor haben Sie mehr Angst: Vor dem Vorgang des Sterbens oder vor der Tatsache, dass sie danach tot sind? Warum?

Ich brauche beides nicht wirklich, aber ich denke, das Totsein danach finde ich weniger störend – eher beruhigend. Man will doch irgendwann mal seine Ruhe haben. Auf jeden Fall nicht Harfespielen mit den ganzen Bösewichten, die man hier getroffen hat, während alle netten Leute unten gebrutzelt werden.

MN: Fürchten Sie sich manchmal vor Dingen mehr als notwendig? Hätten Sie gerne ihre Ängste mehr unter Kontrolle?

Zweimal ja. Wer nicht? So austherapiert ist ja kaum jemand. Aber stimmt schon, ich bin ein sehr angstbesetzter Mensch.


Philosophie

MN: Aus irgendeinem Grund (die gute Fee) müssen Sie sich zwischen diesen beiden Lebensweisen entscheiden: 1) Sie werden steinreich (mehrere Milliarden Euro) und bleiben sterblich. 2) Sie müssen mit 700 Euro im Monat auskommen und werden unsterblich. Wie entscheiden Sie sich und warum?

Das mag vielleicht unoriginell sein, aber ich nehme natürlich die Milliarden. Ich will gar nicht unsterblich werden, das ist doch eine Horrorvorstellung. Außerdem sehe ich in so viel Geld die Möglichkeit, sehr vieles in dieser Welt zum Guten zu wenden und denke, da hätte Unsterblichkeitswahn einen schwachen moralischen Standpunkt. Mit Milliarden kann man so viele Menschen aus der Armut holen, dass man gern auf sein niemals endendes Prekariatsdasein verzichtet.

MN: Besitzt der Mensch einen freien Willen? Was führen Sie als Beweis an?

Ich glaube, das ist mir egal. Ich denke ja. Aber wenn nein, kann ich auch nichts daran ändern, da ich in dem Fall ja keinen freien Willen habe.

MN: Glauben Sie, dass Gott, oder eine andere Instanz, Sie lenkt, oder dass Sie Ihr Schicksal selbst gestalten?

Ich halte mich für zu unwichtig, als dass sich jemand die Mühe machte, meine Wege zwischen Gasthaus, Schreibtisch und Bett zu lenken.

MN: Haben Sie manchmal davor Angst, dass Sie sich für Ihr Handeln auf Erden irgendwann an einem anderen Ort verantworten müssen?

Nicht die Spur. Aber ich muss mich schon hier ständig vor mir selbst rechtfertigen, und das ist auch nicht ohne.

MN: Ich selbst bin sehr davon beeindruckt, dass der Buddhismus als einzige Weltreligion nicht missioniert. Warum, glauben Sie, ist das so?

Ich halte mich für keinen Buddhismus-Experten und muss die Frage weitergeben. Meine Vermutung wäre, dass Buddhismus mindestens so sehr Philosophie ist wie Religion.

MN: Ihr Kind hat einen Mord begangen. Sie haben die Möglichkeit, alle Indizien verschwinden zu lassen. Würden sie das tun?

Selbstverständlich, ohne Zögern. Das würde ich auch für einen guten Freund tun.

MN: Wie kommen wir der Wahrheit näher? Durch Nachdenken oder durch Nachforschen?

Keine Ahnung. Ich bin jedenfalls eher der, der erst forscht und dann denkt, was nicht immer nur günstig ist für mich.


Partnerschaft

MN: Um Ihre Beziehung zu retten, würden Sie eher eine Paartherapie oder einen Romantikurlaub auf den Malediven buchen?

Beides garantiert katastrophales Scheitern. Ich würde allein auf die Malediven fahren, und die Partnerin soll Bali nehmen. Oder umgekehrt. Danach sind wir vielleicht beide relaxter.

MN: Wie groß ist der Unterschied zwischen Ihrem realen Sexualleben und Ihren sexuellen Fantasien? Sehen Sie eine Chance, diesen Abstand zu verkleinern?

Ich halte eigentlich nicht viel davon, öffentlich über das eigene Sexleben zu sprechen, aber wenn wir uns schon so nett unterhalten, kann ich Ihnen froh berichten, dass der Abstand sowieso sehr gering ist.

MN: Haben Sie schon einmal während des Sex geweint?

Ich habe keine Ahnung, wer beim Sex weint und unter welchen Umständen, doch ich bedauere die Person und denke, zum Sex gehört eine gewisse positive Aggressivität, die ziemlich weit von Tränenausbrüchen entfernt ist.

MN: Wenn Sie die Gewissheit hätten, mit einer bestimmten Person immer guten, aufregenden, gewagten Sex haben zu können – würden sie dafür auf Ihren Führerschein verzichten und stattdessen immer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren? Wenn nicht – was wäre ein fairer Deal?

Ich hab derzeit gar keinen Führerschein. Deal!

MN: Wie leicht fällt es Ihnen, mit einer attraktiven Frau/mit einem attraktiven Mann zu sprechen und sich dabei nicht vorzustellen, wie es mit ihr/ihm im Bett wäre?

Sie sind fixiert! Aber ich glaube, es ist normal, dass solche Gedanken im Hintergrund da sind. Spricht auch nichts dagegen. Man muss ja nicht alles in die Tat umsetzen, was einem so durch den Kopf geht. (Aber man darf es versuchen!)

MN: Glauben Sie, ist sich Ihr Gesprächspartner dessen bewusst?

Ich nehme an, Frauen gehen sowieso von derartigen Gedankengängen ihres männlichen Gegenübers aus. Außerdem glaube ich, die sind auch nicht anders als die Männer, nur weiß mans von ihnen nicht.


Politik

MN: Halten Sie den Krieg für ein legitimes Mittel, um politische Ziele zu erreichen?

Ja.

MN: In wie vielen Jahren wird es die erste österreichische Bundeskanzlerin geben?

Das wird nicht mehr so lange dauern. Höchstens hundert, hundertfünfzig Jahre.

MN: In wie vielen Jahren wird es den ersten österreichischen Bundeskanzler geben, der einen türkischen Nachnamen trägt?

Das wird allerdings länger dauern.

MN: Wie erklären sie sich die Tatsache, dass es in jeder Gesellschaft einen rechten Rand gibt?

Weil es auch einen linken Rand gibt.


Zum Abschluss

MN: Wie spät ist es jetzt?

Halb zehn.

MN: Welche Frage war Ihnen unangenehm?

Nur die, hm, einen Hauch weniger essentiellen. Nach der Uhrzeit z.B.

MN: Welche Frage möchten Sie mir stellen?

Welche Frage würden Sie gern hören?

MN: Haben sie noch Fragen an mich?

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