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Niavaranis "Interview"-Gäste

Taschner: "An geraden Tagen glücklich, an ungeraden Tagen unglücklich"

05.05.2011 - 15:04
Prof Dr. Rudolf Taschner bringt Mathematik mit Publikationen, Vorträgen und originellen Zugängen unters Volk. 2004 wurde er dafür zum Wissenschaftler des Jahres gewählt. Jetzt antwortet er "Nia".
© Oliver Indra

Michael Niavarani stellt Rudolf Taschner seine relevanten Fragen.


Allgemein

Michael Niavarani: Wie heißen Sie?

Rudolf Taschner

MN: Wie geht es Ihnen?

Gut

MN: Wie spät ist es?

06 Uhr 30

MN: Wie ist das Wetter?

Strahlender Sonnenschein am frühen Morgen

MN: Wo sind Sie gerade?

Zu Hause


Beruf

MN: Was sind Sie von Beruf?

Professor; wenn es nicht so überheblich klingen würde: Gelehrter

MN: Haben Sie an Ihrer Karriere gezielt gearbeitet, oder hat die Liebe für Ihre Arbeit zu Ihrer Karriere geführt?

Die Begeisterung – Liebe ist vielleicht ein zu großes Wort – für meine Arbeit

MN: Der ungerechtfertigte Erfolg eines Konkurrenten oder der eigene ungerechtfertigte Misserfolg - was ärgert Sie mehr und warum?

Der eigene ungerechtfertigte Misserfolg: beim ungerechtfertigten Erfolg des Konkurrenten betrachte ich dies als Zufall, beim eigenen Misserfolg als Pech

MN: Wie viel Prozent Ihres Jobs würden Sie auch gerne ausüben, wenn Sie dafür kein Geld bekämen?

Bei meinem Job – es sei betont, dass ich zwischen "Job" und "Arbeit" unterscheiden möchte – null Prozent. Es liegt nämlich im Wesen eines Jobs, mit einer angemessenen Entlohnung verbunden zu sein.


Leben

MN: Sind Sie dort, wo Sie immer hinwollten?

Noch nicht. Werde ich auch nie sein

MN: Haben Sie noch ein großes Ziel (welches?), oder reicht Ihnen Ihr momentaner Status?

Keines von beiden. Ich habe immer noch viele kleine Ziele, die sich bei Erreichen in noch viel mehr andere kleine Ziele vervielfachen

MN: Sind Sie eher glücklich oder eher unglücklich?

An geraden Tagen glücklich, an ungeraden Tagen unglücklich

MN: Haben Sie manchmal das Gefühl, Sie müssten sich für Ihr Glück rechtfertigen? (Warum?)

Für mein Glück kann ich mich nicht rechtfertigen

MN: Wenn alles gerade gut läuft in Ihrem Leben, haben sie dann Angst, dass Sie etwas davon verlieren könnten, oder genießen Sie Ihr Glück, egal, was danach kommen mag? Waren Sie schon immer so?

Ich kenne gut das Gefühl des Till Eulenspiegel, der sich freut, wenn es bei der Wanderung bergauf geht, weil dann muss es irgendwann wieder bergab gehen, und der traurig ist, wenn es endlich wieder bergab geht, weil dann unvermeidlich wieder ein Aufstieg kommt.

MN: Wenn Sie etwas wissen, was wenige Menschen wissen und was auf Ihre Bildung hinweist, müssen Sie das dann den Menschen unbedingt mitteilen?

Ich fürchte, dass ich diese Art von Aufdringlichkeit nicht immer unterdrücken kann.

MN: Haben Sie jemals in der Schule nicht aufgezeigt, obwohl Sie die Antwort wussten?

Immer dann, wenn ich nicht aufgepasst habe.

MN: Haben Sie in der Schule irgendetwas für Ihr Leben gelernt? Was?

Weil die Mittelschule, in der ich war, zugleich ein Internat war – meine Eltern waren zu Beginn meiner Gymnasialzeit verstorben –, habe ich sehr viel, von dem ich heute zehre, in der Schule gelernt

MN: Wenn Ihr Leben verfilmt würde, wie wäre der Titel dieses Films und wen wünschen Sie sich in der Hauptrolle?

"Er hat sich bemüht." Michael Niavarani?

MN: Was macht Sie trauriger? Träume, die noch immer unerfüllt sind, oder Träume, die vor langer Zeit schon in Erfüllung gegangen sind?

Träume machen mich nicht traurig

MN: Wovor haben Sie mehr Angst: Vor dem Vorgang des Sterbens oder vor der Tatsache, dass sie danach tot sind? Warum?

Man kann nicht "tot sein". Es hat keinen Sinn, über die Welt zu spekulieren, in der man "tot ist". Diese Welt existiert einfach nicht. Mit dem Sterben eines Menschen fällt zusammen mit ihm ein ganzes Universum wieder – metaphorisch gesprochen – in die Hand Gottes zurück. Darum fürchte ich mich allein nur vor der Tatsache, als hinfälliges sterbendes Wesen mir vielleicht nicht Wohlgesinnten ausgeliefert zu sein.

MN: Fürchten Sie sich manchmal vor Dingen mehr als notwendig? Hätten Sie gerne ihre Ängste mehr unter Kontrolle?

Ich zaudere zu viel, aber ich glaube nicht, dass ich mich zu viel fürchte.


Philosophie

MN: Aus irgendeinem Grund (die gute Fee) müssen Sie sich zwischen diesen beiden Lebensweisen entscheiden: 1) Sie werden steinreich (mehrere Milliarden Euro) und bleiben sterblich. 2) Sie müssen mit 700 Euro im Monat auskommen und werden unsterblich. Wie entscheiden Sie sich und warum?

Fraglos für das Erste. Unsterblichkeit ist ein Fluch.

MN: Besitzt der Mensch einen freien Willen? Was führen Sie als Beweis an?

Das ist eine fundamentale Erfahrung unseres Daseins: Dass wir verfügen können – aber auch, dass wir anderem und anderen ausgeliefert sein können. Natürlich gibt es den freien Willen. Der schlagendste Beweis ist, dass ich diese Fragen beantworten will – ich bin mir sicher, ich müsste nicht.

MN: Glauben Sie, dass Gott, oder eine andere Instanz, Sie lenkt, oder dass Sie Ihr Schicksal selbst gestalten?

Wie eben erläutert: Beides.

MN: Haben Sie manchmal davor Angst, dass Sie sich für Ihr Handeln auf Erden irgendwann an einem anderen Ort verantworten müssen?

Ich muss es nicht "an einem anderen Ort" verantworten, ich muss es hier und jetzt vor meinem Gewissen verantworten. Und über das Gewissen kann ich nicht verfügen.

MN: Ich selbst bin sehr davon beeindruckt, dass der Buddhismus als einzige Weltreligion nicht missioniert. Warum, glauben Sie, ist das so?

Auch das Judentum missioniert im allgemeinen nicht (es gab zwar historische Phasen des Missionierens zum Judentum, allerdings sehr selten). Auch im Christentum ist nach Jahrtausenden der Missionierung nun eine Ära angebrochen, bei der das Missionieren in den Hintergrund gerückt ist. Die Mission wurde durch ein Angebot ersetzt – was sehr gut ist.

MN: Ihr Kind hat einen Mord begangen. Sie haben die Möglichkeit, alle Indizien verschwinden zu lassen. Würden sie das tun?

Was für eine fürchterliche Frage! Ohne mit der Wimper zu zucken, würde ich dies tun (und glaube auch, dies vor meinem Gewissen – und nur darauf kommt es an – mit vernünftigen Gründen rechtfertigen zu können)

MN: Wie kommen wir der Wahrheit näher? Durch Nachdenken oder durch Nachforschen?

Als Mathematiker muss ich antworten: durch Nachdenken. Forschen ist Denken mit der Hand und mit den Sinnen.


Partnerschaft

MN: Um Ihre Beziehung zu retten, würden Sie eher eine Paartherapie oder einen Romantikurlaub auf den Malediven buchen?

Unbedingt der Romantikurlaub – wenn ich auch ein anderes Ziel als die Malediven wählen dürfte

MN: Wie groß ist der Unterschied zwischen Ihrem realen Sexualleben und Ihren sexuellen Fantasien? Sehen Sie eine Chance, diesen Abstand zu verkleinern?

Der Abstand ist null

MN: Haben Sie schon einmal während des Sex geweint?

Aus Lust – auch das gibt es

MN: Wenn Sie die Gewissheit hätten, mit einer bestimmten Person immer guten, aufregenden, gewagten Sex haben zu können – würden sie dafür auf Ihren Führerschein verzichten und stattdessen immer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren? Wenn nicht – was wäre ein fairer Deal?

Den Führerschein aufzugeben, wäre für mich eine derart schmerzlose Angelegenheit, dass der Deal geradezu beschämend unfair wäre. Was müsste ich noch zusätzlich dafür tun, würde ich fragen.

MN: Wie leicht fällt es Ihnen, mit einer attraktiven Frau/mit einem attraktiven Mann zu sprechen und sich dabei nicht vorzustellen, wie es mit ihr/ihm im Bett wäre?

Ich bin nicht der Herr aller meiner Phantasien – aber ich betrachte sie einfach als solche: pure Phantasien

MN: Glauben Sie, ist sich Ihr Gesprächspartner dessen bewusst?

Ich hoffe es


Politik

MN: Halten Sie den Krieg für ein legitimes Mittel, um politische Ziele zu erreichen?

Es gab "gerechte Kriege". Cicero nennt vier Bedingungen dafür: 1. Es muss in dem Staat, gegen den Krieg geführt werden soll, schreiendes, unerträgliches Unrecht herrschen. 2. Alle Verhandlungen mit dem Unrechtsstaat scheiterten. 3. Der Krieg muss von einer Zentralmacht aus geführt werden. 4. Es muss von vornherein klar sein, wie man der Gerechtigkeit in dem bekriegten Staat zum Durchbruch zu verhelfen trachtet.

MN: In wie vielen Jahren wird es die erste österreichische Bundeskanzlerin geben?

Das könnte morgen schon der Fall sein

MN: In wie vielen Jahren wird es den ersten österreichischen Bundeskanzler geben, der einen türkischen Nachnamen trägt?

Auch das könnte morgen schon der Fall sein. Auch ein persischer Nachname ist willkommen.

MN: Wie erklären Sie sich die Tatsache, dass es in jeder Gesellschaft einen rechten Rand gibt?

Es wird immer Ränder geben, rechts wie links – auch oben und unten. Dumm wäre es nur, wenn dazwischen allein Vakuum wäre


Zum Abschluss

MN: Wie spät ist es jetzt?

07 Uhr

MN: Welche Frage war Ihnen unangenehm?

"Unangenehm" ist vielleicht das falsche Wort. Einige waren schwierig – man erkennt es sicher aus meinen Antworten –, aber fast alle waren interessant.

MN: Welche Frage möchten Sie mir stellen?

Werfen meine Antworten neue Fragen bei Ihnen auf? Und wenn ja, welche?

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